Titel Leseprobe
Wir wollen alle dasselbe
Sie wollten alle dasselbe. Sie wollten ein Buch schreiben. Nicht
irgendein Buch – sondern den großen Schweizer Roman.
Sie wollten so schreiben, dass jedes Wort zählte. Jedes Wort eine
Faust in den Magen. Eine Fessel ums Herz. Wort für Wort, Satz für
Satz: Geschichten, die mit angehaltenem Atem gelesen würden,
nachts unter der Bettdecke, in Straßenbahnen, Wartezimmern, Cafés.
Sie wollten Bücher schreiben, die nicht aus der Hand gelegt und
nicht ausgeliehen würden. Bücher, die Leben veränderten.
Sie wollten, dass ihre Leser mit der Straßenbahn im Kreis fuhren,
bis das Kapitel zu Ende war. Dass sie statt an ihren Arbeitsplatz in
einen Park gingen, sich auf eine Bank setzten und lasen, bis es dunkel
wurde. Dass sie ihre Seite mit dem Daumen markierten, aufschauten
und ihre Ehe beendeten, bevor sie weiterlasen. Dass sie am Morgen
nach einer durchlesenen Nacht zu ihren Eltern sagten: «Ich geh nicht
mehr zur Schule. Könnt ihr vergessen. Ich werde Schriftsteller.»
Mit einer Entschiedenheit, wie sie selber es getan hatten. In Ge-
danken zumindest. Sie wollten Bücher schreiben, die geliebt wurden,
so wie sie geliebt werden wollten. Sie wollten berühmt werden, mehr
noch: Sie wollten unsterblich sein. Sie wollten Schriftsteller sein.
Iris Hasenfratz wusste es, seit sie achtzehn war. Seit ihr Vater ge-
storben war und ihr nichts als Bücher hinterlassen hatte. Seit ihr erster
großer Lebensplan eingebrochen und sofort der zweite an seine Stelle
getreten war. Plan B: Sie würde selber schreiben. Sie würde ihren
Vater zurück ins Leben schreiben. So einfach würde er nicht davon-
kommen. Iris Hasenfratz war unterdessen vierunddreißig Jahre alt.
Sie schrieb jeden Tag. Sie arbeitete an ihrem Plan, verfeinerte und
überarbeitete ihn. Tausende von Seiten hatte sie auf diese Art zusam-
mengetragen, was natürlich nicht dasselbe war wie einen Roman von
tausend Seiten zu schreiben. Doch das beunruhigte sie nicht. Sie
würde ihr Ziel auf anderem Weg erreichen. Sie würde nicht noch
einmal achtzehn Jahre warten. Diese Grenze hatte sie sich gesetzt:
zweimal achtzehn, sechsunddreißig. Mit sechsunddreißig musste sie
es geschafft haben. Irgendwann wollte Iris auch anfangen zu leben.
Sie wollten alle dasselbe. Dasselbe wie Iris Hasenfratz, die mit schnel-
len Schritten über den Platz ging. Große Schritte, lange Beine, hinter
ihr flatterte der Gürtel ihres Regenmantels. Ihr ganzes Leben presste
sie an die Brust, das Neoprenetui mit ihrem Laptop, mit ihren Plä-
nen, ihren Strategien, ihren Plotlinien, ihren Lebenslinien. Sie ließ
die Tram Nummer fünf vorbeifahren, die voller Studenten war, unter
ihnen mindestens zehn, die dasselbe wollten wie sie.
Zum Beispiel Melanie Grossmann. Achtundzwanzig Jahre alt, sechs
Semester Germanistik, ein Workshop mit Robert McKee, ein selbst-
auferlegtes Schreibpensum von zwei Stunden pro Tag. Schreiben will
geübt sein, wie alles andere auch. Das sagte jedenfalls Sol Stein, und
der musste es ja wissen. Melanie hatte sein Schreibprogramm durch-
gearbeitet, Fiction Master eins und zwei. Früher oder später würde ihr
Fleiß belohnt werden. Sie hatte auch schon den einen oder anderen
kurzen Text veröffentlicht, zwar nur in Gratiszeitungen und auch dort
nur in den Onlineausgaben, aber es war ein Anfang. Melanie hatte
nach den Vorgaben, die sie in ihren Kursen gelernt hatte, bereits drei
Konzepte ausgearbeitet, fertige Plotlinien, die sie nur noch ausfüllen
musste. Doch bevor sie sich an diese zeitraubende Arbeit machte,
wollte sie finanziell abgesichert sein. Anders gesagt, sie wollte einen
Verlagsvertrag. Einen Drei-Buch-Vertrag am liebsten, mit dem ent-
sprechenden Vorschuss. Bisher war sie mit diesem Anliegen aber ge-
gen eine Wand gerannt. Niemand hatte auch nur den Empfang ihrer
Konzepte bestätigt.
Mein Kampf, dachte sie trotzig. Dass sie die Schule abgeschlossen,
dass sie studiert hatte. Dass ihre Professoren sie überhaupt wahrnah-
men, dass sie diese mickrigen Auftragsgeschichten hatte veröffent-
lichen können: ein einziger Kampf.
Melanie Grossmann sah sich in der Fensterscheibe von Starbucks
gespiegelt. Selbst ihre nicht besonders anziehende, irgendwie quadra-
tische Gestalt, ihre helle Haut mit den kaum noch sichtbaren Akne-
narben, ihre dünnen Haare, die im Licht rötlichbraun glänzten: das
Ergebnis jahrelanger Anstrengungen. So viel Arbeit, so wenig Erfolg.
Irgendwann musste sich das alles auszahlen. Irgendwann musste
das Pendel zurückschwingen, irgendwann musste sie an der Reihe
sein. Wenn sie nicht daran glaubte, wer dann?
Melanie Grossmann wartete vor dem Schaufenster von Starbucks,
bis ein Platz an der Theke frei wurde, und belegte diesen dann wie-
selflink mit ihren Taschen, Jacken, Schals und Büchern. Sie holte sich
einen Bagel mit Räucherlachs und einen großen Frappuccino,
schließlich hatte sie heute noch nichts gegessen. Sie klappte ihren
Laptop auf und startete das Fiction-Master-Programm, das sie schon
mehrmals durchgearbeitet hatte. Nach jedem Kapitel würde sie sich
einen Bissen gönnen, einen Schluck.
Ob man ihr ansah, was sie wollte? Sie hob den Kopf und schaute
sich im Lokal um. Alle schrieben. Sie wollten alle dasselbe. Der
Möchtegern mit dem ledergebundenen Notizbuch. Der sich wohl
für Hemingway hielt.
Das war Manuel Bernasconi. Er trank seinen Kaffee schwarz,
dafür musste man nicht zu Starbucks gehen. Er wartete auf eine
junge Frau, die er im Internet kennengelernt hatte, jedenfalls hoffte
er, dass es eine Frau war. Und dass sie wenigstens ansatzweise ihren
Beschreibungen von sich selbst entsprach. Manuel seinerseits hatte
sich als Schriftsteller ausgegeben. Dabei wusste er gar nicht, wie ein
Schriftsteller aussah. Was er dachte. Schriftsteller wollen schreiben,
vermutete Manuel. Doch genau das wollte er nicht. Manuel wollte
geschrieben haben. Er wollte sagen können: «Ich habe ein Buch ge-
schrieben.» – «Mein Buch.» – «Mein Roman.»