La gaa laaa

images-1Letzte Woche war ich zwei Tage in München. Eine dieser Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, als ich noch dachte: Bis dann bin ich ja längst fertig mit dem Roman. Dann hab ich Zeit.
– So war es nicht. In München besuchte ich das Mutterhaus, also den Hanser Verlag, zu dem mein Verlag Nagel & Kimche gehört. Also traf ich auch den Mutterverleger Michael Krüger, der sich nach meinem Manuskript erkundigte. Es sei noch gar nicht fertig, sagte ich nonchalant. Er zuckte zusammen. Ich erschrak. Ich hatte das schon so oft gesagt: “Ich bin noch nicht fertig”, dass die Aussage ihren Schrecken verloren hatte. Schnell versuchte ich, mich herauszureden: Es handle sich keinesfalls um eine Schreibblockade, sagte ich. “Keine Sorge! Wird schon! Etc.!”
Am nächsten Tag besuchte ich einen social media workshop, von dem ich nächste Woche ausführlicher berichten werde. Ich war, im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren, am Vorabend nicht mehr mit ins “Schumann’s” gegangen. Und doch schienen die alle fitter und wacher als ich. Vermutlich waren sie nur jünger. Oder ich wurde krank. Das auch. Aber da sass ich und fragte mich, was eigentlich los sei. Warum ich immer noch nicht fertig war. Mehr als zwei Monate über den Termin hinausgeplempert – das ist mir noch nie passiert. In all den Jahren noch nie. Selbst meine Geburten wurden nach einer Frist von drei Wochen eingeleitet. Das Fieber stieg und die Gewissheit wuchs: Ich konnte nicht loslassen. Das war’s.

Nun muss ich kurz innehalten und erklären, wie sehr ich diesen Begriff hasse: Looooooslassen! Was für ein Konzept! Was für eine billige Entschuldigung, sich um nichts mehr zu kümmern, am wenigsten um andere Menschen. “Ich musste halt loslassen”, das klingt für mich sehr oft wie: “Ich wasch meine Hände in Unschuld. Geht mich nichts an!”  Katchie hat das in ihrem Blog Anfang Januar sehr schön beschrieben.

Man müsste im Gegenteil mehr festhalten, denke ich, die anderen festhalten, stützen, unterstützen und vielleicht dafür sich selbst loslassen, seine Vorstellungen, wie die anderen zu sein hätten.

Aber – im Bezug auf mein Manuskript, auf meine Figuren, musste ich mir genau das sagen: “Du musst jetzt ganz tapfer sein. Du musst jetzt looooooooooooos lassen!”

Denn eigentlich hatte ich die letzte Szene schon vor einer Weile geschrieben. Ich kannte den Schluss. Das Ausfüllen einiger kleinen Lücken auf dem Weg zu diesem Bild mit dem Rollstuhl auf dem Balkon würde nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Wenn ich mich nicht ständig ablenken liesse: Oh, könnte ich nicht Sierra wieder mit dem Neurologen verkuppeln? Oder was, wenn Erika im Yoga auftaucht? Und die Sozialarbeiterin von ihrer Kreuzfahrt zurückkommt? Nevada fliegt doch jetzt bestimmt nach Amerika, um Dante abzuholen. Und so weiter. Ich versuchte, dutzende kleiner Epiloge zu basteln: Drei Wochen später, drei Monate, drei Jahre. Weil ich mich von den Figuren nicht trennen konnte. Dabei war ihre Geschichte erzählt. Zu Ende erzählt.

Und als mir das klar wurde, wusste ich: Bald bin ich fertig. Zwei Tage lag ich mit Fieber flach. Zwei Tage leitete ich, bis unter die Ohren mit Medikamenten vollgestopft, einen Kurs. Und trotzdem war ich nach diesen vier Tagen fertig.

Übrigens, die Beatles hatten Recht. Die words of wisdom lauten nicht let it go, sondern let it be.

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14 Gedanken zu “La gaa laaa

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  2. Pingback: Nach dem Buch ist vor dem Buch. | Schau mir über die Schultern, Kleines! Milena schreibt ein Buch

  3. es scheint ALLE wissen es, nur ich nicht, bin eben von gestern oder noch früher, weisst Du ja, und es stimmt. Machst Du Lesungen? Hoffentlich! Dieses Mal kaufe ich mir Dein Buch von dort wo Du liest, cash. Und stelle mich brav in Reihe um das Buch von Dir signiert zu bekommen, wie? Ganz einfach “für den hauptberuflichen Leser Hans” … (und sonst gar nix)

  4. Marvellous – herzlichsten Glückwunsch!
    Liebe Milena, das ist eine wunderbare Nachricht, so aufmunternd, Du bist fertig! Das ist vor allem ein Lichtstrahl in meinem schwarzen Loch, dass den Namen Blockade auf meine Stirn malt. Himmel, wie kann man das nur beenden, könnte mein Aufschrei lauten – und die große Frage, die im Raume steht, wenn jetzt alle Lobeshymnen zur Buchmesse in Leipzig tönen, ist, wie kille ich die finsteren Affenmonster in meinem Kopf?
    Und was geschieht im eisig kalten schneeigen Leipzig:
    Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben. Weil ich derartig deprimiert war von einem Erlebnis bei einem Projekt, das ich betreue, dass ich voll innerlichem Zorn einfach ein Ventil brauchte. Was fiel mir ein? Mich in Ingas Welt zu beamen.
    Sonnenstrahl am Horizont? Ich bin jetzt gerade eben davon überzeugt und werde dieses Hälmchen im reissenden Strom einfach festhalten.
    Schwere Frage: Muss ich mich jetzt bei dieser unglaublichen zähen Person bedanken, dieser Ausbremserin, diese Unterlauferin!
    Ich mach’s innerlich, denn sie hat mich gezwungen, wieder die ersten Zeilen zu schreiben nach fast sechs Wochen.
    Viele farbige Ranunkelgrüsse
    von Gise

    • Bin gerade auf der Buchmesse in Leipzig und habe bei einer Diskussion zu dem Buch “Lost Wor(l)ds – ein europäisches Wörterbuch” erfahren, dass Wörter Taschen sind, die mit immer wieder neuen Inhalten gefüllt werden. Dass Wörter eine Innenseite und Aussenseite haben, und dass Wörter Schlüssel sind, die in passenden Schlüssellöchern Welten erschliessen. Aber –
      der serbische Schriftsteller Göran Petrovic ist sicher, dass heute viele Schlüssellöcher verschwunden – nicht die Wörter -, so dass viele Sprachwelten nicht mehr da sind. Die Vorstellung der vielen Schlüssel und wie durch die durch den Äther taumeln auf der Suche nach einem passenden Schlüsselloch – sind das die Inspirationen, die wir ergreifen, und die Welt dazu schreiben? Das gefällt mir. Und es passt zu Deiner inspirierenden Methode, liebe Milena.

  5. Tja, beim lesen dieser ehrlichen letitbee kam mir nur in den Sinn, dass es in diesem Alter sooo viel los zu lassen gibt… Beruflich und Privat…. Und womöglich noch die Fertilität…
    Viel Glück und auf gehts ins shavasana

  6. Es ist also vollbracht. Herzlichen Glückwunsch.
    Ich hätte da mal eine Frage. Als ich mein Buch beendet hatte, dachte ich, jetzt müsste doch ein überschäumendes Glücksgefühl da sein. War aber nicht. Im Gegenteil, ich hing depressiv herum und kam zu dem Schluss an einer postnatalen Depression zu leiden. Einer befreundeten Autorin geht das auch so. Wie ist das bei Dir?
    Alles Liebe Karin

  7. ich glückwünsche auch und staune einmal mehr, wie schreiben eben immer wieder anders ist. fast wie leben.

    ich freue mich sehr auf das neue buch. und immer wieder darüber, dass ich beim entstehungsprozess mitlesen durfte. und hier hoffentlich auch weiter mitlesen darf.

    herzliche grüsse, denise

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