Travelling Circus

11-1Es ist Samstag, ich lese die Kolumne von Frau Roten im Magazin: Sorry, sagt sie, sie sei dann mal weg. Für die nächsten drei Monate schreibe sie keine Kolumne. Ich lasse das Heft sinken. Keine Kolumne? Wie geht das? Wie schreibt man drei Monate lang keine Kolumne? Ist es dann überhaupt noch eine Kolumne? Ich tue, was ich in solchen Momenten existenzieller Verwirrung immer tue: Ich rufe das grosse, allmächtige Netz an. Ich bitte um Antworten. Und finde viele. Finde heraus, dass es durchaus üblich ist, regelmässige Kolumnen zu unterbrechen. Wegen Krankheit und Tod, während der Babypause oder einfach, weil die Kolumnistin Ferien macht. Na, so etwas! Warum hat mir das niemand gesagt? Schlimmer, warum bin ich selber nie auf eine solche Idee gekommen? Was sagt das über mich aus? Bin ich ein Workoholic?

Bevor ich auf diese Frage eine schlüssige Antwort finde, fahre ich nach Winterthur, wo wir noch einmal autreten, Sibylle und ich. Zu Lesungen erscheine ich immer erst eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn. Im Theater ist das anders. Da muss man Stunden im Voraus zum Soundcheck antreten, zur Lichtprobe, dann etwas essen, wenn man kann – hier zeigt sich, wer Bühnenerfahrung hat: Die, die etwas isst. Garderobe, umziehen, schminken, noch mal den Text anschauen…. Auf meinem Schminktisch steht mein Laptop aufgeklappt. Sibylle runzelt die Stirn. “Du bist ja ganz woanders!” Ich schreibe vor der Vorstellung noch schnell eine Kolumne, die ich auf der Zugfahrt zwischen Aarau und Winterthur angefangen habe. Meine Kolumne fällt nicht aus. Ich schreibe sie vor. Man weiss ja nie. Früher hatte ich immer mindestens einen Text in Reserve, in den letzten Monaten habe ich das nicht mehr geschafft. Oder nicht mehr für nötig gehalten?

Ich habe mich an den wöchentlichen Rhythmus gewöhnt. Anfangs dachte ich, ich würde ihn höchstens ein Jahr durchhalten. Jetzt sind es schon beinahe sechs Jahre, dreihundert Kolumnen, und der wöchentliche Abgabetermin ist mir so zur Gewohnheit geworden, dass ich ihn kaum mehr als solchen wahrnehme. Nur schon deshalb ist es gut, ihn zu unterbrechen. Was werde ich schreiben, was muss ich schreiben, wenn ich nichts schreiben “muss”?

Eine Kolumne sei ein Text, der nur aus einem einzigen Grund geschrieben wurde: weil der Abgabetermin droht – ich glaube, Peter Bichsel hat das einmal gesagt. So oder so ähnlich. Im Unterschied zum journalistischen Text ist bei der Kolumne der Inhalt nicht vorgegeben. Nur die Länge und eben, der Abgabetermin. Mehr Freiheit gibt es nicht. Ausser natürlich der, ganz ohne Abgabetermin zu schreiben.

Die Frage, ob ich ein Workoholic sei, beantworte ich mir auf der Bühne selber: Wenn ich schreibe, bin ich glücklich. Es gibt für mich keine Trennung zwischen Ferien und Arbeit. Deshalb geht auch die Kolumne weiter. Aber nicht, weil ich von unterwegs liefere, sondern weil ich vorgearbeitet habe. Nach dem Auftritt trinken wir Champagner. Und ich beschliesse, in den nächsten drei Monaten weniger zu schreiben und mehr schreiben zu lassen. Keinen Abgabetermin einzuhalten – auch diesen nicht. Ausser aus Versehen.   images-1

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Travelling Circus

  1. liebe milena
    ich lese grad das buch vom wahren leben, bei dem ich – dir über die schultern schauend – miterlebten durfte, wie es geboren wurde.
    ich gratuliere dir herzlich zur gelungenen geburt!
    wo immer du grad bist, dein buch ist gut angekommen. ich kann ja zwar nur für mich sprechen/schreiben, aber ich finde es wieder hervorragend – weil es eben mitten aus dem leben heraus erzählt. weil es um frauen, um menschen wie ich eine bin geht. weil es authentisch ist …
    bei deiner figur dante muss ich immer mal wieder an wolfgang herrndorf kennen (den kennst du bestimmt?), der vor sechs tagen verstorben ist – nicht zuletzt als folge eines hirntumors. wie du dante beschreibst, ist so berührend. auch die andern figuren!
    ich danke dir herzlich für dieses buch!
    herzlich, sofasophia/denise

    • @ Denise: Siehst du es war doch gut, dass ich meiner Zwanghaftigkeit nachgegeben habe – dein Kommentar wäre sonst in den 44’600 anderen untergegangen. Ich danke dir für deine Worte. Und ja, Herrndorf – ich kannte ihn nicht, aber sein Tod traf mich wie der eines Freundes!

      • oooh, du hast es getan?!
        ich habe jetzt – nach dem lesen des letzten artikels – kurz nachgeschaut, ob … in erinnerung dran, dass ich ja kommentiert habe.

        wie mich das freut, dass du die kommentare gesichtet hast.
        DANKE! :-)

        und ich freue mich auch, dass du wieder weiterbloggst. auf dein neues buchprojekt bin ich mehr als gespannt.

        ich kommentiere jetzt nicht alle neuen artikel, hier aber und pauschal gleich noch ein grosses DANKE!

  2. Heute ist mein erster Tag als freischaffende Schriftstellerin.
    Keine Ahnung wie man das anpackt. Wie ich das anpacken soll. Hm –
    Ich bin ein disziplinierter Mensch. Ein sehr disziplinierter Mensch. Aber irgendwie habe ich das vage Gefühl, dass Disziplin in diesem Fall nicht wirklich das Erfolgsrezept ist: Rahel von acht bis zwölf, Rahel von eins bis fünf. Hm –
    Gestern habe ich meine jüngste Cousine getroffen. Sie ist freischaffende Fotografin.
    „Wie macht man das, so freischaffend?, fragte ich sie ratlos.
    „… ich weiss nicht …“, sagte sie und kam mir nicht weniger ratlos vor als ich selbst, „als ich noch nichts zu tun hatte, ging ich am Morgen jeweils zuerst joggen …“
    Nichts zu tun??
    „Naja, als ich noch keine Aufträge hatte.“
    Aufträge? Kommen denn die von selber??
    „Ja …“, sagte meine Cousine, „… irgendwie schon …“
    Aha. Das klang ja vielversprechend! Wenn man also morgens joggen ging, dann kamen die Aufträge von selber.
    Aber Joggen! Wenn ich nur schon daran denke, wird mir schlecht. Dabei konnte ich doch im Altersheim die fünf Treppen zu unserer Abteilung hochlaufen fast ohne ausser Atem zu geraten –
    Also fit gemacht hat dich das ja nicht gerade, meldet sich da eine innere Stimme. Woher kommt denn die plötzlich? Egal. Sie hat Recht: Die drei Wochen Ferien, die ich mir nach meinem letzten Arbeitstag im Altersheim gegönnt hatte, waren genaugenommen keine Ferien gewesen, sondern ein bitter nötiger Erholungsurlaub. Schlafen, lesen, ein wenig schreiben, essen. Und einmal, am Ende der zweiten Woche, ging ich nach Baden, um in der Stadtbibliothek die Bücher auszutauschen. Ausserdem wollte ich mir wieder einmal die Bildersammlung im Langmattmuseum anschauen, irgendwo Kaffee trinken und am Abend ins Kino gehen. Ein richtiger kleiner Ausflug sollte es werden – Doch als ich nach dem Museumsbesuch auf dem Theaterplatz sass, um ein Brötchen zu essen, überfiel mich beim Gedanken daran, jetzt noch ins Kino zu müssen, eine derart bodenlose Erschöpfung, dass ich die Idee aufgab und nach Hause fuhr. Dabei gehe ich doch so gern ins Kino!
    War ja auch nicht gerade erbauend, dieser Museumsbesuch, bemerkt die innere Stimme. (Ob ich mich wohl an die gewöhnen muss?? Nun ja, solange sie Recht hat …)
    Es stimmt. Der Museumsbesuch war alles andere als erbauend gewesen. Ich liebe die Bilder, die in der Langmattvilla ausgestellt sind, vor allem die kleinen Boudins im Vorzimmer der Galerie. Der freundliche Mann am Empfang nahm mir meinen Rucksack ab und drückte mir, nachdem ich den Eintritt bezahlt hatte, einen Prospekt in die Hand.
    „In ihrer Ausstellung „Die fünfte Jahreszeit“ umkreist Ursula Palla (geb. 1961) anhand von zwölf für die Villa Langmatt geschaffenen Videos und Installationen Fragen zum Verhältnis von Natur und Technik.“
    Spannend, dachte ich, und betrat voller Vorfreude das erste Zimmer. Ein fürchterlicher Knall liess mich zusammenfahren. Während er in einem langanhaltenden Tosen ausklang, sah ich mich verwirrt um. Auf einem an die Wand projizierten Bild sanken Blütenblätter langsam in Richtung des unteren Bildrands, wo sie einen Haufen bildeten. Dann wurde die projizierte Fläche dunkel. Nach einer Weile verschwand die dunkle Fläche, und der Film begann von neuem: Eine Vase mit Blumen, deren Blüten und Blätter von einem feinen Luftzug bewegt wurden, stand vor einem blauen Hintergrund. Ich betrachtete sie eine Weile, und als nichts Weiteres zu geschehen schien, wandte ich mich schulterzuckend ab, um mir die anderen Kunstwerke im Zimmer anzuschauen. Da knallte es wieder. Ich fuhr herum und sah gerade noch, wie der Blumenstrauss auf dem Bild in die Luft flog. Aha, dachte ich, eine Explosion. Die gehörte wohl zum Film, und ich hatte sie verpasst, weil ich mich zu rasch abgewandt hatte. Diesmal würde ich lange genug warten! Wieder fielen die Blütenblätter nach unten und bildeten einen Haufen. Wieder wurde es dunkel. Wieder begann der Film von neuem. Wieder stand die Vase voller Blumen vor dem blauen Hintergrund. Wieder bewegten sich Blüten und Blätter in einem feinen Luftzug. Ich wartete. Nichts geschah. Ich wurde erst ungeduldig, dann ärgerlich. Was soll das?, dachte ich und wunderte mich gleichzeitig ein wenig: Warum ärgerte ich mich? Nichts verpflichtete mich hier stehenzubleiben! Kopfschüttelnd ging ich zur Tür. Es knallte. Mein Herz hämmerte. Ich schaute mich nicht um. Im Foyer las ich die zur Installation gehörende Beschreibung im Prospekt:
    „FLOWERS I zeigt einen Blumenstrauss in einer Vase vor blauem Hintergrund. Ein Luftzug streicht sanft durch das sommerliche Stillleben. Sobald Besucherinnen und Besucher vor der Projektion verweilen, lösen sie (via Sensoren) die Bilder der explodierenden Vase aus. Die Explosion des Blumenstrausses in slow-motion zeigt die Umkehrung der Schönheit zur Ästhetik der Zerstörung und ein Auflösen der Farbflächen.“
    Aha, Sensoren, dachte ich. Na, wartet! Ich schlich mich ins Zimmer zurück, wo sich der Blumenstrauss inzwischen wieder aufgebaut hatte und leise vor sich hinfächelte. Es knallte. Ich seufzte und nutzte die Zeit, um, während der Film fertiglief, das Zimmer zu durchqueren, damit ich versuchen konnte, die Sensoren von der Seite her auszutricksen. Es knallte. Ich wartete. Schlich wie ein Indianer. Es knallte. Ich wartete. Ich kroch. Es knallte. Ich wartete. Ich … hatte keine Chance …

    Um was geht es hier eigentlich? Ich habe gemeint, um mein Debüt als freischaffende Schriftstellerin?!
    Inzwischen ist halb fünf, schon beinahe Feierabend. Was habe ich denn nun wie angepackt? Ich weiss es nicht. Ich glaube nichts. Am Morgen habe ich zuerst die Vorhänge geöffnet. Das habe ich im Altersheim gelernt: Wenn man am Morgen zu einem Bewohner ins Zimmer kommt, muss man immer zuerst die Vorhänge öffnen. Und guten Tag sagen, natürlich.

  3. Liebe Milena – bist du zurück? Und stimmt es, dass du am nächsten Donnerstag im Dolder Bad schon aus deinem neuen Buch liest??
    Liebe Grüsse
    Regula

  4. Liebe Milena, liebe Sibylle
    Zum Auftritt in Winterthur:
    Ganz herzlichen Dank für den berührenden, temperamentvollen und witzigen Abend mit viel Tiefgang. Eure Offenheit, Ehrlichkeit, Beobachtungsgabe, Komik und Selbstironie und Euer spürbares Engagement für einander und für uns ZuschauerInnen haben mich beeindruckt! Ich freue mich sehr auf den versprochenen zweiten Teil und gratuliere Euch herzlich
    Claudia

  5. ich hoffe auf viele versehentlich geschriebene texte von dir. hier und anderswo.
    ja, “schreiben weil ich muss”. das kenn ich …
    workoholic ist anders. oder gleich.

    wie auch immer: gespannt auf alle fortsetzungen
    grüsse ich dich lieb
    denise

  6. Hallo Milena, Ich wünsche Dir eine gute Reise! Das ganze Leben ist ja eine – Reise. Und nun gehst Du auf eine Reise ins Abenteuer. Heb schön Sorg zu Dir! Und ich denke, Du wirst so inspiriert sein, dass Du sehr viel schreiben wirst. Wetten? Wie auch immer: viele tolle Momente. Hoffentlich hast Du einen kleinen Foto-Apparat dabei! Beim Reisen ist man seiner inneren Künstlerin am nächsten. Vielleicht schreibst Du am Morgen 3 A4-Seiten von Hand über alles, was Dir grade so durch den Kopf geht. Ich beneide Dich ein wenig für Dein Vorhaben und für Dein ausgelebtes Schreibtalent und Deine anderen künstlerischen Talente
    ! Alles Gute! Ich hoffe, ich höre über facebook Neues von Dir! Grüsse von Esther ausLU

    • Ja, nicht wahr? – Eigentlich ist wirklich das ganze Leben eine Reise!
      Kennst du „Die Schicksalsreise“ von Döblin? Da versucht er doch, es zu beschreiben. Ich glaube, es gelingt ihm nicht ganz, sich wirklich verständlich zu machen, aber dass er es wenigstens versucht hat, beeindruckt mich. Aufgrund seiner Erlebnisse auf dieser Reise bzw. Flucht durch Frankreich vor den Nazis ist er ja dann anschliessend zum katholischen Glauben übergetreten – er war ursprünglich Jude – und hat sich damit, wenn ich mich recht erinnere, so ziemlich aus dem damals einschlägigen „Literaturbetrieb“ (Brecht und so) herauskatapultiert. Man müsste das wieder einmal nachlesen, wäre spannend …

      Liebe Grüsse
      Regula

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