Streik.
Nach sieben Tagen brach sie ihr Schweigen. Das Telefon klingelte, sie nahm den Hörer ab und sagte “Hallo.”
Das war es: Das Ende eines Streikes, den keiner bemerkt hatte.
Als Dreizehnjährige hatte sie ihren eigenen Selbstmord vorgetäuscht: nach einem Streit mit ihrer Mutter, die darauf bestanden hatte, dass sie ihr Zimmer aufräumte, bevor sie in den Jugendkeller ging. Eine Aufgabe, die Susen damals so unüberwindlich erschien, dass sie sich einfach auf den Teppichboden legte, mitten in die verstreut herumliegenden schmutzigen und sauberen Kleider, Jugendmagazine, aufgeschlagenen Bücher, aufgerissenen Kekspackungen, Mandarinenschalen. Nach kurzem Ueberlegen stand sie noch einmal auf, ging ins Badezimmer und räumte den Medikamentenschrank aus. Treupel, Alcacyl und Dulcolax, sie schüttete die Pillen ins Klo und arrangierte dann die leeren Packungen neben sich auf dem Fussboden. So lag sie eine ganze Weile und wartete, dass ihre Mutter ins Zimmer käme. Dann würde sie ja sehen, was sie angerichtet hatte! Susen malte sich die Szene aus: Die Mutter, noch angetrieben von selbstgerechter Wut, will schon zu einer neuen Tirade ansetzen, dann sieht sie die geliebte Tochter daliegen, reglos, blass. Sie stockt, sie sinkt in die Knie - sieht die leeren Pillenschachteln.
“Was habe ich getan!” jammert sie und reisst den leblosen Körper an sich.
“Meine Tochter, mein liebstes Kind! So hab ich’s doch nicht gemeint!”
Die Familie läuft zusammen, der Vater, die Brüder, sie tragen sie in die Stube, legen sie aufs Sofa. Der Fernseher wird aus Respekt vor der Scheintoten ausgeschaltet, obwohl der Fussballmatch auf seinen Höhepunkt zugeht. Und wenn Susen endlich die Augen aufschlägt, kann sie alles haben. Ein Schokoladefondue, bei dem sie ersten Zugriff auf die Bananenscheiben hat, noch vor ihren Brüdern, und dann darf sie in den Jugendkeller. Ohne Sperrstunde. So.
Als ihre Mutter schliesslich ins Zimmer kam, stieg sie kurzerhand über die am Boden Liegende hinweg und riss die schweren Vorhänge auf. Das Sonnenlicht fiel mit einer Wucht auf Susen, die ihr den Atem verschlug. Sie schnappte nach Luft. Riss die Augen auf.
“Jetzt tu nicht so”, sagte die Mutter kurz und fing gleich an, den Schreibtisch aufzuräumen, mit knappen, effizienten Gesten ordentliche Stapel aufzuschichten. Blätter auf Blätter, Bücher auf Bücher, Stifte in die dafür vorgesehenen runden Behälter aus orangefarbenem Plastik. Dabei wandte sie Susen den Rücken zu, sie sah nicht ihre Blässe, nicht das kunstvolle Arrangement aus leeren Schachteln.
“Zusammen kriegen wir das hin”, sagte sie. “Es ist noch nicht mal sechs Uhr, du kannst also immer noch hingehen.”
Und Susen stand auf und liess die Pillenschachteln unauffällig verschwinden, kippte sie zusammen mit dem überquellenden Inhalt ihres Papierkorbs in die schwarze Mülltüte, die ihre Mutter mitgebracht hatte.
Sie wusste bis heute nicht, ob ihre Mutter die Inszenierung wahrgenommen hatte oder nicht. Ob ihr Ignorieren dieses vorgetäuschten Selbstmordversuches eine bewusste Entscheidung gewesen war oder einfach Achtlosigkeit. Und was schlimmer gewesen wäre. Die Erinnerung brannte noch lange an der Stelle im Zwerchfell, wo Susen peinliche Momente ablagerte, knapp unter dem Herzen.
Und auch in einer blauen Mappe auf ihrem Schreibtisch. “Roman” stand auf dem Deckel. In Anführungsstrichen. Darin sammelte Susen die romanwürdigsten Episoden ihres Lebens, die meist auch die peinlichsten waren.
Den von niemandem bemerkten Selbstmordversuch hatte sie dummerweise in einer Kolumne schon einmal verwendet. Heute tat ihr das leid. Wie alle diese brennenden Momente gab er nämlich eine gute Geschichte ab. Sie hätte ihn in der blauen Mappe liegen lassen sollen, auf der “Roman” stand.
So viele peinliche Momente hatte sie, dass sie bald eine zweite Mappe anlegen musste. Das würde ein umwerfender Roman werden, das wusste sie. Sie musste ihn nur schreiben. Ob es zulässig war, bei sich selber abzuschreiben?
Das war es: Das Ende eines Streikes, den keiner bemerkt hatte.
Als Dreizehnjährige hatte sie ihren eigenen Selbstmord vorgetäuscht: nach einem Streit mit ihrer Mutter, die darauf bestanden hatte, dass sie ihr Zimmer aufräumte, bevor sie in den Jugendkeller ging. Eine Aufgabe, die Susen damals so unüberwindlich erschien, dass sie sich einfach auf den Teppichboden legte, mitten in die verstreut herumliegenden schmutzigen und sauberen Kleider, Jugendmagazine, aufgeschlagenen Bücher, aufgerissenen Kekspackungen, Mandarinenschalen. Nach kurzem Ueberlegen stand sie noch einmal auf, ging ins Badezimmer und räumte den Medikamentenschrank aus. Treupel, Alcacyl und Dulcolax, sie schüttete die Pillen ins Klo und arrangierte dann die leeren Packungen neben sich auf dem Fussboden. So lag sie eine ganze Weile und wartete, dass ihre Mutter ins Zimmer käme. Dann würde sie ja sehen, was sie angerichtet hatte! Susen malte sich die Szene aus: Die Mutter, noch angetrieben von selbstgerechter Wut, will schon zu einer neuen Tirade ansetzen, dann sieht sie die geliebte Tochter daliegen, reglos, blass. Sie stockt, sie sinkt in die Knie - sieht die leeren Pillenschachteln.
“Was habe ich getan!” jammert sie und reisst den leblosen Körper an sich.
“Meine Tochter, mein liebstes Kind! So hab ich’s doch nicht gemeint!”
Die Familie läuft zusammen, der Vater, die Brüder, sie tragen sie in die Stube, legen sie aufs Sofa. Der Fernseher wird aus Respekt vor der Scheintoten ausgeschaltet, obwohl der Fussballmatch auf seinen Höhepunkt zugeht. Und wenn Susen endlich die Augen aufschlägt, kann sie alles haben. Ein Schokoladefondue, bei dem sie ersten Zugriff auf die Bananenscheiben hat, noch vor ihren Brüdern, und dann darf sie in den Jugendkeller. Ohne Sperrstunde. So.
Als ihre Mutter schliesslich ins Zimmer kam, stieg sie kurzerhand über die am Boden Liegende hinweg und riss die schweren Vorhänge auf. Das Sonnenlicht fiel mit einer Wucht auf Susen, die ihr den Atem verschlug. Sie schnappte nach Luft. Riss die Augen auf.
“Jetzt tu nicht so”, sagte die Mutter kurz und fing gleich an, den Schreibtisch aufzuräumen, mit knappen, effizienten Gesten ordentliche Stapel aufzuschichten. Blätter auf Blätter, Bücher auf Bücher, Stifte in die dafür vorgesehenen runden Behälter aus orangefarbenem Plastik. Dabei wandte sie Susen den Rücken zu, sie sah nicht ihre Blässe, nicht das kunstvolle Arrangement aus leeren Schachteln.
“Zusammen kriegen wir das hin”, sagte sie. “Es ist noch nicht mal sechs Uhr, du kannst also immer noch hingehen.”
Und Susen stand auf und liess die Pillenschachteln unauffällig verschwinden, kippte sie zusammen mit dem überquellenden Inhalt ihres Papierkorbs in die schwarze Mülltüte, die ihre Mutter mitgebracht hatte.
Sie wusste bis heute nicht, ob ihre Mutter die Inszenierung wahrgenommen hatte oder nicht. Ob ihr Ignorieren dieses vorgetäuschten Selbstmordversuches eine bewusste Entscheidung gewesen war oder einfach Achtlosigkeit. Und was schlimmer gewesen wäre. Die Erinnerung brannte noch lange an der Stelle im Zwerchfell, wo Susen peinliche Momente ablagerte, knapp unter dem Herzen.
Und auch in einer blauen Mappe auf ihrem Schreibtisch. “Roman” stand auf dem Deckel. In Anführungsstrichen. Darin sammelte Susen die romanwürdigsten Episoden ihres Lebens, die meist auch die peinlichsten waren.
Den von niemandem bemerkten Selbstmordversuch hatte sie dummerweise in einer Kolumne schon einmal verwendet. Heute tat ihr das leid. Wie alle diese brennenden Momente gab er nämlich eine gute Geschichte ab. Sie hätte ihn in der blauen Mappe liegen lassen sollen, auf der “Roman” stand.
So viele peinliche Momente hatte sie, dass sie bald eine zweite Mappe anlegen musste. Das würde ein umwerfender Roman werden, das wusste sie. Sie musste ihn nur schreiben. Ob es zulässig war, bei sich selber abzuschreiben?