Manchmal ist es gut, an einem fremden Ort zu sein. An einem Ort, an dem man sich nicht auskennt, an dem man nicht alles versteht oder sogar gar nichts. Warum? Weil man dann Dinge tut, die man sonst nie tun würde. So war ich neulich an einer amerikanischen Dinnerparty, bei der ich ausser dem Freund, der mich mitgeschleppt hatte, niemanden kannte. Ich betrat eine mir vollkommen fremde Welt. Die Gastgeberin gehörte einer Spezie an, die ich nur vom Fernsehbildschirm her kenne. Eine Chirurgin von Weltrang, führend in der Krebsforschung, seit dreissig Jahren mit demselben Mann verheiratet und erst noch glücklich, ein schönes Haus voller wohlgeratener Kinder, ein von A bis Z selbstgekochtes Abendessen mit mehreren Gängen, das mit einem schnell noch selbst kreierten Dessert endete, dazu sah sie aus wie ein Filmstar und ihre  Nägel, das erfinde ich nicht, ihre Nägel waren golden lackiert. Perfekt natürlich. Ach ja und nett war sie auch. Ich hätte sie hassen mögen, aber wie hasst man jemanden, der routinemässig Leben rettet, unter anderem das eines Menschen, an dem mir sehr viel liegt? Erschlagen von so viel Perfektion wanderte ich durch das grosse Haus. Von der Terrasse drang Gelächter zu mir, und ein schwacher Rauchgeruch. Ich folgte ihm zu einer Gruppe freundlicher älterer Herren, die sich angeregt unterhielten. Ich wollte mich schon wieder zurückziehen, als mich der Hausherr, ein hochdotierter Genforscher entdeckte und mir zuwinkte.

„Setzen Sie sich doch zu uns!“, rief er. „Ich höre, Sie sind Schriftstellerin?“

Schüchtern nickte ich den Herzchirurgen, Menschenrechtsanwälten und anderen wichtigen Herren zu.

„Wie interessant, wir müssen uns unbedingt unterhalten! Unser Grüppchen hat nämlich ein spezielles Hobby: In unserer Freizeit beschäftigen wir uns mit Platon!“

Hätte ich den Satz richtig verstanden, hätte ich mich auf dem Absatz umgedreht. Schliesslich habe ich die Schule nicht abgeschlossen und auch später jede Gelegenheit verpasst, meine humanistische Bildung nachzuholen. Aber der Amerikaner sprach „Platon“ wie „Play-Do“ aus, und dieses Wort kannte ich: Knetgummi!

Ich war hingerissen. Die Vorstellung dieser hochintellektuellen Herren, die sich einmal im Monat trafen, um mit Knetmasse zu spielen, rührte mich so, dass ich mich gleich zu ihnen setzte und anfing zu schwärmen: „Das finde ich so toll“, rief ich. „Wie seid ihr denn bloss darauf gekommen?“

Und so entspann sich ein im Nachhinein leicht surreal anmutende, aber höchst angeregte Diskussion über unterschiedliche Wahrnehmungen, über mögliche Definitionen von Erfolg und Misserfolg und sogar der Tod wurde gestreift. Erst, als ich  wehmütig seufzte, dass damit aber noch nicht geklärt sei, warum am Ende immer nur ein grauer Klumpen übrig bleibe, für immer und ewig im Teppich festgetreten, runzelte einer der Herren die Stirn.

„Das ist die Frage aller Fragen“, meinte ein anderer, doch der Gastgeber, der ja Forscher von Beruf ist, hakte nach: „Wovon reden wir hier?“

„Genau! DAS ist die Frage aller Fragen!“, stimmte sein Kollege zu. Doch dann klärten wir das Missverständnis auf. Die Herren fielen vor Lachen fast von den Stühlen, und ich wollte im Boden versinken. Ich hätte mich doch im Leben nie in diese Diskussion verwickeln lassen, wenn ich gewusst hätte, worum es ging! Aber, dachte ich, als die Schamwelle verebbte, wäre das nicht schade gewesen? Das Beste war, dass die Herren fanden, das sei eigentlich eine prima Idee, das mit dem Knetgummi und das müsste man beim nächsten Treffen unbedingt ausprobieren. Zuhause dachte ich, ich sollte nun mindestens einen Satz von Platon lesen und fand diesen: „Lerne zuhören, und Du wirst auch von denjenigen Nutzen ziehen, die dummes Zeug reden!“

Die Liste der Dinge, die ich garantiert vermissen werde, wird immer länger, je näher meine Abreise rückt. Nein, ich korrigiere mich, es sind weniger Dinge als Menschen. Wie zum Beispiel meinen Vermieter, den ich hier nicht bei Namen nenne, weil ihm das bestimmt peinlich wäre. Ich muss allerdings zugeben, dass der Prozess des Aussortierens meiner materiellen Güter auch Erstaunliches an den Tag bringt. Diese Art von Inventur kann ich jedem, der sich selber näher kennenlernen will, nur empfehlen: Stellt sich nämlich heraus, man hängt an ganz anderen Dingen als erwartet. So hätte ich zum Beispiel gedacht, dass ich das wunderschöne Art Deco Service meiner Urgrossmutter nur unter Tränen zurücklassen könnte. Nicht so: Leichten Herzens packe ich es für meinen Sohn in Zeitungspapier. Unerwartet schwer fällt mir dafür der Abschied von einer viel zu grossen und deshalb kaum gebrauchten Salatschüssel aus Holz, die ich für acht Franken im Brockenhaus gekauft habe. Mehr als das Sonntagsgeschirr meiner Urgrossmutter erinnert mich diese Holzschüssel wohl an meine Kindheit in den siebziger Jahren, an die Einladungen meiner Eltern, an Abendessen an einem grossen Tisch.... Im Moment räume ich meine Schreibstube aus. Auch das weckt wehmütige Gefühle. Als wir vor fast neun Jahren in den Aargau zogen, schaute ich mir diverse Räume an. Grosse Räume, leerstehende Fabrikhallen und Werkstätten, in denen ich locker zwanzig, fünfzig Kursteilnehmer unterbringen konnte. Ich hatte grosse Pläne damals. Das Atelier in Aarau war mir eigentlich zu klein. Trotzdem schaute ich ich ihn mir an, und mit der absoluten Sicherheit, die ich offenbar nur in Bezug auf Räume habe, wusste ich: Das ist es. Natürlich war ich nicht die einzige, die das dachte. Ich weiss nicht, wie viele Bewerbungen der Vermieter bekommen hatte, es mussten viele gewesen sein. Er Ich kann nicht zählen, wie oft ich in den letzten Jahren auf dieses Juwel angesprochen wurde. Jeder wollte es haben, auch als ich noch gar nicht ans Auswandern dachte. Der Vermieter wollte auf jeden Fall einen Künstler oder Kunsthandwerker in seinem „Schopf“ haben. Am Ende blieben drei Bewerber übrig und weil er ein fairer Mensch ist, mein Vermieter, zog er das Los. Ich war nicht nervös, denn ich wusste ja: Das ist mein Raum. Und so war es auch. Der Raum bestimmte meine Methode, Kurse zu leiten entscheidend mit. An dem langen Tisch, der mich an meinen Küchentisch in San Francisco erinnerte, an dem ich meine allerersten Schreibgruppen geleitet hatte, hatten nicht mehr als acht Personen Platz. Daraus ergab sich eine intensive und individuelle Art zu arbeiten, die mir sehr entsprach. Ein grösserer Raum wäre vollkommen verkehrt gewesen! Nach einem Jahr oder so unterbreitete ich meinem Vermieter die Idee, den bisher ungenutzten Dachstock auszubauen oder wenigstens zu isolieren. Ich hatte keine klaren Vorstellungen,  doch die Besprechungen mit dem Vermieter und seinem Innenarchitekten lösten etwas aus. Und so träumte ich eines Nachts von einem Parcours, einer Art Zirkeltraining für die Phantasie. Von einem Dachstock wie in einem Märchen, einem Ort an dem die Zeit stillgestanden war. Einem Ort, an dem man seltsame Dinge in die Hand nehmen konnte, Dinge, die Geschichten erzählten, diktierten sogar. Alte Postkarten, Spielsachen, Automatenfotos, ein einzelner Kinderschuh aus braunem Leder. Ich weiss nicht, wie viele Menschen im Verlauf der Jahre in diesem Dachstock und um meinen Tisch sassen. Ich weiss nicht mehr, wie viele Romanfiguren hier geboren, wie viele Geschichten hier gesponnen wurden. Wie viele Hürden genommen und Blockaden übersprungen wurden. Wir hatten eine Abmachung, mein Vermieter und ich: Ich würde den Umbau selber bezahlen, dafür würde er den Mietzins nicht erhöhen. Das passte mir gut, denn ich hatte vor, hier zu bleiben. „Oh, ich künde nicht!“, versicherte ich ihm immer wieder. „Nur wenn ich tot umfallen oder nach Amerika zurückziehen sollte!“  Einer dieser beiden Fälle ist nun eingetreten. Und was tut mein Vermieter? Er gibt mir mein Geld zurück. Wer tut so etwas? Herr Müller tut so etwas. Jemanden wie ihn werde ich, das weiss ich, nicht so schnell wieder antreffen. Schon gar nicht in Amerika.