Everybody’s feet hurt.

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Regula ist eifersüchtig. “Schande über mich”, schreibt sie in ihrem Kommentar von letzter Woche. Regula ist nicht allein. In ihrer Ehrlichkeit vielleicht, nicht aber in ihren Gefühlen. Eifersucht oder Neid sind Gefühle, die man nur ungern eingesteht. Schliesslich sind es Gefühle, die sämtliche bekannten spirituellen Systeme verbieten, von den christlichen zehn Geboten bis hin zu den Yamas in der yogischen Philosophie. Oder zumindest wird vor ihnen gewarnt. Dabei sind Neid und Eifersucht mächtige Antriebskräfte für jede Art von künstlerischer Arbeit. Diese Regungen zu unterdrücken, ist wenig hilfreich. Nicht eingestanden, lähmen sie. Besser, sie sich zu nutzen zu machen! Sich ihnen zu stellen. Ohne Neid, ohne Eifersucht wüssten wir doch gar nicht, was wir wollen: Das, was die anderen haben. Ein Buch veröffentlichen! Auf der Bestsellerliste nach oben klettern. Gute Kritiken erzielen, Preise gewinnen, nach Leipzig eingeladen werden! An der Seite von Gerard Depardieu über den roten Teppich in Cannes marschieren – OK, diesen letzten Wunsch streiche ich wieder, das Leben hat ihn überholt.

Was mir in Leipzig einmal mehr bewusst geworden ist: Jeder ist neidisch. Es gibt immer einen anderen, der mehr Bücher verkauft, Preise gewinnt, Zuhörer anlockt. Niemand ist angekommen. Niemand ist sicher, zufrieden, glücklich. Jedenfalls kein Schriftsteller. OK, vielleicht Pedro Lenz… Aber grundsätzlich gehört diese permanente Verunsicherung einfach dazu. Zu unserer Arbeit. Die wir nur ausüben können, weil wir so dünnhäutig sind.

Der glühende Neid, der mich vor 25 Jahren erfüllte, wenn ich eine Schweizer Neuerscheinung in die Hand nahm, der brennende Schmerz hinter der Frage: Warum dieses Buch und nicht meins? Der Hass sogar auf jeden, der ein Buch veröffentlichte, das nicht meines war – all diese Gefühle haben mich nicht glücklich gemacht, das will ich nicht behaupten. Aber sie haben mir wieder und wieder und wieder bestätigt: Das ist es, was ich will. Ich will ein Buch veröffentlichen. Wäre ich als junge Frau gelassener gewesen, zufriedener vielleicht, ich hätte früher aufgegeben.

Nie wäre ich nach San Francisco gezogen, hätte ich mein Gesicht nicht im Spiegel gesehen, als ich zu zwei jüngeren Frauen, die auswandern wollte, sagte: “Ja ja, ihr könnt so was machen, ihr seid noch jung, ihr habt keine Kinder!” Im Spiegel erkannte ich mein Gesicht nicht, ich hatte keine Lippen mehr, der Neid hatte sie weggefressen. In diesem Moment entschied ich, es mindestens zu versuchen.

Heute beneide ich jeden, der sich eine Auszeit nimmt, perverserweise sogar, wenn diese Auszeit eine unfreiwillige ist. “So schön möcht ich’s auch mal haben!” dachte ich, als eine deutsche Bekannte erzählte, sie sei per Arztzeugnis und von der Kasse bezahlt an die Ostsee zur Kur geschickt worden. Ich schämte mich für diesen Gedanken, er erschreckte mich und gleichzeitig gab er mir ein Zeichen, das klarer nicht sein könnte.

Ich habe es in “Möchtegern” beschrieben. Habe dieses verächtliche Wort zu rehabilitieren versucht. In seinem Wesen ist es etwas Wunderschönes: Möchte. Gern. Zu wissen, was man will, aber nicht, ob man es je bekommt. Zu seinen Sehnsüchten zu stehen, sie auszusprechen, preiszugeben. Zu sagen: “Ich möchte. Ich möchte gern. Ich möchte unbedingt.” Das ist das Mutigste, das Ehrlichste, das man aussprechen kann. Dieser Mut wird belohnt, Regula, ich weiss es.

Und dann gilt natürlich der schöne Satz: Pass auf, was du dir wünschst, denn du könntest es ja bekommen! Aber das ist wieder ein anderes Thema….

IMG_1274 Und hier zum Trost das Beweisbild: Auch in Leipzig ist alles provisorisch, vergänglich, relativ…

8 Gedanken zu “Everybody’s feet hurt.

  1. Was fuer ein fantastischer Artikel.
    Und was fuer eine Erleichterung jedes Mal, wenn man feststellt, man ist doch nicht der einzige, der nicht edel, neidfrei und gut durch die Welt schwebt …
    Inzwischen ist’s bei mir so schlimm, dass ich denke, meine Buecher muessten neidisch sein, weil sie von mir sind, nicht von denen, “die’s draufhaben”. Nun frage ich mich, wozu das fuehren wird? Laufen sie mir weg und anderen zu? Oder sind sie in Zukunft alle gruen?
    Neid mag nicht immer gesund sein – aber die, denen er gilt, haben ihn sich verdient!

    Froehlichen Freitag wuenscht Charlie

  2. Liebe Milena
    Ich danke dir für dein Vertrauen in mich und meine Zukunft.
    „Ich wünsche mir, dass ich den 8. Bund-Essay-Preis gewinne, habe ich zwischen Weihnachten und Neujahr in mein Wünschebuch geschrieben.
    Wenn das Leben die Wünsche überholt, muss man die Wünsche dem Leben anpassen. Zum Glück sind im Wünschebuch noch ein paar Seiten frei, so dass ich es laufend aktualisieren kann: „Ich wünsche mir, dass sich meine Teilnahme am 8. Bund Essay-Wettbewerb mit dem Essay „Abrahams Opfer“ in irgendeiner Form positiv auf mein Vorwärtskommen im Literaturbetrieb auswirkt“, heisst es neu.

    „Ich wünsche mir, dass ich vom 12. – 18. Januar in Berlin Eindrücke sammeln kann, aus denen sich etwas machen lässt.“, war ein weiterer Wunsch in der Rubrik „Beruf“.
    Das hingegen ist ein Wunsch, der sich erfüllt hat. Ich bin im Anschluss an die Hochzeit meines Sohnes in Hannover nach Berlin gefahren, um für eine Geschichte zu recherchieren. Während meines ersten Berlin-Aufenthaltes im Sommer 2010 war etwas vorgefallen, von dem ich nicht mehr loskam, so dass ich eines Tages beschloss, eine Geschichte daraus zu machen. Der Vorfall selber gab wenig her, eine Pennerin schimpfte mich am Tag meiner Abreise auf dem Bahnsteig aus, weil sie beobachtet hatte, wie ich meinen noch für ein paar Stunden gültigen Fahrschein für den Stadtverkehr einem jungen Mann schenkte, der mich darum gebeten hatte. Ich handelte ganz arglos, ich war zum ersten Mal in Berlin und wusste nicht, dass ein Konkurrenzkampf um diese Fahrscheine herrschte. Der junge Mann freute sich, und ich freute mich, weil er sich freute.
    „Der hat das doch nicht nötig“, schimpfte die Pennerin.
    Ich bot ihr als Entschädigung für das verpasste Samstagnachmittagsfahrvergnügen die beiden Brezeln an, die ich mir für unterwegs gekauft hatte, aber sie war ungnädig: Sie wollte einen Fahrschein, keine Brezeln. „Es ist ungerecht“, sagte sie immer wieder, „unsereinen kann sich Fahrscheine nicht leisten.“
    Schliesslich nahm sie die Brezeln dann doch.

    Es war vor allem das Elend, das ich empfand, während ich später im Zug auf den Butterkeksen herumkaute, die mir als einziger Reiseproviant noch geblieben waren, das mich diesen Vorfall nicht vergessen liess. Klare Erinnerungen, die über das grob Umrissene hinausgingen, hatte ich nicht: Ich war ein einziges Mal auf diesem Bahnsteig gestanden, es war dreieinhalb Jahre her, ich wusste nicht mehr, wie es dort aussah. Das Einzige, was ich noch wusste, war, wie die Pennerin ausgesehen hatte: Ihr verkniffenes Gesicht, die schadhaften Zähne und das am Hinterkopf zerdrückte Haar, das mir auffiel, als sie sich abwandte und zum Lift schlurfte.
    Kein Problem, dachte ich, dann erfinde ich eben das, woran ich mich nicht mehr erinnere, Hauptsache, die Gefühle stimmen. An diesem Erlebnis waren die Gefühle wichtig, nicht das Erlebnis selbst, glaubte ich. Ich schrieb die Geschichte und legte sie weg, froh, es endlich geschafft zu haben. Ein halbes Jahr später nahm ich sie wieder hervor, um mich damit an einem Wettbewerb zu beteiligen. Ich erschrak. Ich konnte nichts mehr nachvollziehen! Warum hatte ich dieser Frau kein Geld für einen Fahrschein gegeben? Warum drängte ich ihr diese Brezeln auf, die sie gar nicht wollte? Wie hatte ich nur glauben können, ich sei im Recht und sie im Unrecht? Sie war arm, ich war reich. Und nach meiner Auffassung haben die Reichen den Armen etwas abzugeben. Dieser Meinung war ich, und werde ich auch immer sein. Was also sollte das?

    Ich begriff: Es gibt Geschichten, denen man nicht durch nachträgliches Erfinden von dem, woran man sich nicht mehr erinnert, eine neue Gestalt geben kann. Ich merkte plötzlich, dass es wichtig war, ob sich tatsächlich kein Fünf-Euro-Schein mehr in meinem Portemonnaie befand, als ich mit der Pennerin zusammentraf, oder ob ich das nur erfunden hatte, um mich selbst besser darzustellen.
    Und dann kam noch etwas Anderes hinzu: Welcher Leser, fragte ich mich, kann nachvollziehen, dass sich ein vernünftiger Mensch, der über genügend Geld verfügt, elend fühlt, weil er im Zug Butterkekse essen muss, wo er sich doch beim Railservice ganz einfach ein Schinkenbrot kaufen könnte?

    Mir war klar: Wenn aus dieser Geschichte etwas Brauchbares werden sollte, musste ich mich noch einmal für ein paar Stunden auf diesen selben Bahnsteig stellen, mir alles um mich herum ganz genau anschauen und beobachten, was mit mir selbst geschah, während ich dort stand.

    Ich hatte mir mehr aus praktischen, denn aus „literarischen“ Gründen vorgenommen, wieder die letzten paar Stunden vor meiner Heimreise auf dem Bahnhof zu verbringen, doch noch während ich im Hotel meine Sachen zusammenpackte, erkannte ich etwas Erstaunliches: Ich liebe Berlin, und nun musste ich diesen Ort schon zum zweiten Mal verlassen, obwohl ich nichts weniger wollte, als gerade das. Ich fühlte mich wieder genauso elend, wie damals im Zug mit nichts anderem mehr zu essen als einem halben Sack Butterkekse. Offensichtlich ging es also ebenso sehr um den Abschied von dieser Stadt, aus der ich – damals wie heute – nicht wegwollte, wie um die Verletzung, die mir eine Pennerin vor mehr als drei Jahren zugefügt hatte.
    Und damit begann ich dann auch: „Ich will nicht von hier weg!“, schrieb ich noch im Hotelzimmer in mein Notizbuch. Damit war der Bann gebrochen: Ich schrieb auf, was ich tat und wie ich mich dabei fühlte.
    Wieder zu Hause brauchte ich eine gute Woche, um die Geschichte fertigzuschreiben und meine anderen Berliner Eindrücke schriftlich festzuhalten. Ich nahm kein Telefon ab. Ich verliess die Wohnung nur, um Brot und Milch zu kaufen. Abends um sieben sank ich todmüde ins Bett, als hätte ich einen geistigen Marathon hinter mir. Ich schlief traumlos.
    Es war meine Initiation. Ich hatte mir selber bewiesen, dass ich fähig war, aus einer Recherchereise den vollen Nutzen zu ziehen. Und dass ich fähig war durchzuhalten, bis genau das auf dem Papier stand, was ich ausdrücken wollte.
    Ich hatte zwar schon am ersten Kursabend Ende Oktober 2006 in der Migros-Klubschule Baden gewusst, dass ich nie mehr aufhören würde zu schreiben, aber jetzt wusste ich, dass ich nicht nur schreiben wollte, sondern auch konnte.

    Ich nehme an, jeder Schriftsteller könnte von so einem Schlüsselerlebnis erzählen, das ihm ein für alle Mal die innere Sicherheit gegeben hat: Ich bin Schriftsteller, das ist meine Identität.
    Denn darum geht es doch letztlich: um Identität –

    Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte man sich zum Schriftsteller nicht ausbilden lassen. Schriftsteller meines Alters oder früherer Genrationen haben sich ihren Beruf selbst gegeben, aus innerer Überzeugung. Sich aber immer nur auf diese innere Überzeugung stützen zu können ist schwer, und hin und wieder darauf hereinzufallen, den Literaturbetrieb – das Geld, die Verkaufszahlen, die Auszeichnungen und alles, was sonst noch dazugehört – zum Massstab zu machen, ist wohl kaum ganz zu vermeiden. Vielleicht fällt es den Jüngeren, die die Möglichkeit hatten oder haben, eine Ausbildung am Literatur-Institut zu durchlaufen, leichter, dieser Versuchung zu widerstehen. Möglich, dass ein Abschlusszeugnis als „Diplomierter Schriftsteller“ wirkt wie eine Art Schutz gegen die Zweifel an der eigenen Schriftsteller-Identität – ich weiss es nicht.

    Was ich aber sicher weiss, ist das: Ich komme nicht aus ohne die Bestätigung von aussen.
    Der Literaturbetrieb ist das Eine, die Menschen, die diesen Literaturbetrieb ausmachen, das Andere. Diese Menschen sind es, auf deren Solidarität ich als Schriftstellerin angewiesen bin. Menschen, die wissen, worauf es in der Literatur ankommt. Entweder, weil sie selber schreiben, oder weil sie sich in irgendeiner Form mit Geschriebenem befassen, als Leiter oder Mitarbeiter eines Literaturhauses, als Jurymitglied, Lektorin, Verlegerin, Buchhändlerin, Bibliothekarin, was auch immer.

    Ich war während mehr als der Hälfte meines Lebens Chorsängerin. 33 Jahre lang. Das prägt. Ich weiss, dass man eine Matthäus-Passion nicht allein aufführen kann.
    Ich bin keine Solistin. Ich möchte in den Chor aufgenommen werden. In den Chor, der in irgendeiner Form im Literaturbetrieb tätigen Menschen.
    „Der Auftritt der Schweiz war fein und leise. Doch wer die Ohren spitzte und die Augen offenhielt, konnte eine verspielte und amüsante Schweiz entdecken“, schreibt Esther Schneider auf der Homepage des SRF über den Schweizer Auftritt in Leipzig. „Die Schweiz setzte auf Fantasie und Witz, und sie kam damit an.“
    Das entspricht mir. Und genau darum wäre ich in Leipzig gerne dabei gewesen.

    Liebe Grüsse
    Regula

  3. Oh, ich sehe mich, ich sehe mich. Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Nach einem Streit kann man sich versöhnen, nach einem Anfall von Eifersucht bleibt das tröstende Gefühl, auch dieses Mal wieder darüber hinweggekommen zu sein.

  4. Ich mag diese Gefühle (Neid, Eifersucht) werder an mir noch an anderen und doch hat sie “fast” jeder, mal mehr mal weniger. Alleine schon die Gefühle auszusprechen dazu zu stehen/ sich einzugestehen tut unheimlich gut…und erleichtert.

  5. Mir hat einmal ein Pfarrer gesagt, die zehn Gebote wären keine Verbote, sondern Angebote, damit Menschen besser miteinander leben könnten…

    Gefühle kann man nicht verbieten; wenn sie mir weh tun, schreibe ich sie auf. Eifersucht hat seine Ursache, finde ich, im Vergleich mit anderen, und ist immer rückwärts gerichtet. Mir hilft die Vorstellung, dass ich dadurch viel von dem verpasse, was im Moment um mich herum vor sich geht; ich bin dann in einer von mir selbst produzierten, recht unangenehmen Welt gefangen und kann sie dann lieber in eine von mir selbst produzierte, angenehme Welt austauschen. Um zu wissen, was ich will, hat mir Eifersucht noch nicht gedient – im Gegenteil, sie hat eher verdunkelt, was ich wirklich möchte….und das ist in mir, und sucht einen Weg, um hinaus zu finden. Welches Instrument ich dazu benutze, ist ganz gleich – man muss dieses Instrument nur geduldig genug erproben und daran Freude haben. Die Freude daran lässt mich negative Gefühle ganz einfach vergessen…

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