Mein Jahr in der Zeilenwerkstatt
An meinem ersten Arbeitstag war mir schlecht vor Angst. Ich stand etwas zu früh vor dem Redaktionsgebäude, wartete darauf, abgeholt zu werden, nahm einen Schlüssel im Empfang. Ich fühlte mich wie ein Kind ersten Tag in einer neuen Schule: was, wenn sich niemand neben mich setzen will? Ich bin Schriftstellerin, nicht Journalistin. Ich will allein sein. Worauf hatte ich mich da bloss eingelassen? Dabei wollte ich nur das: raus. Das war mein erster Gedanke, als mir angeboten wurde, ein Jahr lang in der Redaktion des Tages-Anzeigers zu arbeiten, als „writer in residence“, eine Position, die es noch nicht gab und die ich ausfüllen konnte, wie ich wollte. Ein unglaubliches Angebot. Ich sah sofort, was das für mich bedeutete: geregelte Arbeitszeiten, eine klare Trennung von Familie und Beruf, ein Ende des damals seit neun Jahren andauernden, kräfteverschleissenden Versuches, alles gleichzeitig zu machen. Schreiben mit Kind auf dem Schoss, Spaghettiwasser auf dem Herd, Streptokokken im Haus - Toni Morrison hat damit keine Probleme. Ich schon. Immer mehr. Was dieses Angebot für meine Arbeit bedeutete, wie ich es nutzen, was ich überhaupt schreiben würde, daran dachte ich in diesem ersten Augenblick gar nicht. Ich wollte nur angestellt sein, einen „richtigen“ Job haben, eine unumstössliche Aufgabe. Sagen können: ich bin spät dran, ich muss los, tschüss. Die Arbeit wartet nicht! Nachdem ich zugesagt hatte, blieb mir noch über ein Jahr bis zum Beginn des Experimentes. Zeit genug, mir zu überlegen, womit ich diese Wundertüte füllen würde. Die ursprüngliche Idee, Lokaljournalismus aus einem eigenen, sozusagen literarischen Blickwinkel zu betreiben, überzeugte mich nicht. Es gab genügend Journalisten beim Tages-Anzeiger, die einen eigenen Blickwinkel, eine unverwechselbare Sprache hatten. Dazu brauchte man mich nicht. Doch ich konnte etwas anderes beisteuern, etwas aus meiner Küche: eine Seifenoper. Einen Fortsetzungsroman. Seit ich „Tales of the City“ gelesen hatte, den ursprünglich im San Francisco Chronicle erschienenen Zeitungsroman von Armistead Maupin, wartete ich auf diese Gelegenheit. Konnte ich das? Eine Geschichte Tag für Tag weiterspinnen, immer aus dem Augenblick heraus, inspiriert und beeinflusst von dem, was gerade passiert: Demonstrationen, der Beginn des Sommer-Ausverkaufs, eine anhaltende Hochnebelperiode, Umleitung der Tramlinien, Sechseläuten. Hatte ich den Atem, diesen Marathon ein ganzes Jahr lang durchzuhalten? Den Mut, meine Geschichte Stück für Stück den Lesern zum Frasse vorzuwerfen? Ohne die Möglichkeit, immer wieder zurückzugehen, die losen Enden, überflüssigen Figuren, vergessenen Leichen wegzuräumen? Natürlich nahm ich mir vor, mich in den Monaten bis zu meinem Amtsantritt auf diese Aufgabe vorzubereiten. Figuren entwickeln, Fäden spinnen, sogar ein Diagramm wollte ich zeichnen in verschiedenen Farben für die verschiedenen Handlungsstränge. Irgendwie kam ich nie dazu. Als ich an diesem ersten Tag die Redaktion betrat, fühlte ich die Erleichterung der Hochstaplerin, die sich endlich erwischen lässt: jetzt wird es auskommen, dass ich eigentlich gar nichts kann. Zweihundert Journalisten kann diese Tatsache nicht entgehen.
In den ersten beiden Wochen war ich mit nichts anderem beschäftigt, als mich zurechtzufinden, rein räumlich. Mir Namen zu merken und Gesichter. Die Handhabung des Computers zu üben, wenn nicht zu verstehen. Meinen Büropartner nicht bei seiner Arbeit zu stören. Dieses Diagramm doch noch zu zeichnen. Je näher das Erscheinungsdatum der ersten Folge rückte, desto mulmiger wurde mir. Ich hatte keine Ahnung, was ich schreiben würde. Ein schwarzer Pilz hatte sich in meinem Kopf ausgebreitet, er wuchs und wuchs und bald fiel es mir schwer, mich an meinen Namen zu erinnern. Ich musste mich an das zu halten, was da war: Zürich, die Zeitung, der Alltag. Stundenlang sass ich vor dem Computer, hoffte, die Buchstaben würden von allein auf dem Bildschrim erscheinen, Worte bilden, Sätze, eine Geschichte. Ich suchte im Telefonbuch nach Namen, ich schaute aus dem Fenster, die Sihl floss braun und träge und war keine Hilfe, ebensowenig wie der Mann, der auf einer Parkbank eingeschlafen war.
Diesmal konnte ich nicht lügen: „Das neue Buch? Ja, ja, es läuft ganz gut.. wieviel Seiten...ach, so ungefähr dreissig, fünfunddreissig.“ Ich konnte mich nicht totstellen. Am 1. September (1996) würde die erste Folge erscheinen. Ich musste einen Titel finden, noch bevor ich wusste, was ich schreiben würde. Ich nahm an Sitzungen teil, zu denen ich nichts beizutragen hatte, was grosszügig übergangen wurde. Ich schnappte auf, dass die neue Nachrichtenredaktion ihrem Grundriss gemäss als „Schiff“ bezeichnet wurde und machte aus Journalisten Matrosen. Dieses Buch würde ich nicht alleine schreiben.
In der Lokalredaktion spürte ich schnell ein gewisses Wohlwollen, eine Bereitschaft, mir auszuhelfen, sei es mit Geschichten, Anekdoten, Hintergrundwissen, technischem Beistand, interner Politik oder einfach Freundschaft. Instinkt oder Naschsucht liess mich mehr und mehr Zeit im Büro von Eva Uhlmann verbringen, Leiterin des Sekretariats der Chefredaktion, Seele der Zeitung. Fruchtschale auf dem Tisch und Mozartkugeln in der Schublade. Nachdem sie zugesagt hatte, nicht nur als Romanfigur zu herzuhalten, sondern die Geschichte auch fortlaufend mit mir zu besprechen, hatte ich weniger Angst. Ihr so gut wie unbestechlicher Blick war in den folgenden elf Monaten eine Art Geländer, an dem ich mich festhielt und vorwärtshangelte.
Es gefiel mir sehr, angestellt zu sein, feste Arbeitszeiten zu haben, einen Rhythmus. Dazuzugehören, Teil eines grösseren Organismus zu sein, der mir bald wie eine Welt in sich erschien. Ich nahm an Sitzungen teil, trank Kaffe in der Kantine und ass eine Menge dieser rot eingewickelten Schokoladeklumpen. Lungerte bei Eva Uhlmann herum. Las die Anschläge am schwarzen Brett und das Mittagsmenü, das im Lift aufgehängt war. Ich hatte mir angewöhnt, einen Schreibblock mit mir herumzutragen, zusammen mit ein paar gestrigen Zeitungsteilen vor die Brust gepresst und schnell zu gehen, so dass ich immer sehr geschäftig wirkte. Nicht, dass irgendjemand darauf geachtet hätte. Das alles gehörte zu meinem Arbeitstag, zu meiner Arbeit.
Wenn ich mit dem ersten Entwurf fertig war, druckte ich ihn viermal aus und verteilte ihn zum Lesen und Korrigieren: an Eva Uhlmann, die den Ueberblick über die verschiedenen Handlungsstränge bewahrte, Roger de Weck, der den Vorspann zu jeder Folge schrieb, Edmund Ziegler, der Satz für Satz sehr genau, aber wohlwollend korrigierte und Esther Scheidegger, die die Psychologie der Figuren im Auge behielt. Wann hatte ich je ein solches Team um mich gehabt? Es wurde mit täglich bewusster, wie absurd dieses Einschliessen des Schriftstellers mit sich selber ist, das ich mehr notgedrungen vollzogen hatte und aus der Vorstellung, so müsse das sein. Nur allein geschrieben ist richtig geschrieben. Die ständige Auseinandersetzung mit dem Text unter diesen verschiedenen Aspekten machte die Arbeit zu meiner eigenen Schreibwerkstatt. Jeden Tag lernte ich dazu, besonders von Edmund Ziegler, der mir auch ganz Grundsätzliches beibrachte, ohne mir je das Gefühl zu geben, ein hoffnungsloser Fall zu sein.
Nachdem ich anfangs noch nachts aufwachte, weil ich von Paula, meiner Hauptfigur, geträumt hatte, war ich mir bald sicher genug, die Arbeit zwischen meinen Arbeitstagen zu vergessen und mich mit einer neuen, ungestörten Präsenz der Familie zu widmen. Drei Tage in der Woche verbrachte ich auf der Redaktion, acht oder neun Stunden. Nie zuvor hatte ich eine vergleichbare Zeitspanne „für mich“, beziehungsweise für meine Arbeit zur Verfügung gehabt. Ein Exklusivvertrag hinderte mich ausserdem daran, siebenhundert andere Aufträge nebenher auszuführen. Die Aufgabe, elf Monate lang drei mal in der Woche eine Folge von hundert bis hundertfünzig Zeilen zu schreiben, am Tag, bevor sie in der Zeitung erschien und unter Einbeziehung aktueller Ereignisse, war gewaltig. Doch unter diesen geradezu idealen Bedingungen schien sie mir leicht.
Das unerschütterliche Erscheinen der Zeitung ohne Rücksichtnahme auf meine Gesundheit, Nüchternheit und andere Faktoren zwang mich, die Arbeit ernst zu nehmen und zu verteidigen. Die Arbeit an einem Roman ist schwer zu vertreten - wer sagt denn, dass man den ausgerechnet jetzt schreiben muss? Warum nicht nachts, wenn die Kinder schlafen? Besser noch, wenn sie erwachsen sind?
Und das ist wohl die einschneidendste Folge meiner Zeit bei der Zeitung - ich nehme meine Arbeit ernst. So ernst, wie wenn ich noch angestellt wäre. Im Leben mit Kindern sind die Prioritäten gesetzt: eine Krankheit, eine Schulreise, ein Zahnarztbesuch - irgendetwas Unvorhergesehenes kommt immer dazwischen. Und das ist auch gut so. Doch nachdem ich ein Jahr lang diesen „Erwachsenenstatus“ genossen hatte, konnte ich nicht mehr zurück, konnte ich nicht mehr verschämt, quasi heimlich, nebenher und um alles herum arbeiten.
Die Diziplin der regelmässigen Folgen ist mir leider sofort wieder abhanden gekommen. Das Kaffeetrinken wird nicht mehr bezahlt. Geblieben ist das Vertrauen in diesen unerschöpflichen Komposthaufen, aus dem immer neue Geschichten wachsen, dreimal in der Woche, wenn es sein muss. Geblieben ist der Mut, eine Strassenecke, ein Ereignis, einen Menschen zu beschreiben, ohne sie zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Geblieben ist das Wissen um die Abhängigkeit von anderen Menschen, ihrer Kritik und ihrer Unterstützung. Geblieben ist die Erkenntnis, das alles, was ich zum Schreiben brauche, da ist: direkt vor meiner Nase.
Mein Schreiben hat sich verändert durch dieses Experiment. Mein Leben hat sich verändert. Ich bin dankbar für diese unvergleichbare Chance. Und froh, dass ich zugesagt habe, ohne nachzudenken. Die Lektüre von Armistead Maupins Zeitungsroman war wohl die folgenreichste in meinem Leben, führte sie schliesslich dazu, dass ich nach San Francisco auswanderte. Und da ging mir auch auf, was in meiner Geschichte fehlte, das letzte Element: die Verliebtheit in eine Stadt.
In den ersten beiden Wochen war ich mit nichts anderem beschäftigt, als mich zurechtzufinden, rein räumlich. Mir Namen zu merken und Gesichter. Die Handhabung des Computers zu üben, wenn nicht zu verstehen. Meinen Büropartner nicht bei seiner Arbeit zu stören. Dieses Diagramm doch noch zu zeichnen. Je näher das Erscheinungsdatum der ersten Folge rückte, desto mulmiger wurde mir. Ich hatte keine Ahnung, was ich schreiben würde. Ein schwarzer Pilz hatte sich in meinem Kopf ausgebreitet, er wuchs und wuchs und bald fiel es mir schwer, mich an meinen Namen zu erinnern. Ich musste mich an das zu halten, was da war: Zürich, die Zeitung, der Alltag. Stundenlang sass ich vor dem Computer, hoffte, die Buchstaben würden von allein auf dem Bildschrim erscheinen, Worte bilden, Sätze, eine Geschichte. Ich suchte im Telefonbuch nach Namen, ich schaute aus dem Fenster, die Sihl floss braun und träge und war keine Hilfe, ebensowenig wie der Mann, der auf einer Parkbank eingeschlafen war.
Diesmal konnte ich nicht lügen: „Das neue Buch? Ja, ja, es läuft ganz gut.. wieviel Seiten...ach, so ungefähr dreissig, fünfunddreissig.“ Ich konnte mich nicht totstellen. Am 1. September (1996) würde die erste Folge erscheinen. Ich musste einen Titel finden, noch bevor ich wusste, was ich schreiben würde. Ich nahm an Sitzungen teil, zu denen ich nichts beizutragen hatte, was grosszügig übergangen wurde. Ich schnappte auf, dass die neue Nachrichtenredaktion ihrem Grundriss gemäss als „Schiff“ bezeichnet wurde und machte aus Journalisten Matrosen. Dieses Buch würde ich nicht alleine schreiben.
In der Lokalredaktion spürte ich schnell ein gewisses Wohlwollen, eine Bereitschaft, mir auszuhelfen, sei es mit Geschichten, Anekdoten, Hintergrundwissen, technischem Beistand, interner Politik oder einfach Freundschaft. Instinkt oder Naschsucht liess mich mehr und mehr Zeit im Büro von Eva Uhlmann verbringen, Leiterin des Sekretariats der Chefredaktion, Seele der Zeitung. Fruchtschale auf dem Tisch und Mozartkugeln in der Schublade. Nachdem sie zugesagt hatte, nicht nur als Romanfigur zu herzuhalten, sondern die Geschichte auch fortlaufend mit mir zu besprechen, hatte ich weniger Angst. Ihr so gut wie unbestechlicher Blick war in den folgenden elf Monaten eine Art Geländer, an dem ich mich festhielt und vorwärtshangelte.
Es gefiel mir sehr, angestellt zu sein, feste Arbeitszeiten zu haben, einen Rhythmus. Dazuzugehören, Teil eines grösseren Organismus zu sein, der mir bald wie eine Welt in sich erschien. Ich nahm an Sitzungen teil, trank Kaffe in der Kantine und ass eine Menge dieser rot eingewickelten Schokoladeklumpen. Lungerte bei Eva Uhlmann herum. Las die Anschläge am schwarzen Brett und das Mittagsmenü, das im Lift aufgehängt war. Ich hatte mir angewöhnt, einen Schreibblock mit mir herumzutragen, zusammen mit ein paar gestrigen Zeitungsteilen vor die Brust gepresst und schnell zu gehen, so dass ich immer sehr geschäftig wirkte. Nicht, dass irgendjemand darauf geachtet hätte. Das alles gehörte zu meinem Arbeitstag, zu meiner Arbeit.
Wenn ich mit dem ersten Entwurf fertig war, druckte ich ihn viermal aus und verteilte ihn zum Lesen und Korrigieren: an Eva Uhlmann, die den Ueberblick über die verschiedenen Handlungsstränge bewahrte, Roger de Weck, der den Vorspann zu jeder Folge schrieb, Edmund Ziegler, der Satz für Satz sehr genau, aber wohlwollend korrigierte und Esther Scheidegger, die die Psychologie der Figuren im Auge behielt. Wann hatte ich je ein solches Team um mich gehabt? Es wurde mit täglich bewusster, wie absurd dieses Einschliessen des Schriftstellers mit sich selber ist, das ich mehr notgedrungen vollzogen hatte und aus der Vorstellung, so müsse das sein. Nur allein geschrieben ist richtig geschrieben. Die ständige Auseinandersetzung mit dem Text unter diesen verschiedenen Aspekten machte die Arbeit zu meiner eigenen Schreibwerkstatt. Jeden Tag lernte ich dazu, besonders von Edmund Ziegler, der mir auch ganz Grundsätzliches beibrachte, ohne mir je das Gefühl zu geben, ein hoffnungsloser Fall zu sein.
Nachdem ich anfangs noch nachts aufwachte, weil ich von Paula, meiner Hauptfigur, geträumt hatte, war ich mir bald sicher genug, die Arbeit zwischen meinen Arbeitstagen zu vergessen und mich mit einer neuen, ungestörten Präsenz der Familie zu widmen. Drei Tage in der Woche verbrachte ich auf der Redaktion, acht oder neun Stunden. Nie zuvor hatte ich eine vergleichbare Zeitspanne „für mich“, beziehungsweise für meine Arbeit zur Verfügung gehabt. Ein Exklusivvertrag hinderte mich ausserdem daran, siebenhundert andere Aufträge nebenher auszuführen. Die Aufgabe, elf Monate lang drei mal in der Woche eine Folge von hundert bis hundertfünzig Zeilen zu schreiben, am Tag, bevor sie in der Zeitung erschien und unter Einbeziehung aktueller Ereignisse, war gewaltig. Doch unter diesen geradezu idealen Bedingungen schien sie mir leicht.
Das unerschütterliche Erscheinen der Zeitung ohne Rücksichtnahme auf meine Gesundheit, Nüchternheit und andere Faktoren zwang mich, die Arbeit ernst zu nehmen und zu verteidigen. Die Arbeit an einem Roman ist schwer zu vertreten - wer sagt denn, dass man den ausgerechnet jetzt schreiben muss? Warum nicht nachts, wenn die Kinder schlafen? Besser noch, wenn sie erwachsen sind?
Und das ist wohl die einschneidendste Folge meiner Zeit bei der Zeitung - ich nehme meine Arbeit ernst. So ernst, wie wenn ich noch angestellt wäre. Im Leben mit Kindern sind die Prioritäten gesetzt: eine Krankheit, eine Schulreise, ein Zahnarztbesuch - irgendetwas Unvorhergesehenes kommt immer dazwischen. Und das ist auch gut so. Doch nachdem ich ein Jahr lang diesen „Erwachsenenstatus“ genossen hatte, konnte ich nicht mehr zurück, konnte ich nicht mehr verschämt, quasi heimlich, nebenher und um alles herum arbeiten.
Die Diziplin der regelmässigen Folgen ist mir leider sofort wieder abhanden gekommen. Das Kaffeetrinken wird nicht mehr bezahlt. Geblieben ist das Vertrauen in diesen unerschöpflichen Komposthaufen, aus dem immer neue Geschichten wachsen, dreimal in der Woche, wenn es sein muss. Geblieben ist der Mut, eine Strassenecke, ein Ereignis, einen Menschen zu beschreiben, ohne sie zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Geblieben ist das Wissen um die Abhängigkeit von anderen Menschen, ihrer Kritik und ihrer Unterstützung. Geblieben ist die Erkenntnis, das alles, was ich zum Schreiben brauche, da ist: direkt vor meiner Nase.
Mein Schreiben hat sich verändert durch dieses Experiment. Mein Leben hat sich verändert. Ich bin dankbar für diese unvergleichbare Chance. Und froh, dass ich zugesagt habe, ohne nachzudenken. Die Lektüre von Armistead Maupins Zeitungsroman war wohl die folgenreichste in meinem Leben, führte sie schliesslich dazu, dass ich nach San Francisco auswanderte. Und da ging mir auch auf, was in meiner Geschichte fehlte, das letzte Element: die Verliebtheit in eine Stadt.