Kolumne von Milena Moser in Schweizer Familie
Neue peinliche Geschichten 3
Es gibt, das ist der Schluss, den ich aus Ihren Einsendungen und meinen eigenen Erfahrungen schliesse, zwei Grundvarianten peinlicher Momente. Bei der einen steht man selber blöd da, man schämt sich, aber man kann bald auch wieder darüber lachen.
Bei der anderen aber sind andere Menschen betroffen, die man ohne Absicht verletzt oder lächerlich gemacht hat. Diese wirken viel länger nach, sie nagen noch jahrelang an einem, sie kokeln in der Erinnerung vor sich hin und flammen jedes Mal, wenn man an sie denkt, mit einem brennenden Unwohlsein wieder auf.
Das sind dann auch die Erlebnisse, bei deren Erinnerung man sich unwillkürlich krümmt, als hätte man einen Schlag in den Magen erhalten. Diese Erlebnisse sind auch schwieriger zu beichten, doch umso befreiender ist die Wirkung, wie hoffentlich bei Ursula Langley, einer Leserin aus Bristol in England. Sie schreibt: Als junge Schülerinnen schlenderten zwei Freundinnen und ich hinter einer eleganten Frau daher. Wir machten uns über sie lustig. «Sie sieht aus wie ein Bär oder Biber, sie sollte keinen echten Pelzmantel tragen, die armen getöteten Tiere, so viel Geld ausgeben, um aufzufallen!» In diesem Ton diskutierten wir, leise kichernd. Plötzlich drehte sich die vornehme Frau abrupt um, und mit zorniger Stimme sagte sie: «Ich werde es euren Eltern sagen, dass ihr so respektlos von mir redet. Ich trage, was ich will!» Schockiert verstummten wir, niemals hätten wir gedacht, dass wir in ihrer Hörweite waren. Mit roten Gesichtern und stammelnd entschuldigen wir uns, beschämt gingen wir weiter.
Und eine Einsenderin, die lieber anonym bleiben möchte: Es ist schon eine Zeit her, als ich einen Kollegen in der Reha besuchte. Er hatte viele Besucher, und wir begaben uns ins Restaurant. Wir sprachen über Gott und die Welt und unter anderem auch über Politik. In dieser Zeit waren Bundesratswahlen.
Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass sich ein junger Bursche für dieses Amt bewerben werde. Ich erzählte das in die Runde und sagte, der sei ja sehr mutig, aber wahrscheinlich ein Spinner. Da antwortete mein Gegenüber, ein Herr mit leicht gerötetem Gesicht: «Ich bin sein Vater.» Am liebsten wäre ich in den Boden versunken. Ich schämte mich sehr. Und entschuldige mich natürlich. Diese Geschichte hat mich noch lange beschäftigt.
Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass sich ein junger Bursche für dieses Amt bewerben werde. Ich erzählte das in die Runde und sagte, der sei ja sehr mutig, aber wahrscheinlich ein Spinner. Da antwortete mein Gegenüber, ein Herr mit leicht gerötetem Gesicht: «Ich bin sein Vater.» Am liebsten wäre ich in den Boden versunken. Ich schämte mich sehr. Und entschuldige mich natürlich. Diese Geschichte hat mich noch lange beschäftigt.
Viel schneller wieder über sich selbst lachen konnte Patricia Blättler. Sie verfolgte die Serie peinlicher Geschichten schmunzelnd und mit dem trügerischen Gefühl, «so etwas kann mir sicher nie passieren». Doch dann: Am letzten Freitag war ich am Wochenmarkt in Winterthur voller Vorfreude auf viele frische Köstlichkeiten. So ist mir ein Verkaufswagen mit einem grossen Schild ins Auge gestochen: CHÄS-KNÖPFLI. Eine ausgezeichnete Idee fürs Mittagessen, dachte ich und bin voller Tatendrang auf den Mann hinter dem Tresen zugesteuert und habe eine Portion Chäs-Knöpfli verlangt. «Dann müssen Sie mich kaufen», kam die etwas brummige Antwort. Ich war etwas verärgert über die ziemlich unwirsche und auch unverständliche Antwort und habe standhaft nochmals wiederholt, dass ich gerne eine Portion Chäs-Knöpfli hätte. «Ich sage ja, dann müssen Sie mich kaufen», kam nochmals die Antwort … Da ich ihn offenbar ziemlich ratlos und verdutzt angesehen habe, kam nach einiger Zeit des Schweigens dann doch endlich die Präzisierung: «Ich heisse Knöpfli und verkaufe Käse, verstehen Sie – Chäs-Knöpfli.» Nun endlich kapierte ich, und sofort lief es mir heiss und kalt herunter – wie konnte ich nur … Aber eben, wahrscheinlich denkt man halt doch zuerst mit dem Bauch, und wenn man dann noch Hunger hat, dann verschliesst man sich jeglichen vernünftigen Argumenten.
Das erinnert mich daran, dass meine Therapeutin mir einmal geraten hat, immer einen Schokoladestängel in der Handtasche zu haben – für den Notfall. Seit ich diesen Rat befolge, scheinen sich tatsächlich weniger Fettnäpfchen, Fallstricke und Stolperfallen auf meinem Weg zu befinden.