Just Torture.

Die Affenbande lässt mich weitgehend in Ruhe, während ich meinen Roman – so wie es aussieht – also doch – irgendwie – hoffentlich – zu Ende schreibe. Ich setze mich einfach hin, früh Morgens oder spät Abends oder Nachmittags im Zug, und ich schreibe. Unterdessen habe ich zwar eine ungefähre Vorstellung davon, was noch passieren könnte, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So war ich mir ziemlich sicher, dass Erikas Ehemann eine langjährige Affäre hat, und zwar wenig originell, mit seiner Assistentin Marga. Gerade das Unoriginelle daran, dachte ich, wird Erika besonders verletzen. Ausserdem ist Marga genau der Typ Frau, der Max beeindruckt. Eine alleinerziehende Mutter aus Ungarn, eine hart arbeitende Frau, der nichts geschenkt wird, und die sich doch immer auch für andere einsetzt, während Erika in Maxens Augen eine weitgehend sinnlose Existenz führt.

Doch dann zog sich Marga immer mehr an den Rand der Handlung zurück und plötzlich wurde mir klar: Es ist gar nicht Marga! Es ist…

…. genau!! Ich falle aus allen Wolken, doch jetzt, wo ich es weiss, sehe ich überall Anzeichen dafür. Frühere Szenen bekommen eine neue Bedeutung. Ich hätte es doch da schon sehen müssen! Es ist offensichtlich! Diese neue Wende verändert wiederum den Verlauf der Geschichte, aber sie treibt mich auch voran: Was lauert da noch im Gebüsch? Was passiert wohl als nächstes?

Und so mache ich weiter. Ich schreibe einfach. Einfach ist dabei das Schlüsselwort. Dieses seltsame neue Lebensgefühl “eigentlich ist doch alles ganz einfach” hält an. Nicht einmal mein immer noch etwas absurdes Arbeitspensum schüchtert mich noch ein. Ich erfülle es einfach. Kurzgeschichten, Auftritte, Kurse, Kolumne, Roman. Obwohl mein nanowrimo word count brutal im Minus ist. Meine Affen leiden unter Nichtbeachtung, sie lungern in meinem Kopf herum, bewerfen sich gegenseitig mit Bananen, gelangweilt und schlecht gelaunt. So kommt man auf dumme Gedanken. Jetzt haben sie sich wieder mal auf diesen Blog eingeschossen.

Lass es, dir fällt eh nichts ein.

Wen interessiert es überhaupt.

Naja, Regula, OK, aber der kannst du auch eine mail schreiben.

Was gibt es übers Schreiben schon zu sagen?

Eine ganze Menge – aber das haben andere schon getan. Bessere. Klügere.

Gib’s doch einfach zu: Du hast nichts zu sagen.

In einer halben Stunde muss ich im Kurslokal sein, und hier warten noch 393 Kommentare darauf, gelöscht zu werden. 393 seit gestern! Und alle sind Spam!

Siehst du, rufen die Affen. Cheap Viagra liest deinen Blog! Und UGG Boot Outlet! Haha!

Was soll es, denke ich, ich könnte die halbe Stunde für meinen Roman brauchen. Jedes Wort zählt! Die Versuchung ist gross, diesen Sonntag einfach nichts zu schreiben, den Blog einschlafen zu lassen, das haben andere schliesslich auch getan. Die meisten Blogs schlafen irgendwann ein. Und überhaupt, denke ich. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem Schreiben, mit anderen Autoren, wie macht es Irving, wie arbeitet Julian Barnes hat mir vor allem etwas bewusst gemacht: Keiner dieser grossen Autoren befasst sich mit der Arbeitsweise der anderen. Nur mit der eigenen. Also müssten all jene, die diesen Blog lesen, weil sie selber schreiben, ihre Zeit lieber zum Schreiben nutzen. Oder um darüber nachzudenken, wie sie arbeiten. Nicht ich.

Und als ob ich nicht schon schlecht gelaunt genug wäre, schicken mir die Affen einen Link zu einem Interview mit Philip Roth. Quit while you’re ahead!

Philip Roth spricht mit meinen Affen? Ich gebe zu, das beflügelt mich. Was absolut nicht die Absicht war. Also gut, Regula, wir machen weiter!

22 Gedanken zu “Just Torture.

  1. Ich sei ein “Sternenfänger”, sagte der Kursleiter gestern zu mir, weil ich die Bälle immer hoch über meinem Kopf einzufangen versuchte – nicht ohne Erfolg, nota bene – und dabei wild umherhüpfte.
    Jetzt muss erst üben, die beiden Bälle kurz nach einander an die Zimmerdecke zu werfen und dann zu Boden fallen lassen, wenn ich irgendwann einen dritten dazunehmen will. Und das will ich – wer hat schon einen wild umherhüpfenden Jongleur gesehen … Aber es ist – JUST TORTURE :-)

  2. Na ja, solange sich diese Affen ausschliesslich mit Bananen bewerfen, sehe ich eigentlich kein grösseres Problem. Das ist, als ob sich Bären gegenseitig mit Honig bewerfen. (Affen, und insbesondere Schimpansen, haben ja den Ruf, dass sie mit weitaus Ekligerem um sich werfen.) Bananen machen stark, das weiss jeder, der Irvings “Garp” gelesen hat…

  3. Anna – Danke für den glücklichen Sonntag (Samstag? Montag?)!
    Aber, äh … könntet ihr euch nicht vielleicht durch etwas anderes wühlen als durch den Kompost?? Zum Beispiel durch eine Torte oder eine Grosspackung Karamelleis? Naja … du hast selber genug Phantasie –
    Ich meine, ich weiss ja, dass Kompost nützlich ist – beziehungsweise unentbehrlich – , aber irgendwie macht es doch einfach weniger Freude, wenn man nicht blind ist wie ein Regenwurm :-)
    Liebe Grüsse
    Regula

  4. @Milena – Gestern: 7420, Bund Essay-Wettbewerb zum Zweiten. (Emanzipation, mein Lieblingsthema) Vielleicht kommt Alex so auf die Idee, dass er in irgendeiner Zügelkiste noch ein Buch von mir liegen hat, das dringend auf eine Rezension im Bund wartet. Alles schon dagewesen, nicht bös
    gemeint …
    Heute muss ich putzen. Die Staubmäuse lassen sich nicht länger ignorieren.
    Dann zwei Tage Kurs: “Kinästhetik”, das heisst, “Wie bewege ich andere, ohne meinen eigenen Rücken zu brechen” oder so ähnlich.
    Dann ein Tag Atelier im Altersheim.
    Und dann wieder vier Tage frei.

  5. So, nun habe ich das Interview gelesen. Mit dem Dix auf den Knien, da ich ja nicht englisch kann.
    Thank you for nodding slowly, dear Milena!!
    :-)

  6. Natürlich lesen mehr Deinen Blog als sie Dir schreiben, liebe Milena. Ich zum Beispiel, giere fast jeden Tag danach, zu schauen, was denn da an Kommentaren passiert. Und dann lese ich diese tollen Einträge und weiß, es ist alles gesagt, was ich hätte sagen wollen, können, und dann bleibt “reply” frei.
    Zu wissen, dass Du selbst rumkämpfst, gibt Mut – denn die Affenhorde ist bei mir sehr raffiniert. Sie schmeißen nicht mit Bananen, sondern haben einen dicken Vorrat an feinsten Injektionsnadeln entdeckt. Die piksen sie immer in empfindliche Stellen, wenn ich zum innerlichen Glücksmoment ansetze, oder – wie sie meinen – vermessenerweise zum Höhenflug. Dann zischt es ins Schwarz als hätte man eine fette Luftblase gekillt. Dann kommen die richtigen Affenbrummen, mit ihrem schwarzen zotteligen Fell und quatschen und quatschen mir die Ohren voll mit ihren Kommentaren zu dem, was vor mir liegt. Sie halten mit ihren hässlichen Händen mir Augen, Ohren und Mund zu, bis ich explodiere und alle zu Konfetti verarbeite. Und dann erschöpft, verfaltet, wie eine leere Hülle am Boden liege, unbemerkt, zur Fußmatte für lebendige Menschen degeneriert, die freundlich drüber tappen und die letzte Luft raustreten. Und dann der Moment: Ich setze mich hin, schreibe, schreibe. Nicht über den Weintreff, nicht über die Helfer des Altenheims, nein, ich schreibe von Jason, der sein Schlangen-S und das allumfassende O aus seinem Namen verloren hat, der seine Freundin schlägt, weil sie seinem Geheimnis zu nah kommt, als sie die Wirkung des kleinen goldenen Vlieses auf seinem Unterarm entdeckt, von dem er gar nichts weiß! Nix mehr mit verfalteter Hülle, die feinen Nadeln prallen ab, die Sonne wärmt mein Gesicht und der Redakteur sagt: “Das ist aber ein schöner Artikel!” Danke, denke ich, aber Du weißt eigentlich gar nichts! Aber dann merke ich, wie mich die Bemerkung richtig freut. Nicht sein Urteil, sondern dass da was drin war, was ihn anhalten ließ in seinem Alltag und zum Hörer greifen. Alltagskaleidoskop mit vielen beglückenden Spektren – und dann geht es wieder zurück zum “Schönsten Jahr meines Lebens” – wie der Arbeitstitel von “Hell Bent” inzwischen heißt!
    Schön, dass wir uns alle wiedersehen!, Gise

  7. Liebe Milena, liebe Grüße an die Affen. Ich lese Deinen Blog jede Woche und freue mich auf jeden Beitrag. Auch wenn ich nicht immer kommentiere.
    Mein NaNoWriMo Account ist nicht erwähnenswert. Es kamen dauernd Termine und dann sollte ich noch bei der Eröffnung einer kleinen Bibliothek lesen und dafür sollte ein spezieller Text … nun ja, der übliche Wahnsinn halt.
    Bis bald
    Karin

  8. Nur, dass du nicht meinst…

    Liebe Milena, nicht im Blog schreiben, heisst nicht, ihn nicht zu lesen!!! (Dreifache Verneinung – wenn das nichts ist….) Dieser Blog ist sogar der Einzige, den ich lese.

    Schreiben tue ich viel: eine Praxis-Broschüre, viele Essays in der Weiterbildung, und gerade dort habe ich die interessante Erfahrung gemacht, dass es auch im wissenschaftlichen Geschehen ein Pluspunkt ist, wenn man Zusammenhänge als Geschichte dar stellt – die Tipps dafür glichen deinen entscheidend! Wie könnte es auch anders sein – hinter allen wissenschaftlich untersuchten Dingen stecken so viele Geschichten. Es ist längst nicht mehr so, dass man nur Statistiken auswertet – nein, auch persönlich erzählte Geschichten von Menschen liefern Hinweise auf wichtige Zusammenhänge.

    Der Kopf ist voll, sogar zu voll für alle Affenbanden der Welt. Fetzen, die hin und her schiessen und dazu führen, dass ich zwischendurch nachts aufstehe und Notizen mache, wieder einmal in irgendwelche Hefte, in der seligen Hoffnung, sie bei Bedarf wieder zu finden.

    Ich bin also da, im Moment ernster und wenig verspielt, aber doch präsent. Mach ja weiter mit dem Blog.

    Liebe Grüsse
    Isabel

    • Isabel – Ich bin froh, das zu hören! Mein Bund-Essay über Emanzipation wird nämlich wieder einmal nichts anderes als ein Bericht über eigene Erfahrungen und den Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe. Nur, dass ich mich diesmal bemühe, nicht „literarisch“ zu werden, sondern ganz sachlich und nüchtern festzuhalten versuche, was war, beziehungsweise ist.

  9. Sonntag um halb elf – sollten wir nicht eigentlich in der Kirche sein?!
    Wie hiess es doch gleich? Die Letzten werden die Ersten sein?? Stimmt das?
    😉
    Ich werde jetzt erst mal frühstücken.

    • Liebe Milena, ja stimmt, deine Bedenken, der Blog könnte einschlafen finde ich berechtigt. — Wie schnell passiert so etwas, wenn wir nicht direkt aufeinander reagieren ? Es wird uns so oft gesagt: Ja, da habe ich an dich gedacht ……. ja, du kamst mir in den Sinn ……. genau, an deinem Geburtstag habe ich an dich gedacht ……. ach, als ich dort ankam bist du mir eingefallen …… usw. — Ja, gut, aber wie sollen wir uns über Das-an-uns-Denken freuen oder von jemandem inspiriert werden, wenn man uns kein Zeichen gibt ? — Wie schade um das versäumte und vergessene Glück,— denke ich jeweils, — das den andern doch in seinem ( tiefsten ) Herzen hätte erreichen können, wir aber alles eben nur ge-dach-t haben ? — Klar, an jemanden denken ist auch wunderbar, aber oft ist es zu wenig. Wir müssen uns Mühe geben, die lieben, lustigen und interessanten Dinge einander wirklich mitzuteilen, im richtigen Moment zu reagieren. Ich habe gemerkt, dass mich das ebenfalls glücklich macht, die andern macht es sowieso garantiert glücklich — und das bereichert doch das Leben ungemein !
      Also, schreiben wir doch einander in die Blogs, und lassen uns von den Affen nicht stören, auch wenn es nur ein paar Gedanken oder ein paar Fetzen Buchstaben sind. Sie beglücken uns sowieso und vertreiben auch die Affen ………… Vortrag abgeschlossen ! Und liebe Grüsse !

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