Künstlerleben

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Was würde Björk tun? Diese Frage stelle ich mir oft. Sie ist sozusagen die Lackmusprobe für die Konsequenz – oder meist eher die mangelnde Konsquenz, mit der ich mein Leben lebe. Meine amerikanische Freundin Alice Joanou hat die Frage eingeführt: Wenn ich an mir zweifle, wenn ich micht nicht traue, wenn ich nicht weiss, ob ich ja sagen kann: What would Björk do? Ich könnte sie selber fragen, doch ich tue es nicht, obwohl mich von der isländischen Sängerin nur drei statt der üblichen fünf Schritte trennen: Alice Joanou hat vor mehr als zwanzig Jahren mit Matthew Barney, auch bekannt als Björks Ehemann, die Kunstschule besucht. Matthew Barney und Alice Joanou galten als die interessantesten Abgänger ihres Jahrganges. Grosse Hoffnungen wurden in beide gesetzt. Sie waren befreundet, sie diskutierten nächtelang über das Leben, die Kunst und die Notwendigkeit, “a life of consequence” zu führen. Ein Leben der Konsequenz. Aber auch ein Leben mit Konsequenzen, ein Leben, das Spuren hinterlässt, das nachhällt. Grosse Worte für zwei bestimmt nicht immer ganz nüchterne Achtzehnjährige! Matthew Barney ist heute ein Weltstar, dem mit siebenundreissig bereits eine Retrospektive im New Yorker Gugggenheim Museum gewidmet wurde. Alice Joanou, meine Freundin, gibt Yogastunden und zieht zwei kleine Kinder auf. Den Zeichenstift nimmt sie höchstens noch zur Hand, wenn eine ihrer Töchter ruft: “Mama, mal mir ein Flugzeug! Ein Haus. Einen Baum.”

Manchmal lädt Matthew Barney sie auf sein Hausboot ein und dann dümpeln sie unter Brücken hindurch und diskutieren die Konsequenz ihrer respektiven Leben. Keiner von beiden möchte mit dem anderen tauschen.

Ein Leben der Konsequenz, ein Künstlerleben: da bin ich Veteranin, oder eigentlich müsste ich sagen Seconda, Schriftstellerin in der zweiten Generation. Ich kenne nichts anderes. Ich bin damit imprägniert, wie Obelix, der als Kind in den Kessel mit dem Zaubertrank gefallen ist.

Die Generation meiner Eltern hatte den zweiten Weltkrieg noch knapp miterlebt, war zu jung, um sich dafür verantwortlich zu fühlen, aber alt genug, um zu wissen: nie wieder. Jedes Kunstschaffen dieser Zeit hatte einen ganz klar definierten Anspruch: Als Künstler war man verpflichtet, die Welt zu verändern, so dass es nie wieder Krieg geben würde. Und weil das eine grosse Aufgabe war, hatte der Künstler ein Anrecht auf bevorzugte Behandlung.

Diese Gewissheit ist etwas, das schon meiner Generation fehlt und um das ich die Aelteren oft beneidet habe. Auf der anderen Seite war ich durch sie auch irritiert, so wie man nur ein Kind mit noch unbeeinflusstem Sinn für falsche Töne irritiert sein kann. Da waren die Künstler, die wichtigen Leute, definitionsgemäss die wertvolleren Menschen, und dort die anderen, die Bürgerlichen -schlimmste Beleidigung! Das Volk, das nichts versteht. So sah die Welt nicht aus, die ich als krankhaft schüchternes Kind meist hinter grösseren Möbelstücken versteckt beobachtete. Bei Festen kauerte ich oft hinter dem Sofa und schaute auf die mehr oder weniger behaarten und frisierten Hinterköpfe unserer Gäste, bekannte und weniger bekannte Maler, Dichter, Journalisten. Alles Männer. Mit ihren schönen Frauen, den Künstlergattinnen. Manche hatten die Angewohntheit, sich im Verlauf des Abends auszuziehen. Da musste ich dann wegschauen. Und neben ihnen sassen unsere Nachbarn, ein Garagist, ein Lehrer, ein Hautarzt, und mehrere Männer mit nicht näher definierten Berufen, die sie “im Büro” ausübten. Mit ihren Frauen. Hausfrauen, Mütter, meine Sonntagsschullehrerin, die ich sehr gerne hatte, und die auch zuverlässig ihre Kleider anbehielt. Ich sass hinter dem Sofa und verstand nicht, warum die Künstler solche Angst hatten vor diesen doch eigentlich sehr netten Nachbarn.

“Ich will mit diesen Leuten nicht reden”, sagten sie. Doch wenn sie dann in Ruhe gelassen wurden, waren sie auch nicht zufrieden. Die Künstler rutschten gern zusammen und hielten sich aneinander fest. Sie redeten meist über sich und über ihre Stellung in der Welt. Und in der Szene. Und im Betrieb. Das waren Begriffe, die ich schnell lernte: Szene. Betrieb.

Und natürlich: die Unsterblichkeit. Die Unsterblichkeit war das Mass aller Dinge, die letzte Konsequenz: “Ja, aber unsterblich macht ihn das nicht”, sagte man über das eben erschienene Buch, den erhaltenen Kunstpreis, den neuen Jaguar eines zufällig gerade nicht Anwesenden. Kommerzieller Erfolg stand der Unsterblichkeit im Weg, mangelndes politisches Bewusstsein, fehlende gesellschaftsverändernde Bedeutung. Anbiederung an das Volk, das dumme. Diese Ansprüche konnten je nach Zusammensetzung der Runde ändern.

Mein Vater erhielt nicht die Anerkennung, die er sich wünschte, und die er zu verdienen glaubte. Die Bitterkeit, mit der ihn diese Tatsache erfüllte, machte vieles unmöglich. Zum Beispiel sein Schreiben. Er stocherte in der offenen Wunde, in dem er sich zum Beispiel mit Max Frisch in der Kronenhallen-Bar verabredete und dann in einem Notzibüchlein notierte, wie oft er und wie oft der andere erkannt und angesprochen wurde. Diskrete Striche mit dem Bleistift: “Siebenundzwanzig zu eins”, sagte er dann, wenn er nachhause kam.

Ich wand mich in meinem Versteck. Ich litt mit meinem Vater mit. Das ist der Zaubertrank, in den ich als Kind gefallen bin. Besonders gut hat er nicht geschmeckt, doch sein Schutz hält an. Ich bin fast ganz immun gegen diese Art von Enttäuschung, von Bitterkeit. Die Frage nach der Unsterblichkeit prallt an mir ab wie die Spiesse der Römer an Obelix’ dickem Bauch. Das macht mich unbeschwert. Das macht mich frei.

Zum Beispiel zum Schreiben.

Verstehen Sie mich nicht falsch - ich will natürlich geliebt werden. Ich will gelesen werden. Ich möchte Geld verdienen mit meiner Arbeit, auch gerne viel Geld. Ueber einen Nobelpreis würde ich mich genauso freuen wie über einen Jaguar. Ich beisse vom Weggli ab, bevor ich den Fünfer auf den Kassentisch lege, kurz, ich will alles. Aber es raubt mir nicht den Schlaf, wenn ich es nicht bekomme. Ich bin innen mit Zaubertrank ausgekleidet. Ich bin beschützt.

Und das meine ich auch, wenn ich Björk anrufe, nicht die reale Björk, nein, ich rufe sozusagen die innere Björk an: das freche Wesen, das sich alles herausnimmt. Die Frau, die alles hat. Die Künstlerin und Künstlergattin, die sich anzieht und auszieht, die Mutter, Hausbootbesitzerin, Rentierbändigerin. Frau von zweifelhaftem Kleidergeschmack. Alles ist möglich. Nichts muss sein. Dafür steht sie.

Die innere Björk lässt mich Risiken eingehen, Herausforderungen annehmen, genau das tun, vor dem ich Angst habe. Dann übernimmt auch gleich wieder die innere Meryl Streep, denn wie die berühmte Schauspielerin, die auch nach über fünfzig Filmen bei jedem neuen Drehbeginn fürchtet, gefeuert zu werden, so fange auch ich jedesmal von vorn an. Ich springe ins kalte Wasser, als ob es das erste Mal wäre, jedesmal, und frage mich noch im Flug, ob ich überhaupt schwimmen kann. Uebermut und Anfängerangst. Konsequent beides.

Vor Jahren fiel mir in San Francisco ein Theaterplakat auf. Ein Friseurstuhl und eine Schere. Ich blieb stehen. Irgendetwas in der Beschreibung kam mir bekannt vor. Friseurstuhl, Klavierspiel, Mord: das war doch “Der Scherenschnitt”, das Mitspiel-Theaterstück, das mein Vater Anfang der siebziger Jahre geschrieben und inszeniert hatte. Uebersetzt und für den amerikanischen Markt zurechtgestutzt, lief es nun offenbar seit Jahren mit grossem Erfolg. Ich suchte nach einem Autor: Niemand. Nur Most Successful. Ein Stück ohne Autor. Hilarious.

Zwanzig Jahre nach seinem Tod hat mein Vater den internationalen Durchbruch geschafft. Und doch nicht. Bedeutet es jetzt noch etwas? Wurmt es ihn, dass sein Namen nirgends genannt wird? Unwillkürlich schaue ich nach oben, wenn ich diese Fragen stelle. Eine klare Antwort habe ich nicht erhalten, deshalb spreche ich seinen Namen hier aus: Paul Pörtner, Friede seiner Seele. Unsterblich war er nicht.

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden, ich möchte Ihnen allen sehr herzlich gratulieren. Und wenn Sie gleich auf ihren verdienten Erfolg anstossen, stellen Sie sich bitte vor, sie nähmen einen Schluck von meinem Zaubertrank. Er möge Sie beschützen.

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Abs:
Milena Moser