Mit-aussen Wort

(Klosterbett mit Vorhang und Bücherstapel oder: Auch zum Meditieren braucht man verschiedene Paare Schuhe und Stiefel)

„Mama schau, der Junge auf dem Velo! Der fährt mit-aussen Helm!“ Ich brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen, was mein Sohn meinte – er muss 6 oder 7 gewesen sein, zwischen zwei Sprachen gefangen. Ich schaute dem Velo nach, auf dem ein blonder Junge davonstrampelte, mit unbedecktem Kopf. Da verstand ich. Mit-aussen, without: ohne.

Das ist mir letzte Woche wieder eingefallen, als ich schweigend auf meinem Kissen sass. Ohne Worte wäre falsch. Mit-aussen-Worten trifft es eher.  Die Worte blieben aussen. Innen war etwas anderes. Was, das kann ich nicht beschreiben – noch nicht?

Es war gleichzeitig schwieriger als erwartet und einfacher. All die Einschränkungen und Regeln, gegen die ich im Vorfeld aufbegehrt hatte, der streng strukturierte Tagesablauf, der in 30-Minuten-Abschnitten die Zeit zwischen 5.30 und 21 Uhr zerteilte, und der mich beim ersten Lesen in nackte Panik versetzt hatte, stellten sich in der Praxis als äusserst hilfreich heraus. Was für eine Erleichterung, eine Woche lang keine einzige Entscheidung zu treffen! Sich keine Minute zu fragen, was mach ich jetzt als Nächstes! In dieser strengen Struktur, so merkte ich schnell, liegt eine grosse Freiheit. Die Struktur gab mir den nötigen Halt, um den Sprung ins Leere erst zu wagen. Um mich wirklich zu stellen. Ohne ständige Ablenkung war eine Versenkung möglich, die ich in dieser Tiefe noch nicht erlebt habe. Schwieriger als erwartet war der physische Aspekt des stundenlangen Sitzens. Meine Knie, Hüften und Schultern waren „not amused“, um es mal so zu sagen. Mein Geist hingegen atmete auf.

(Ja, ich weiss: Das hab ich beinahe wörtlich schon einmal so empfunden und auch beschrieben. Damals ging es um meine allererste Yogastunde. Diese beiden Systeme sind haben auch nicht nichts miteinander zu tun.)

Was mir das Sitzen erleichterte, war unerwarterweise das Schreiben. Nicht, dass ich in dieser Woche mehr als ein paar Worte notiert hätte, nein. Ich meine meine fast lebenslange, tägliche Schreib-Tätigkeit. Stellt sich heraus, dass mein persönlicher Zugang zum Schreiben etwas durchaus zen-mässiges hat: Ich schreibe zu festen Zeiten, jeden Tag, ob ich Lust darauf habe oder nicht. Während ich schreibe, gibt es nichts anderes, keine Ablenkung. Ich schreibe ohne jede Erwartung, ohne festen Plan, akzeptiere das, was aufs Papier kommt, mal zähneknirschend, mal schulterzuckend, mal innerlich jubelnd. Selbst wenn ich einen Auftrag habe, vergesse ich diesen Auftrag. Wenigstens für den ersten Entwurf. Da ich immer mehrere Aufträge gleichzeitig annehme, ist die Chance gross, dass das, was aufs Papier kommt, den einen oder anderen erfüllt. Aber oft ist Schreiben auch Selbstzweck. Oft weiss ich nicht, „was es ist“.

Genau so verhält es sich offenbar auch mit dem Meditieren: Man gibt seine Erwartungen zusammen mit seinen Schuhen an der Tür ab, man setzt sich hin, man tut es einfach.

Und deshalb fiel es mir auch oder gerade in dieser Intensität, leichter als erwartet. Es fühlte natürlich an. Vertraut.

Und genau wie beim Schreiben auch, platzten die schönsten Seifenblasen dann, wenn ich am wenigsten erwartete. Viele dieser 30-minütigen Sitzperioden waren öde. Manchmal nickte ich ein. Manchmal lief mir ein Sutra nach, das wir an diesem Tag gesungen hatten, oder irgendein deppertes Lied. Ich zählte meine Atemzüge: Fünf… sechs… siebzehn… Siebzehn? Zurück zum Start: Eins… zwei…

Aber auch das bin ich gewohnt. Nicht bei jeder Schreibzeit kommt etwas heraus. Aber es braucht diese Durststrecken für die seligen Momente, in den „es“ einfach schreibt.

Ich stelle mir immer vor, dass meine Muse eine schlechtgelaunte, zickige, alternde Diva ist, die ihre besten Tage gesehen hat. Sich um meinesgleichen zu kümmern, ist weit unter ihrer Würde. Und das lässt sie mich spüren. Doch tapfer rolle ich ihr jeden Tag von neuem den roten Teppich aus. Für den Fall, dass sie sich doch einmal die Ehre gibt. Je öfter ich ihr so huldige, desto öfter zeigt sie sich.

So ist es auch mit der Erleuchtung.

Warum tun wir das? Warum sitzen wir? Weil es der menschlichen Natur entspricht. Der Geist will Ruhe haben und Klarheit. Warum schreiben wir? Meine Antwort ist dieselbe: Weil es meiner Natur entspricht. Ich denke, das ist die einfachste Antwort. Die, die es am ehesten erlaubt, sich täglich hinzusetzen.

Warum schreibt ihr?

4 Gedanken zu “Mit-aussen Wort

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  2. wenn ich jetzt sage, ich weiss es nicht, klingt das sicher bescheuert. ebenso bescheuert wie: ich kann nicht anders. aber vielleicht stimmt am ehesten: weil ich es will.

    und nach deinem artikel hier kann ich vielleicht sogar sagen: weil es meiner natur entspricht. weil es in mir ruhe und klarheit schafft.

    du glaubst ja nicht, wie dieser artikel genau hier und genau jetzt genau das ist, was mich nährt. echt wahr.

    danke, dass du deine erfahrungen mit uns teilst.

    liebe grüsse, sofasophia

  3. Liebe Milena, für meinen Wunsch zu Schreiben gibt es viele Gründe. Da sind so banale Aspekte wie die, etwas Sinnvolles und Kreatives zu tun mit meiner Zeit. Und vielleicht spielt auch der Gedanke, etwas „zu schaffen“ im Hinterkopf unbewusst eine Rolle. Momentan ist mein Schreiben nur für den privaten Rahmen gedacht. Ob es eines Tages auch für Andere gedacht sein wird, kann ich heute nicht entscheiden und das ist auch nicht nötig.
    Ich möchte schreiben, weil ich Freude empfinde beim Lesen einer guten Geschichte, weil ich dann das Gefühl habe, in das Buch kriechen zu müssen. Und weil ich diesem Ideal gerne näher kommen möchte: die richtigen Worte und Sätze bilden, beim Schreiben und durch das Schreiben zu verstehen, zu erkennen. Und ich möchte die Erinnerung wach halten, möchte Wichtiges festhalten und bewahren können. Beim Schreiben von Bekanntem, der Phantasie freien Lauf lassen und so neue Geschichten erschaffen.
    Und ich halte mich wie Du an einen festen Zeitplan, manchmal kommt etwas “Brauchbares” dabei raus, meistens nicht. Das Wichtigste ist das “Dranbleiben”.
    In diesem Sinne, herzliche Grüße
    Eva

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