Der Unterschied

Tief durchatmen. Finger von der Tastatur. Nein! Tu’s nicht! Ich kämpfe. Kämpfe mit mir. Ein Teil von mir will sich entschuldigen, erklären, die Aussagen von letzter Woche zurücknehmen oder wenigstens abschwächen: Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnn, so hab ich’s nicht gemeint! Neiiiiiiiiiiin, ich bin keine schlechte Mutter!

Ich tue es nicht. Ich nehme meine Aussagen nicht zurück. Ich höre nicht auf, zu schreiben. Im Gegenteil. Ich tobe mich aus. Ich lasse die Puppe sterben, was gar nicht so einfach ist, denn selbst ein Mann, der nicht merkt, dass seine Ehefrau nicht mehr da ist, dass sie sich selber durch eine solche Puppe ersetzt hat (Achtung, Satire!), selbst der wird wohl merken, wenn er mit dem Messer ins Leere sticht, wenn aus der Schusswunde Luft entweicht statt Blut spritzt. Gar nicht so einfach, eine Puppe umzubringen! Aber ich hab mir was einfallen lassen. Und es hat Spass gemacht.

Abgeben muss ich die Geschichte erst in acht Wochen. Sechs davon lasse ich sie liegen. Dann nehme ich sie wieder hervor, überarbeite sie. Vielleicht wird sie dadurch klarer. Böser. Versöhnlicher. Das weiss ich noch nicht.

Apropos Satire: Vor fast zwanzig Jahren habe ich einen bitterbösen Text verfasst, in dem ich mir vorstellte, ich sei zwar eine Frau, lebte aber wie ein Mann. Der Text heisst “Mein leben als Schriftstellerin” und ist auf meiner Homepage unter “Texte” zu finden. Er ist nicht besonders originell. Ich habe einfach meinen Alltag angeschaut und alles umgedreht. Er wurde mit dem Untertitel “Eine satirische Auseinandersetzung” veröffentlicht. Die Reaktionen waren heftig. Meine damalige Schwiegermutter wurde im Laden darauf angesprochen. “Der arme Thömel, das ist ja furchtbar!” Und Leserbriefschreiber forderten, man solle mir meine Kinder wegnehmen, bevor noch ein Unglück geschehe.

Zwanzig Jahre später hat sich nicht viel verändert. Wie oft wird Peter Stamm gefragt, was denn seine Frau zu seinen ehebrechenden Romanhelden sage? Wird Capus gefragt, wie er Kinder und Schreiben unter einen Hut bringe? Er hat gleich viele wie Ruth Schweikert, fünf, glaube ich. Schweikert hat sich diese Frage irgendwann verboten, mit dem Hinweis, sie werde sie erst beantworten, wenn sie männlichen Kollegen auch gestellt würde. Wird sie aber nicht, und umgekehrt wird Rolf Lappert auch nicht gefragt, ob er nicht lieber Kinder hätte als Literaturpreise.

Nein, ich übertreibe nicht.Das sind die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden. Von Journalisten wie von Leserinnen. Um den Text selber geht es höchst selten, immer nur um die Frage, wie die anderen, denen ich zuerst verpflichtet bin, das aushalten. Dass ich schreibe. “Wie ist das für die anderen? Den Mann? Die Kinder? Die Familie?

Ich beantworte solche Fragen nur, wenn sie aus dem Publikum kommen. Zähneknirschend zwar, aber ich beantworte sie. Weil ich das Bedürfnis der Fragenden nach Absolution spüre: Sie will wissen, ob es tatsächlich möglich ist, sich als Mutter ungestraft eine eigene Identität zu bewahren. Wenn ich “solche Bücher” schreiben kann, ohne dass meine Kinder drogensüchtig werden oder sich von mir abwenden, dann kann sie ja vielleicht auch…

Vor zwanzig Jahren war ich wütend. Heute nur noch müde. Einen Mann hab ich nicht mehr, die Kinder sind fast und ganz erwachsen, doch die Fragen ändern sich nicht.

Was nun Max angeht – was soll ich sagen – durch die heftige und total unfaire Auseinandersetzung, die ich in den letzten Wochen mit ihm geführt habe, fange ich an, ihn zu verstehen. Und ich sage zu Erika, was ich auch zu mir immer wieder sage: “Selber schuld ist man immer selber, Baby!”

3 Gedanken zu “Der Unterschied

  1. Was für ein ermutigender Blogartikel. Und die drei Vorkommentare!

    Da kann ich nur still und herzlich danke sagen. Und mich darüber freuen, dass wir noch nicht aufgegeben haben.
    Mein eigener Schatz zu werden (mit allem Mist und mit allen Perlen), tja, das ist ja mal ein Fulltime-Job. :-)
    Auch das Buch “Montagsmenschen” – endlich fertig gelesen und in meinem Blog rezensiert (http://sofasophia.wordpress.com/2012/06/18/die-montagsmenschen/) – ist so ein Mutmach-Buch.

    Auf Weiter- und auf Wiederlesen
    Sofasophia

  2. Liebe Milena, bei unserem letzten Literatur Stammt im Literarischen Salon ging es genau um das Thema. Wieso können die LeserInnen uns nicht von unseren Texten trennen. Wieso glaubt jeder, wenn ich über eine promiskuitive Drogensüchtige schreibe, ich arbeit mein Leben auf? Wieso glaubt jemand, wenn Germaine Adelt über eine Frau schreibt, die nach und nach ihre Vergewaltiger um die Ecke bringt, in ihrem Keller gebe es einen Raum, in dem drei Männer verhungert sind?
    Genau so die Frage nach dem Schreiben und wie die Familie damit klar kommt. Die meisten bei uns in Runde haben einen 9to5Job, aber keiner einmal der Männer wird gefragt, wie er es denn schafft, Beruf. Berufung und Familie unter einen Hut zu kriegen. Die Frauen werden immer unter dem Aspekt gefragt, ob denn der Partner nicht darunter leidet oder die lieben Kinderlein.
    Mein Mann ist auch bei dem Stammtisch und erntet oft so mitleidige Blicke, nach dem Motto: Du Armer, da musst du sicher viel im Haushalt machen. Was ihn mal amüsiert und mal nervt.
    Ich frage mich, wann sich das einmal ändert. Wahrscheinlich wird es so an die 2000 Jahre dauern, wenn wir nur konsequent dranbleiben. Alles Liebe Karin

  3. Liebe Milena, ganz wunderbar, was Du da schreibst! Ich sitze über einem Text, der erfunden, erdacht aber auch erlebt ist und ich erwische mich bei dem Gedanken: “was sagen meine Schwestern dazu?” – ich möchte den Text gar nicht (oder noch nicht, wer weiß?) veröffentlichen, aber diese Gedanken bremsen mich. Ich muss dann immer wieder neu ansetzen und mich von allem loslösen, was wer wie und wann äussern könnte. Sehr schwer! Man darf beim Schreiben keine Rücksicht nehmen, sagt Bodo Kirchhoff (bitte verzeih, lieber Bodo, Du hast das viel beser ausgedrückt), aber auf den Punkt gebracht, bedeutet es genau das. Ich danke Dir, liebe Milena, dass Du es immer wieder schaffst, ganz gleich, wer was auch immer zu vermelden hat :-)

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