Kolumne von Milena Moser in Schweizer Familie
Flüssig, überflüssig!
Erst einmal möchte ich mich ganz herzlich für die vielen Zuschriften bedanken, die ich zu meinem papierenen Jubiläum erhalten habe, vor allem bei den Leserinnen und Lesern, die sich auf mein kleines Worträtsel eingelassen haben. Obwohl es ja eigentlich gar keine richtige Lösung gab. Oder anders gesagt: alle Lösungen waren richtig.
Einige von Ihnen haben netterweise darauf bestanden, dass an meiner Kolumne kein Wort zu viel sei – ihre Briefe habe ich natürlich sofort an den zuständigen Redaktor weitergeleitet, welcher seither ein Schweigegelübde abgelegt und sich in ein buddhistisches Kloster zurückgezogen hat - dasselbe, in dem auch Leonard Cohen gern nach sich selber sucht. Die beiden verstehen sich auch ohne Worte, aber das ist wohl eine andere Geschichte!
Andere haben zwischen sechs und vierzig überflüssige Wörter erkannt und aufgelistet, und ein Leser hat sogar das Wort „Kolumne“ als Füllwort bezeichnet. Sie hatten alle Recht, und Sie haben alle ein Buch bekommen.
Denn was heisst schon überflüssig? Da gibt es keinen objektiven Masstab, nur subjektives Empfinden. Immer wieder werden diese Bilder veröffentlicht, auf denen Familien aus aller Welt mit allem, was sie haben, fotografiert werden. Ihre gesamte Habe ist auf dem Boden vor ihnen ausgebreitet. Bei den einen hat sie auf einem Tischtuch Platz, bei den anderen auf einem Fussballplatz und das sagt noch nichts darüber aus, ob sie es als genug empfinden, als zu wenig oder zu viel.
Wie viel ist zu viel? Auf Zeitungsseiten, in Kühlschränken, auf Bankkonten, in Wohnzimmern und in Schuhschränken. Ich zum Beispiel habe nicht einmal einen. Einen Schuhschrank, meine ich. Schuhe schon, Schuhe viele, Stiefel noch mehr. Sie sind auf dunkle Ecken in Zimmern und Kästen verteilt, manche liegen auch noch unter dem Beifahrersitz im Auto versteckt. Als würde ich mich ihrer schieren Anzahl schämen. Und das tue ich auch – aber nicht genug, um an einem Paar vorübergehen könnte, das mir aus einem Schaufenster zuruft: „Nimm mich mit, ich gehöre dir!“ Ich bleibe stehen, und unter Umständen verschlägt es mit den Atem, wenn es die richtigen sind, das hat etwas beinah physisches. Schon als Kind konnte ich stundenlang vor der glänzenden Scheibe stehen und mir ein bestimmtes Paar an die Füsse phantasieren, schon als Kind glaubte ich, bestimmte Wege nur in bestimmten Schuhen beschreiten zu können.
Neulich sassen wir in einem Café, mein Sohn spielte mit meinem Handy, weil er sein eigenes nicht aufgeladen hatte, und plötzlich fragte er: „Mama, warum fotografierst du deine Schuhe?“
„Zeig her!“ sagte mein Mann und nahm ihm das Gerät aus der Hand. So etwas wie Respekt vor der Privatsphäre kennt meine Familie nicht. Mein Mann klickte sich durch meine bescheidene Bildergalerie und fand eine Reihen von Schuhportraits, die ich einer Freundin geschickt hatte.
Welche verlässlich zurückgeschrieben hatte: „Nehmen!“ Weil eine Freundin nun mal ein anderes Empfinden dafür hat, wie viele Paar Schuhe eine Frau braucht, als, sagen wir, mein Mann. Welcher wiederum seine eigenen Vorstellungen von der absolut notwendigen technologischen Minimalausrüstung hat, aber das ist ein anderes Thema.
„Sind die neu?“ Er zeigte mir ein Paar hochhackiger Hippiestiefel mit fröhlichem Patchworkmuster. „Die hab ich doch noch nie gesehen!“
„Nein.“ Die lagen eben noch im Auto. Eines Tages würde ich sie ins Haus schmuggeln und in einer dunklen Ecke deponieren, dann erst einmal unauffällig unter Hosen eintragen und erst, wenn der richtige Moment gekommen war, in ihrer vollen Pracht vorführen.
„Ach die? Die hab ich schon ewig!“ könnte ich dann sagen und es wäre nicht einmal gelogen.
Das alles ist unglaublich kindisch, ich weiss. Und obwohl es bestimmt Schlimmeres gibt, das man beim Spielen mit einem fremden Handy erfahren könnte, war es mir doch furchtbar peinlich. Ungefähr zehn Minuten lang. Ungefähr so lange, wie man von diesem Café, in dem wir sassen, zum nächsten Schuhladen brauchte.
Erst einmal möchte ich mich ganz herzlich für die vielen Zuschriften bedanken, die ich zu meinem papierenen Jubiläum erhalten habe, vor allem bei den Leserinnen und Lesern, die sich auf mein kleines Worträtsel eingelassen haben. Obwohl es ja eigentlich gar keine richtige Lösung gab. Oder anders gesagt: alle Lösungen waren richtig.
Einige von Ihnen haben netterweise darauf bestanden, dass an meiner Kolumne kein Wort zu viel sei – ihre Briefe habe ich natürlich sofort an den zuständigen Redaktor weitergeleitet, welcher seither ein Schweigegelübde abgelegt und sich in ein buddhistisches Kloster zurückgezogen hat - dasselbe, in dem auch Leonard Cohen gern nach sich selber sucht. Die beiden verstehen sich auch ohne Worte, aber das ist wohl eine andere Geschichte!
Andere haben zwischen sechs und vierzig überflüssige Wörter erkannt und aufgelistet, und ein Leser hat sogar das Wort „Kolumne“ als Füllwort bezeichnet. Sie hatten alle Recht, und Sie haben alle ein Buch bekommen.
Denn was heisst schon überflüssig? Da gibt es keinen objektiven Masstab, nur subjektives Empfinden. Immer wieder werden diese Bilder veröffentlicht, auf denen Familien aus aller Welt mit allem, was sie haben, fotografiert werden. Ihre gesamte Habe ist auf dem Boden vor ihnen ausgebreitet. Bei den einen hat sie auf einem Tischtuch Platz, bei den anderen auf einem Fussballplatz und das sagt noch nichts darüber aus, ob sie es als genug empfinden, als zu wenig oder zu viel.
Wie viel ist zu viel? Auf Zeitungsseiten, in Kühlschränken, auf Bankkonten, in Wohnzimmern und in Schuhschränken. Ich zum Beispiel habe nicht einmal einen. Einen Schuhschrank, meine ich. Schuhe schon, Schuhe viele, Stiefel noch mehr. Sie sind auf dunkle Ecken in Zimmern und Kästen verteilt, manche liegen auch noch unter dem Beifahrersitz im Auto versteckt. Als würde ich mich ihrer schieren Anzahl schämen. Und das tue ich auch – aber nicht genug, um an einem Paar vorübergehen könnte, das mir aus einem Schaufenster zuruft: „Nimm mich mit, ich gehöre dir!“ Ich bleibe stehen, und unter Umständen verschlägt es mit den Atem, wenn es die richtigen sind, das hat etwas beinah physisches. Schon als Kind konnte ich stundenlang vor der glänzenden Scheibe stehen und mir ein bestimmtes Paar an die Füsse phantasieren, schon als Kind glaubte ich, bestimmte Wege nur in bestimmten Schuhen beschreiten zu können.
Neulich sassen wir in einem Café, mein Sohn spielte mit meinem Handy, weil er sein eigenes nicht aufgeladen hatte, und plötzlich fragte er: „Mama, warum fotografierst du deine Schuhe?“
„Zeig her!“ sagte mein Mann und nahm ihm das Gerät aus der Hand. So etwas wie Respekt vor der Privatsphäre kennt meine Familie nicht. Mein Mann klickte sich durch meine bescheidene Bildergalerie und fand eine Reihen von Schuhportraits, die ich einer Freundin geschickt hatte.
Welche verlässlich zurückgeschrieben hatte: „Nehmen!“ Weil eine Freundin nun mal ein anderes Empfinden dafür hat, wie viele Paar Schuhe eine Frau braucht, als, sagen wir, mein Mann. Welcher wiederum seine eigenen Vorstellungen von der absolut notwendigen technologischen Minimalausrüstung hat, aber das ist ein anderes Thema.
„Sind die neu?“ Er zeigte mir ein Paar hochhackiger Hippiestiefel mit fröhlichem Patchworkmuster. „Die hab ich doch noch nie gesehen!“
„Nein.“ Die lagen eben noch im Auto. Eines Tages würde ich sie ins Haus schmuggeln und in einer dunklen Ecke deponieren, dann erst einmal unauffällig unter Hosen eintragen und erst, wenn der richtige Moment gekommen war, in ihrer vollen Pracht vorführen.
„Ach die? Die hab ich schon ewig!“ könnte ich dann sagen und es wäre nicht einmal gelogen.
Das alles ist unglaublich kindisch, ich weiss. Und obwohl es bestimmt Schlimmeres gibt, das man beim Spielen mit einem fremden Handy erfahren könnte, war es mir doch furchtbar peinlich. Ungefähr zehn Minuten lang. Ungefähr so lange, wie man von diesem Café, in dem wir sassen, zum nächsten Schuhladen brauchte.