Coiffeur heisst auf Deutsch Frisör

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Einmal war ich in Winterthur und las aus "Das Leben der Matrosen". Und zwar zum ersten Mal. An einer sogenannten Buchpremiere. Ich sass auf einem eigens hergestellten, mit Kunstrasen überzogenen Stuhl und las: "Sicherheitshalber nahm sie gleich zwei Gläser und leerte sie schnell hintereinander, wie Arznei."
Arznei?
Was zum Geier ist das? Eindeutig hatte ich das nicht geschrieben. Ich würde doch nicht etwas schreiben, worüber ich selber stolpere.
Dann fiel es mir ein: Arznei ist deutsch für Medizin. Das Buch spielt zwar explizit in Zürich, ist auch mit einem Zürichdeutsch-Glossar versehen, erschienen ist es aber in Deutschland. Korrigiert, lektoriert in Deutschland. So wurden Redaktoren zu Redakteuren, das Tram zu der Tram und dann zur Strassenbahn, Trottoirs zu Gehsteigen, der Coiffeur zum Frisör. An vieles habe ich mich schon gewöhnt, Strassenbahn schreibe ich beinahe schon von selber. Ein Wort wie Chilbi, das ist mir klar, versteht in Deutschland niemand. Deshalb habe ich es in Anführungszeichen gesetzt. Doch wer versteht in der Schweiz "Kirchweih"? Was ist das denn schon wieder?
Kirchweih ist deutsch für Chilbi.
Dabei konnte ich einmal deutsch. Noch bevor ich Schweizerdeutsch konnte.
Der Taxifahrer sagt: "Sie sprechen so ein schönes Schwyzertütsch, da versteh ich beinah jedes Wort." Natürlich hatte ich hochdeutsch gesprochen. Ich war ja in Deutschland. Ich sollte lesen. Das Publikum belehrte mich, wie man "Plateausohlen" und "VW" betont. Immer auf der zweiten Silbe. Das konnte ich alles mal.
Ich bin in der Schweiz aufgewachsen. In einem kleinen Ort, der damals noch fast ein Dorf war. Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Schweizerin. Ich hatte einen deutschen Pass. Wenn es in der Schule um Papiere ging, um statistische Erhebungen, Umfragen, den Beruf des Vaters, wurde ich, zusammen mit dem (einzigen) UNEHELICHEN Mädchen vor die Tür gebeten, damit diese offensichtlichen Makel diskret besprochen werden konnten. Kein Vater. Kein Schweizer Pass.
"Nazischwein! Nazischwein!" riefen die Kinder, wenn ich "Butter" sagte statt "Anke". Im Aufsatz wurde es als Fehler angestrichen, dass ich statt wischen "kehren" geschrieben hatte. Deutsch, Hochdeutsch war die Sprache, die meine Eltern miteinander sprachen und die erste, die ich lernte. Sie wurde mir ausgetrieben. Heute kann ich es nicht mehr, nicht mehr akzentfrei sprechen und offensichtlich auch nicht mehr schreiben.

In meiner neuen Rolle als Verlegerin (beim Krösus Verlag) habe ich gerade eine Sammlung journalistischer Texte zusammengestellt, von Barbara Bürer, eine Zürcher Journalistin, die heute für DIE ZEIT schreibt. In vielen, vielen ihrer Artikel benutzt sie das Schweizerdeutsche als Stilmittel. Es war fast schon ihr Markenzeichen, bis sie nach Deutschland zog. Wie sonst soll man denn den Leuten aufs Maul schauen? Wie soll man vermitteln, wer welche Sprache spricht, wer was meint? Welche Nuance überlebt eine Übersetzung, wie echt klingen übertragene Dialoge noch?
Nun wollen wir das Buch aber auch in Deutschland verkaufen - wie weit müssen wir Rücksicht nehmen? Müssen wir überhaupt? Sind wir nicht immer bereit, alle Arten deutscher Dialekte als Umgangssprache hinzunehmen, auch wenn es dazu führt, dass wir laut lesen, um zu verstehen, was der Held sagt? Müssen wir nicht damit leben, dass (in Übersetzungen zum Beispiel) französische Frauenhelden berlinerisch reden? Ich habe versucht, jeden schweizerdeutschen Satz in den Texten von Barbara Bürer zu übersetzen - wenn es nicht möglich schien, habe ich ihn stehen lassen. So auch (und ich gehe davon aus, dass das jeder versteht):
"Mit eme Aengeli chunsch diräkt in Himmel".

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Abs:
Milena Moser