Mein Leben als Schriftstellerin

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Wache gegen neun Uhr auf, schlechte Laune. Frage meinen Mann in anklagendem Ton, warum er es nicht fertigbringe, die Kinder halbwegs geräuschlos für die Schule bereitzumachen. Wie soll man da denken? Ich lasse mich auch durch einen frischen Kaffee, ans Bett gebracht, nicht besänftigen, sondern verziehe mich grollend Richtung Innenstadt, wo ich ein Atelier gemietet habe, um ungestört arbeiten zu können. Unterwegs setzte ich mich in ein bekanntes Intellektuellencafé, um in Ruhe die Zeitung zu lesen. Ich bin kaum wach und ungekämmt, habe Pickel, Ringe unter den Augen und unangenehmen Mundgeruch. Trotzdem bin ich kürzester Zeit von hübschen jungen Männern umringt, die beim Sprechen meinen Jackenärmel berühren. Einer bietet mir an, mein Atelier abzustauben, ganz leise könne er das, ohne mich zu stören. Ein anderer will mit mir darüber reden, was meine Bücher für ihn bedeuten. Das langweilt mich nun schon eher. Ach, Männer! Glauben fest daran, mit viel Liebe sei auch die stachligste Frauenseele glatt zu polieren! Das Angebot mit dem Abstauben sollte ich allerdings nicht so leichtferig ausschlagen. Ich schreibe mir seine Telefonnummer auf, dann versuche ich ein bisschen zu arbeiten. Vielleicht beschliesse ich aber, dass der spezielle Bleistift, den ich für meine Entwürfe benutze, nicht richtig angespitzt ist. Ich denke einen Moment darüber nach, dass das tägliche Leben ein einziger Hindernislauf ist, jedenfalls für eine kreative Seele wie mich. Ueberlege, wie ich diesen Gedanken verwerten könnte. Doch da mein Bleistift nicht gespitzt ist, muss ich darauf verzichten, ihn zu notieren. Statt dessen besuche ich meine Freundin, die Chefredaktorin, und bitte sie um eine Seite für meine Gedanken. Schliesslich habe ich eine Familie zu ernähren.
In den Gängen der Redaktion lungert ein junger Nachwuchsschreiber in ausgeleierten knielangen Skaterhosen herum. Er springt auf wie ein junger Hund, als er mich sieht und bittet mich, irgendeinen Text von ihm zu lesen. Ich klopfe ihm gönnerhaft auf die Schulter und meine, mit solchen Beinen stünde ihm die Welt doch offen. Darüber muss meine Freundin furchtbar lachen, ich rücke dem Jungen die Mütze zurecht, dann lassen wir ihn stehen und gehen eins trinken.
Nachmittags kommen Journalisten zum Interview. Sie fragen mich nicht, wer sich denn um meine Kinder kümmert, während ich arbeite, oder ob ich meinen Erfolg nicht in erster Linie meinen schönen Augen zu verdanken habe. Sie bitten mich nicht einmal, fürs Foto einen ausgeschnittenen Pullover anzuziehen. Im Gegenteil, sie behandeln mich mit Respekt und laden mich auf Spesen zum Essen ein. Nur dumm, dass ich zu spät nachhause komme, und erst noch angetrunken.
Mein Mann ist vergrätzt. Offenbar hatte ich versprochen, den Kindern etwas vorzulesen. “Eure Mama ist eine grosse Schriftstellerin”, hat er ihnen erklärt, “und ihr müsst auch ein bisschen an DAS WERK denken!” Aber sein Tonfall verrät, dass DAS WERK für ihn im Moment kein Argument ist. Das erfüllt mich mit echtem Zorn. “Was denkst du eigentlich, wen du vor dir hast”, schreie ich, “wenn du eine Frau willst, die pünktlich um halb sechs nachhause kommt, dann heirate doch eine Bürolistin! Du ewiger Kleinbürger! Offensichtlich bist du der Aufgabe nicht gewachsen, mit der grössten Schriftstellerin deiner Generation verheiratet zu sein!” Herrje, jetzt heult er wieder.

Vielleicht habe ich aber auch ein paar Kolleginnen zum Essen eingeladen, mein Mann kocht arabisch, das kann er besonders gut, es ist etwas aufwendig, aber meine Freundinnen wissen das zu schätzen. Nach dem Essen schlagen sie vor, noch ein Lokal aufzusuchen. Ich bin sofort dabei, es ist an der Zeit, dass ich mich wieder einmal ein bisschen herzeige. Laufe nach oben, um mich umzuziehen. Mein Blumenfähnchen ist nicht gebügelt, ich werfe es meinem Mann zu, der damit in der Waschküche verschwindet. Er würde ja am liebsten auch mitkommen, ich sehe es ihm an, aber einer muss halt bei den Kindern bleiben. Ausserdem würde er sich doch nur langweilen, wenn meine Freundinnen und ich über Literatur reden, und spätestens um Mitternacht würde er anfangen, mich am Aermel zu zupfen. Nein, nein, ich schlüpfe in das bügelwarme Kleid, küsse ihn flüchtig und lasse ihn mit dem ganzen schmutzigen Geschirr stehen (die arabische Küche erfordert leider eine Unmenge an Schüsselchen und Schälchen).
Am nächsten Tag bin ich versöhnlicher gestimmt. Lasse die Arbeit liegen, um die Kinder von der Schule abzuholen und mittags eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben. Dieses seltene Ereignis schlägt sich sogleich in einer Kolumne nieder.
Darauf bekomme ich mindestens vier Leserbriefe von Männern, die meine mütterliche Hingabe bewundern, ganz zu schweigen von meinen sonstigen Talenten. Der eine oder andere hat sogar ein Bild beigelegt, und da mein Mann sich um die Post kümmert, versetzt ihm das einen heilsamen Schock. Er scheint mir in letzter Zeit ein bisschen aufmüpfig. Naturlich weiss ich es zu schätzen, dass er meine Korrespondenz erledigt, meine Unterhosen bügelt, meine Steuererklärung ausfüllt, meine Kinder grosszieht, für mich lügt am Telefon, meine Manuskripte paginiert, die richtige Schokoladensorte kauft, meinen Kopf krault, wenn ich mich elend fühle, Vorträge für mich ausformuliert und auch gleich tippt, dafür sorgt, dass ich meine Vitamine schlucke und die Kapseln gegen das prämenstruelle Synsdrom, für meine einflussreichen Freundinnen kocht und auf Fotos gut aussieht.
Mir wäre es allerdings recht, wenn er sich auch ein bisschen weiterbilden würde nebenbei, so dass er wenigstens am Rande mitreden könnte. Erst kürzlich platze er mitten in eine literarische Diskussion: “Ich fürchte, es fehlt eine Prise Salz.” Wo doch wichtige Frauen am Tisch sassen! Einen Augenblick lang war es ganz still. “... in dieser neo-experimentellen Lyrik”, fügte ich schnell hinzu. Nein, wirklich! Wenn er sich nicht mehr Mühe gibt, werde ich ihm nie ein Buch widmen können, so leid es mir tut.

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Abs:
Milena Moser