Plötzlich diese Leichtigkeit.

Wo sie herkommt, ich weiss es nicht. Aber plötzlich ist dieser Satz in meinem Kopf: “Von nun an soll einfach sein und leicht.” Das ist keine Bitte, das ist eine Feststellung. Man kann sie sachlich nicht begründen, auf meinem Tisch liegt derselbe Stapel unangenehmer Aufgaben, die virtuellen und realen Briefkästen quillen vor schlechter Nachrichten über und als mein Bruder anruft, um mit mir über eine “Veränderung der Familienverhältnisse” zu reden, denke ich gleich das Schlimmste. Es ist dann aber das Beste. Vielleicht kommt er daher, dieser Satz. Von dieser einen unerwarteten guten Nachricht in einem Stapel von schlechten.

Dieser Satz jedenfalls ist jetzt in meinem Kopf. Er breitet sich dort aus, er kleidet meine Schädeldecke aus wie eine Worttapete, er schlängelt sich endlos durch die Schlaufen meiner Hirnwindungen. Von nun an soll es einfach sein und leicht.

Das wirkt sich – natürlich – auch auf das Schreiben aus. Auch in diesem Zusammenhang kommt mir wieder die Putzfraueninsel in den Sinn, vielleicht, weil ich mich in den letzten Wochen wieder mit diesem Roman befassen musste. Obwohl ich ihn immer noch nicht wiedergelesen habe (danke Regula), erinnere mich daran, ihn geschrieben zu haben. Sehr schnell, ohne aufzuschauen, ohne nachzudenken. Ich erinnere mich an ein kinderfreies Wochenende am Schreibtisch, und daran, dass mein damaliger Freund mit mir ins Kino wollte. “Roger and I”. Das weiss ich heute noch, aber nichts mehr über den Film. Ich erinnere mich nur noch an dieses unerträgliche Reissen in jeder Zelle, zurück an den Schreibtisch! An die Sätze, die sich in meinem Kopf überschlugen, in dem kein Platz für Filmbilder war. Trotzdem wäre es mir damals nie in den Sinn gekommen, zu sagen: “Heute nicht, ich schreibe.” Ich muss mich später wieder an den Schreibtisch geschlichen haben, oder am nächsten Tag oder Wochenende. Denn geschrieben habe ich das Buch. Wie mein damaliger Freund später sagte: “Ich hab gar nicht gemerkt, dass du ein Buch geschrieben hast. Eines Tages warst du einfach fertig.” Er meinte das als Kompliment, und ich hörte es auch so. Damals hatte ich durchaus den Ehrgeiz, so zu schreiben, dass es niemand merkte. Dass es niemanden störte. Niemandem etwas wegnahm. Ich wollte mich nicht wie mein Vater hinter meinem Werk verschanzen. Diesen Ehrgeiz behielt ich lange bei. Auch als mein Schreiben schon eine Familie ernährte, tat ich es möglichst nebenher, nachdem alles andere erledigt war. Dieser Ehrgeiz war doof. Wie so manches, was ich in dieser Lebensphase gedacht oder getan habe. Das heimliche Schreiben ist ungeheuer aufreibend. Und doch jetzt komme ich darauf zurück.

Nicht, um niemanden zu stören. Nicht, um meine Arbeit zu verkleinern, vernichtigen, verniedlichen. Sondern aus dieser neuen, alten Leichtigkeit heraus. Ein Buch zu schreiben ist zugegeben ein wahnsinniges, alles verzehrendes, lebenverdrängendes, grossartiges, zermürbendes, beglückendes Unterfangen – es ist aber gleichzeitig auch keine grosse Sache. Ich kann mich in diesem Bewusstsein des Wahnsinnigen, Verzehrenden etc meines Unternehmens an den Schreibtisch setzen, mit einem tiefen Luft holen, Mut schöpfen – oder einfach so. Wie wenn nichts wäre. Ich kann so schreiben, wie andere unter der Dusche singen.

Wie wenn nichts dabei wäre.

Oder, wie es die damals 9jährige Amela nach einem Schul-Schreibprojekt zusammengefasst hat: “Ich habe dann einfach einmal angefangen und dann habe ich immer weiter geschrieben und irgendwann bin ich fertig geworden.”

2 Gedanken zu “Plötzlich diese Leichtigkeit.

  1. Das macht Mut, liebe Milena.

    Diese Einfachheit, authentisch, lebendig, real … ich wünsche sie dir anahaltend. Und mir auch.
    Ich nerve mich zurzeit über so viele “künstliche”, effektheischende Texte im Netz. Da tut dein Blog einfach so gut!

    Herzlich, Soso
    (Hast du das Federwelt-Heft mit dem Artikel über das Bloggen schon bekommen? Sollte dieser Tage eintreffen! :-))

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