Kolumne von Milena Moser in Schweizer Familie

 

Allein unter Paaren

 

 

Wahrscheinlich bin ich wirklich nicht normal. Ich kann es mir nicht mehr anders erklären. War ich doch neulich ganz allein im Paradies. Und erst noch glücklich.

Also nicht im biblischen Paradies, sondern an einem Ort, der so heisst. Der aber meiner Vorstellung vom Paradies sehr nahe kommt. Es war ruhig. Alles fühlte sich schwerelos an. Nette Menschen, die sich lächelnd um mich kümmerten und sich lautlos bewegten, fast, als schwebten sie. Berge vor dem Fenster, blauer Himmel. Sonne. Fantastisches Essen.

So steht es doch immer in den Kontaktanzeigen, dachte ich, als ich nach dem Abendessen in der Bibliothek sass, ein Buch in der einen, ein Glas Wein in der anderen Hand. Im Kamin flackerte ein Feuer, irgendwo spielte jemand Klavier. Ich war wunschlos glücklich.

Im Frühstückssaal, in der Halle, auf der Sonnenterrasse, abends im Restaurant: nur Paare. Das hätte mir unangenehm sein müssen, war es aber nicht. Ich bin schon früher gern allein verreist, habe gern allein gegessen, dachte aber immer: Das ist, weil ich nicht wirklich allein bin. Weil ich zu jemandem zurückkommen kann nach meinen Abstechern in die Einsamkeit. Jetzt bin ich immer allein und bin es immer noch gern.
Darum denke ich, ich sei nicht normal.

Während ich in den Bergen war, erschien ein Artikel von Bettina Weber über das Lebensgefühl alleinstehender Frauen über 35. Diese wollen vor allem eines nicht: bedauert werden. Denn es geht ihnen ausgesprochen gut so allein. Nun ist es vermutlich ein Unterschied, ob man über 35 ist oder über 45, aber ich erkannte mich trotzdem wieder. Es gibt keinen Grund, mich zu bedauern. Es geht mir gut.

Wenn ich traurig bin, dann nicht, weil ich allein bin. Sondern weil etwas gescheitert ist, an das ich lange geglaubt habe. Dass es mir heute gut geht, liegt auch daran, dass ich mir diese Trauer erlaubte, solange sie anhielt. Sie stellte meine Entscheidung nicht in Frage. Im Gegenteil. Das Wichtigste, was mir meine Mutter beigebracht hat, ist: Alle wichtigen Entscheidungen trifft man mit 51 zu 49 Prozent, nicht etwa mit 99 zu 1.

In dem Artikel wurde auch beschrieben, wie zwei Freundinnen in einem schönen Hotel wie diesem am Tisch sitzen, sich angeregt unterhalten und prächtig amüsieren – mehr jedenfalls als die schweigenden Paare an den Nebentischen, die sich nichts mehr zu sagen haben. Ich dachte an all die Restaurants, in denen ich mich mit meinem Mann schon gestritten hatte, und dachte: Das wenigstens haben wir nie getan. Uns angeschwiegen.

Trotzdem hatte ich manchmal neidisch zum Nebentisch geschaut, wo eine Frau allein ein zweites Dessert bestellte und lächelnd eine Seite in ihrem Buch umblätterte. Jetzt bin ich die, die alleine sitzt, zufrieden mit ihrem Buch, ihrem Glas Wein.

Der Artikel über die alleinstehenden Frauen war am Abend ein Thema im Speisesaal:
«Ist doch logisch, dass zwei Freundinnen, die sich lange nicht gesehen haben, mehr zu reden haben als ein Paar, das jeden Tag zusammen verbringt», ereiferte sich die Frau am Nebentisch.

«Das sind doch alles Klischees», antwortete ihr Mann, und dann redeten sie lebhaft ohne Punkt und Komma weiter, als wollten sie allen beweisen, dass sie sich definitiv noch sehr viel zu sagen hatten. Einen Moment lang war ich versucht, mich einzumischen. Mit dem Löffel an mein Weinglas zu schlagen wie jemand, der eine Rede halten will: «Meine Damen, meine Herren», wollte ich sagen. «Regen Sie sich doch bitte nicht auf. Glückliche Singles stellen glückliche Ehen nicht in Frage.

Niemand will Ihnen etwas wegnehmen. Sie müssen nicht hundert Prozent Glück unter Beweis stellen, meine Mutter sagt, 51 sind genug.» Aber ich sagte nichts, denn wenn schon die Vorstellung, eine Frau könne ebenso gern mit einer Freundin essen gehen wie mit einem Mann, eine Provokation darstellt, was ist dann eine Frau, die ganz alleine glücklich ist? 

 

Abs:
Milena Moser