(Eröffnungsansprache des Schweizer Literaturfestivals "Grüezi" in Nürnberg 2013:

Kennen Sie den? Zwei Schweizer Schriftsteller betreten eine Bar und.... OK, nicht realistisch. Also, zwei Schweizer Schriftsteller treffen sich auf der Buchmesse oder an einem Literaturfestival. Und wie es unter Berufskollegen üblich ist, klopfen sie sich gegenseitig ab: „Wie läuft’s denn so“, fragen sie. „Mit deinem neuen Roman? Die Kritiken sind ja nicht so... Und bei dir?“

Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Auch wir spielen dieses Spiel. Nur mit anderen Symbolen. Die entscheidende Frage für einen Schweizer Schriftteller ist nicht die nach den Verkaufszahlen. Wir Schweizer reden nicht gern über Geld. Die wichtigste Frage ist die Frage nach Deutschland. Wie läuft es in Deutschland? Kennt man dich in Deutschland? Machst du Lesungen in Deutschland? 

Jeder Schweizer Schriftsteller wünscht sich einen deutschen Verlag, Rezensionen in deutschen Zeitschriften. Natürlich auch, weil es einfach sehr viel mehr Deutsche gibt als Deutschschweizer, potentielle Leser, Buchkäufer. Auch, aber nicht nur. Bei Weitem nicht nur. 

Es geht tiefer. Es ist komplizierter.

„Sie sprechen aber ein schönes und leicht verständliches Schwyzertüütsch“, lobte mich der Taxifahrer auf dem Weg hierher. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben, das zu sprechen, was wir „hochdeutsch“ nennen, „richtiges“ Deutsch. Auch jetzt: Ich gebe mir alle Mühe! 

Aber ich kann es nicht. Das habe ich Herrn Meister zu verdanken, der mich von der ersten bis zur dritten Klasse unterrichtete. „Wir sind Schweizer und das soll man auch hören“, sagte er. Dabei war ich gar keine. Schweizerin. Ich bin nur in der Schweiz aufgewachsen. In einem kleinen Vorort, der damals noch ein Dorf war. Meine Mutter war Schweizerin, mein Vater jedoch Deutscher. Ich hatte einen deutschen Pass. In diesem Punkt war Herr Meister sehr sensibel.  Wenn es um Erhebungen und Statistiken ging, bat er mich immer vor die Tür, zusammen mit dem Sohn einer unverheirateten Mutter. Damit wir diese Schande nicht vor der Klasse aussprechen musste. Ich habe keinen Vater. Ich habe einen deutschen Vater. 

"Nazischwein!" riefen die Kinder hinter mir her, wenn ich "Butter" sagte statt "Anke". Das war immerhin Anfang der siebziger Jahre. Im Aufsatz wurde "kehren" – statt wischen – als Fehler angestrichen. Deutsch, Hochdeutsch, die erste Sprache, die ich hörte, die erste, die ich lernte. Meine Vatersprache. Sie wurde mir ausgetrieben. Mit dem Holzlineal auf die Finger. Heute kann ich sie nicht mehr akzentfrei sprechen und offensichtlich auch nicht schreiben. Heute streicht mir die Lektorin die Helvetismen an, die Herr Meister mir so mühselig beigebracht hat. Denn auch ein Schweizer Verlag will seine deutschen Leser nicht mit Ausdrücken wie Portemonnaie oder Trottoir verwirren. Ja, ich weiss: das ist französisch. Ich sagte ja, es ist kompliziert. 

Unser Verhältnis wird gern mit dem zwischen zwei Brüdern verglichen. Der Grosse findet den Kleinen zwar süss, aber manchmal auch lästig. Doch meist nimmt er ihn gar nicht wahr. Das ist ja das Gemeine! Der Kleine versucht alles, um in das Blickfeld des Älteren zu geraten und rächt sich wieder hintenrum. Wir bestehen auf unserer kulturellen Einzigartigkeit und sind doch auf Ihre Anerkennung angewiesen. 

Die Journalisten, die sich über die Deutschen auslassen, sind gleichzeitig stolz auf ihr akzentfreies Bühnendeutsch. Jeder Schweizer Kulturschaffende der auf sich hält, hat eine Zweitwohnung in Berlin. Manche Schweizer Schriftsteller sind gleich ganz ausgewandert, Thomas Hürlimann, Silvio Huonder, Linus Reichlin, Matthias Zschokke leben in Berlin und sind trotzdem Schweizer Schriftsteller. Sibylle Berg hingegen nicht - obwohl sie einen Schweizer Pass hat.  Tim Krohn, der auch einmal ein Deutscher war, schreibt Glarner Dialekt und hat begeisterte Leser bis in den höchsten Norden. Pedro Lenz, auf dessen Lesung Sie sich jetzt schon freuen dürfen, hat für seinen grossartigen Roman im Solothurner Dialekt den Schillerpreis bekommen. Und ja, da besteht durchaus ein Unterschied, ein wichtiger. Die Schweiz hat nicht nur vier Landessprachen, vier vollkommen unterschiedliche Mentalitäten, auch die einzelnen Regionen und Dialekte der deutschen Schweiz unterscheiden sich markant voneinander. 

Als wir aus Amerika in den schönen Kanton Aargau zurückwanderten, bekam mein Sohn Stützunterricht in Deutsch. Er lernte unter anderem die vier Aaragauer Dialekte voneinander zu unterscheiden und merkte sich, jenseits welchen Flusses der Keks ein Guetsli ist und wo ein Chrömli. Der Kanton Aargau ist mit dem Zug 25 Minuten von Zürich entfernt und doch eine andere Welt, eine andere Sprache, eine andere Literatur. 

Was ist also Schweizer Literatur? Was ist das Schweizerische an ihr. 

Eine deutsche Kollegin hat mir einmal während eines Abendessens Punkt für Punkt auseinandergesetzt, wie ich endlich wirklich berühmt werden, internationale literarische Anerkennung und Preise gewinnen und erst noch viel Geld verdienen könne. Als Schweizerin. Explizit als Schweizer Schriftstellerin. 

„Erstens“, sagte sie: „Folklore. Dein nächstes Buch spielt auf einem Berg. In einer Alphütte. 

Zweitens: Nazis. Setz dich mit der unverarbeiteten Vergangenheit der Schweiz auseinander. Aktivdienst, Adolf am Berg und so. 

Drittens: Sex. Folkloristisch. Am Besten mit Verdingbuben. 

Buchpreis garantiert“, sagte sie. 

Ich weiss nicht. Den Schweizer Buchpreis gibt es seit 2008. Im ersten Jahr ging er an Rolf Lappert, der damals in Irland lebte, wo auch sein Roman spielt. Dann folgten Ilma Rakusa und Melinda Nadj Abonji mit Büchern, die sich mit der Einwanderung auseinandersetzten. Catalin Dorian Florescus Roman bewegt sich zwischen Deutschland und Rumänien. Nur Peter von Matt, der letzte Preisträger, setzt sich in seinem Essayband mit der Schweiz auseinander - ihm wurde dafür vorgeworfen, dass er kein Schriftsteller sei, sondern ein Literaturkritiker. 

Wie man es macht, ist es nicht recht, auch das ist irgendwie typisch für die Schweiz. 

Jedenfalls wissen wir immer noch nicht, was das Schweizerische an der Schweizer Literatur ist. Jedenfalls ich weiss es nicht. Sowieso kann ich nur schreiben, was ich schreibe. Und das ist offenbar nicht schweizerisch. Oder wenigstens nicht schweizerisch genug. So hat mir jedenfalls ein Agent einmal erklärt, warum ich nicht auf englisch übersetzt werde: Weil ich nicht schweizerisch genug schreibe. 

„Was heisst schweizerisch?“, fragte ich zurück. 

Und er: „Ja, ich weiss nicht, Berge, Folklore, Nazis...“ 

Verdingbuben? 

Ein Klischee über Schweizer Literatur hält sich hartnäckig. Unsere Bücher seien schwer wie Ziegelsteine, aber das stimmt eben nicht. Für mich das schönste Werk der Schweizer Literatur ist nur scheinbar ein Kinderbuch. „Mein Name ist Eugen“,  von Klaus Schädelin, einem Berner Pfarrer in den fünfziger Jahren geschrieben. Es ist eine Lausbubengeschichte, aber die beschriebenen Streiche sind harmlos und unspektakulär. Die Sprache hingegen ist von einer ungeheuren, anarchischen Leichtigkeit, Respektlosigkeit und gleichzeitig voller Liebe. 

(Über Liebe sprechen wir eigentlich auch nicht gern, aber da ich lange in Kalifornien gelebt habe...) 

Dieses Buch ist ein Stimmungsaufheller. Eine halbe Seite Eugen reisst jede seelische Nebelwand auf. Zum Beispiel 

das Gedicht des liebeskranken Wrigley – bitte, versuchen Sie, zuzuhören, ohne die Mundwinkel anzuheben! 

„Wenn ich an deinem Fenster steh/ in mondenheller Nacht/ Wünscht ich, dass ich dich Holde seh/Drum geb ich stark Obacht.“ 

Na? Geht nicht, oder? Unmöglich. 

Und wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass sich hinter dem Pseudonym Wrigley der junge Richard von Weizsäcker verbirgt, dann ist das so ein typischer kleiner Bruder Spruch, ätsch – aber vielleicht ist es auch wahr. 

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, von diesem Land geprägt, von seiner frühen Ablehnung allerdings auch. Diese Gespaltenheit hat zur Folge, dass ich nicht in den Himmel kommen werde. 

Jahrelang hatte ich im Religionsunterricht mit zusammengebissenen Zähnen zugehört, wie unser Pfarrer in jedem Gleichnis die Rolle des personifizierten Bösen mit einem Deutschen besetzte. Wahlweise als Nazi oder als Kommunist. Ich fühlte mich persönlich angegriffen: Immerhin wusste ich, was es heisst, als Nazi beschimpft zu werden. Kommunist hat mich allerdings (zu meinem Bedauern, damals) nie jemand genannt. 

Und eines schönen Tages hatte ich genug. Ich sprang auf, baute mich vor dem Pfarrer auf und rief mit vor Erregung zitternder Stimme:
“Sie! Was meinen Sie eigentlich! Die Deutschen sind.. die Deutschen sind….” 

Leider fiel mir dann in der Hitze des Augenblicks gar nicht so viel ein. Was wusste ich über die Deutschen? Mein Vater war unterdessen Schweizer geworden. Bei der Einbürgerung hatte er seine Dialektkenntnisse mit dem schönen Satz „Vreni, heb d’Schnurre!“ unter Beweis gestellt. Zwei Monate später hatte er uns verlassen und war nach Deutschland zurückgekehrt. Wo er dann wieder der Ausländer war. Oder wieder zuhause. Oder beides. Was wusste ich schon. 

 “Die Deutschen sind auch Menschen!” schrie ich. Und fügte, für mich absolut folgerichtig, hinzu: “Die Schweizer sind auch nicht besser!” 

Der Pfarrer aber schloss, dass mir für eine Konfirmation die nötige Reife fehle und seither kreuze ich bei der Frage nach meiner Religion immer konfessionslos an. Mein Sohn, in Amerika aufgewachsen, meint, das bedeute, dass ich kein Geständnis abzulegen hätte. No confessions to make. Das passt mir recht gut. Doch falls mir deswegen tatsächlich der Zugang zum Paradies verwehrt werden sollte, bitte ich nach meinem Tod statt dessen um Aufnahme in die schöne Stadt Berlin. Für uns Schweizer Kulturschaffende ist das eh Hans was Heiri.

Sitzenbleiben, weiteratmen.

Oder: Was Yoga mit Schreiben zu tun hat.

Ich springe von der Schreibtischkante wie von einem Fünfmeterbrett. Jeden Tag. Ich springe ins Leere. Aber nicht ins Nichts. Den Mut dafür habe ich auf einer Yogamatte gefunden. Ich war 36, als ich in meine erste Yogastunde stolperte und bekennender Couchpotatoe. Körperliche Betätigung war mir fremd. Ich lebte in meinem Kopf, da war es schön, da kannte ich mich aus. Doch da ich ausserdem in San Francisco lebte, in einer Stadt in der es mehr Yogastudios als Kaffeehäuser gibt, konnte ich diesem Phänomen langfristig nicht ausweichen. Als ich eines Morgens vor einem dieser vielen neuen Studios stehenblieb, sprach mich eine kleine Frau mit kurzgeschorenem Haar an. Sie trug eine viel zu grosse Latzhose über einem wildgemusterten langärmligen T-Shirt, dessen Ärmel sich auf den zweiten Blick als Tätowierungen herausstellten.
“Willst du Yoga machen?”, fragte sie. Eigentlich nicht, dachte ich, doch da hatte sie die Tür schon geöffnet. Die Tür zu ihrem Yogastudio, zu einem anderen Lebensgefühl. Eine Tür, die ich nicht mehr geschlossen habe. Obwohl diese erste Stunde gut auch meine letzte hätte sein können: In einem überheizten Raum verrenkten sich abenteuerlich gekleidete junge Menschen in zirkusreife Stellungen. Nach zehn Minuten war ich schon ausser Atem und schweissgebadet. Meine Arme zitterten, meine Beine schmerzten. Der Raum verschwamm um mich herum, ich nahm nichts mehr wahr ausser der nächsten Bewegung, dem nächsten Atemzug. Die vier oder fünf parallel laufenden Tonspuren in meinem Kopf verstummten. Ohne es zu wissen, hatte ich in dieser ersten Stunde schon die traditionelle Definition von Yoga erfahren, das Verebben der Wellenbewegungen des Geistes.
Von dieser ersten Stunde an war ich angefixt. Gerade weil die Übungen so anstrengend waren, so schnell aufeinander folgten, dass ich gezwungen war, mich ihnen ganz hinzugeben. An nichts anderes zu denken. Diese Art von vollständigem Ein- und Untertauchen erlebte ich sonst nur am Schreibtisch.

Anfangs war es vor allem die körperliche Erfahrung, die sich auf mein Schreiben auswirkte. Die immer gleichen Yogastellungen fühlen sich jeden Tag anders an. Einatmen, ausatmen. Ich beuge mich nach vorne, meine Fingerspitzen berühren den Fussboden. Hurra! Am nächsten Tag erreichen sie nur knapp meine Knie. Es gibt nichts zu erreichen. Es ist nie zu Ende. Man lernt nie aus. Man kann im Yoga nicht „gut“ sein.  Man tut es einfach. Jeden Tag.  So wie schreiben.

Das kunstvolle Verbrezeln perfekt geformter (und gekleideter) Körper ist etwas Wunderbares, aber es hat nichts mit Yoga zu tun. Yoga ist ein ein recht pragmatisches System zum Unterhalt und zur Wartung von Körper und Geist. Es hat etwas unspektakuläres und privates. So wie auch das Schreiben im Wesentlichen eine einsame und unspektakuläre Angelegenheit ist. „Soll einst auf deinem Grabstein stehen Sie konnte die Füsse im Nacken verschränken?“, fragt eine meiner liebsten Yogalehrerinnen gerne provakativ. Worum geht es, meint sie. Worum geht es beim Schreiben? Darum, die Füsse im Nacken zu verschränken?

Seit ich wieder in der Schweiz lebe, habe ich keine feste Yogalehrerin mehr, kein bevorzugtes Studio. Ich übe in meinem Wohnzimmer, wo der Boden so schief ist, dass ich es mir sehr leicht machen kann, wenn ich will. Dann lasse ich mich einfach in die Schräge sinken. Doch an manchen Tagen übe ich auch gegen die Steigung. Dabei folge ich keiner bestimmten Übungsreihe, ich bediene mich bei den verschiedensten Schulen. Jeder Tag ist anders.  Mal stehe ich auf dem Kopf, mal rolle ich über den Teppich, mal liege ich auf dem Fussboden mit den Beinen an der Wand. Doch sehr oft sitze ich einfach da. Und atme. Das ist bestimmt das wichtigste, was ich im Yoga gelernt habe: Einfach sitzenzubleiben und weiterzuatmen.

Yoga nährt mein Schreiben nicht nur inhaltlich – die Hauptfigur meiner beiden letzten Romane ist eine an MS erkrankte Yogalehrerin, meine Odyssee durch kalifornische Yogastudios habe ich in einem Sachbuch beschrieben. Yoga beeinflusst meine Arbeitsweise ganz pragmatisch und direkt. Ich schreibe, wie ich übe. Dabei halte ich mich an mein Lieblingssutra: Shtiram sukham asanam. Anstrengung und Leichtigkeit machen die Yogaübung in gleichem Masse aus. Struktur und Freiheit bedingen einander. Für mich heisst das, ich schreibe jeden Tag, aber ich nehme mir inhaltlich nichts vor. So wie ich morgens meine Matte ausrolle, ohne zu wissen, was mich dort erwartet.

Sukha übrigens ist mein Lieblingswort in Sanskrit, was an sich nicht viel bedeutet, da ich nur ungefähr zehn Sanskritwörter kenne. Sukha heisst etwas wie Nektar; Leichtigkeit und Süsse. Diese Süsse ist es, die mich umfängt, wenn ich gesprungen bin, die Süsse und nicht die Leere.

Die Kunst des magischen Denkens.
Vortrag am Symposium „Drogen und Literatur“ in Ljubliana
27. – 29. Oktober 2014

Wer, ich?

Das war meine erste Reaktion auf die Einladung zu diesem Symposium. Ich und Drogen? Wie kommt man denn auf so etwas! Ich nehme doch keine Drogen.
Mein Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen hält sich sehr in Grenzen - wenigstens dann, wenn ich schreibe. Es sei denn, man zählt Kaffee zu ihnen. Es soll Menschen geben, die das tun.

Es gab in meinem Leben nur eine vergleichsweise kurze Phase, in der ich gleichzeitig trinkfähig und kinderlos war. Damals hielt ich mich für Hemingway, schrieb nachts, rauchte selbstgedrehte Zigaretten und trank irischen Whisky. Wenn ich es mir recht überlege, hielt ich mich wohl eher für Dylan Thomas. Do not go gently etc. Nichts, was ich in dieser Zeit geschrieben habe, wurde je veröffentlicht. Das kann kein Zufall sein. Vermutlich liegt es daran, dass ich meist am Schreibtisch einschlief, mit dem Kopf auf dem runden Rücken meiner Hermes 3000. Ja, so lange ist das her, dass ich noch auf einer mechanischen Schreibmaschine schrieb.

Dann bekam ich ein Kind und musste von da an meine Schreib- mit seinen Schlafzeiten koordinieren. Was mein Leben ungleich anstrengender, mein Schreiben aber umso fokussierter machte. Nie genug Zeit dafür zu haben, immer gerade dann, wenn es richtig gut lief, aufhören zu müssen gab meinem Schreiben die Dringlichkeit, die es verlangte. Erst die Texte, die ich in dieser Zeit geschrieben habe, wurden auch veröffentlicht. Ich wiederhole: Das kann kein Zufall sein.

Nun würde ich aber nicht so weit gehen, Babies als Drogen zu bezeichnen.

Was also tue ich hier?

Da war natürlich diese Sache mit den M & M’s.  M & M’s sind mit Schokolade überzogene und dann bunt glasierte Erdnüsse. Eine Deutschprofessorin aus Wisconsin brauchte diese Süssigkeiten zur Illustration ihrer Vorlesung über „Milena Mosers Motive“. Es war an einer Konferenz zum Thema Schweizer Literatur in Cambridge, Massachussetts. Nicht an der Universität - die Konferenz fand in einem Holiday Inn statt. Nur ein kleines Grüppchen von Zuhörern interessierte sich für diesen Vortrag und das war gut so, denn die Professorin hatte nur einen Beutel dieser Schokoladenüsse mitgebracht. Sie sortierte sie nach Farben, wir hielten die offene Hand auf.
„Die grünen“, sagte sie und verteilte diese, „die grünen stehen für den abwesenden Vater. Die roten für die überkritische Mutter. Gelb, das sind die Frauenfreundschaften, die sind besonders wichtig, nehmen Sie ruhig gleich zwei...“ Staunend schaute ich auf die wachsende bunte Mischung von Süssigkeiten in meiner Hand und dachte: Bin ich wirklich so durchschaubar? Und: Stimmt das, sind das meine Themen? Dann wurden die blauen verteilt. „Blau steht für den Alkoholkonsum ihrer Figuren.“ Ach, wirklich? Vater, Mutter, geschenkt, dachte ich. Dass ich, wie jeder Schriftsteller, gewisse Grundthemen habe, war mir durchaus bewusst gewesen. Aber Alkohol? Wirklich?

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte ich die Professorin später. An der Bar. Unauffällig langte ich in meine Jackentasche, in der die Schokoladenüsse steckten. Ich ass sie eine nach der anderen, ohne auf ihre Farbe zu achten.

Kurz nach meiner Rückkehr von dieser Konferenz meldete sich eine Gymnasiastin bei mir: Sie wollte ihre Maturarbeit über meine Bücher schreiben. Ob wir uns treffen könnten. Wir verabredeten uns in einem Lokal nahe beim Bahnhof. Ich war zuerst dort. Als die Kellnerin nach meinen Wünschen fragte, schaute ich auf die Uhr, es war kurz vor sechs. „Irgendwo auf der Welt ist es immer 18 Uhr“, habe ich einmal geschrieben. Vielleicht eher abgeschrieben. Egal.
„Ein Glas Weisswein bitte“, sagte ich. Dann überlegte ich es mir anders und bestellte stattdessen einen Kaffee. Wenig später stürmte die Schülerin herein, legte ihre sieben Taschen ab, entschuldigte sich für die Verspätung. „Kein Problem“, sagte ich.  „Worum geht es denn in Ihrer Arbeit?“ „Um den Alkoholkonsum ihrer Figuren.“
Da war ich doch froh, hatte ich eine Kaffeetasse vor mir stehen und kein Weinglas.
Obwohl die Gymnasiastin genau wie die amerikanische Professorin durchaus zwischen Figuren und Autorin unterscheiden können.
Die Frage ist: Kann ich es?

Ich begann, über meinen Weissweinkonsum nachzudenken. Besser, über den meiner Figuren. Und ich stellte fest, dass ich das Öffnen einer Flasche, das Einschenken eines Glases, das Trinken - hinunterstürzen, nippen, kosten, schletzen, schmatzen, schluckweise geniessen, kippen wie Medizin - aber auch das Stehenlassen eines halbvollen Glases, das Horten von halbvollen Flasche im Kühlschrank, das Öffnen einer zweiten Flasche – dass ich all diese Handlungen symbolisch einsetze. Bis hin zum Kopfweh am nächsten Morgen stehen sie für etwas anderes, schwerer in Worte zu fassendes. Etwas, das man Lesen oder auch Überlesen kann.
Als die französische Schauspielerin Catherine Deneuve aufhörte zu rauchen sagte sie, sie habe so auf einen Schlag ihr halbes Repertoire an Gesten verloren. So ähnlich geht es meinen Figuren, wenn sie aufhören zu trinken. Sie verlieren ein wichtiges Ausdrucksmittel. Sie verlieren ein Arsenal an Symbolen. Trotzdem habe ich diese mit der Zeit durch andere Gesten ersetzt. Genau kann ich es nicht sagen, denn ich verbringe so wenig Zeit wie möglich damit, meine eigenen Bücher wieder zu lesen. Genau genommen gar keine. Deshalb weiss ich es gar nicht so genau: Wann sind meine Figuren vom Weisswein zum Roten übergegangen? War Mimosa Mein in Möchtegern die erste, die immer ein halbvolles Glas neben ihrem Bett stehen hatte, ohne es zu trinken? Nur, damit es da war? Wann haben meine Figuren angefangen, Yoga zu machen, zu meditieren? Und was bedeutet es? Hat der automatische Griff zur angebrochenen Weissweinflasche im Kühlschrank tatsächlich eine grundsätzlich andere Bedeutung als der zur Nase? Ist das wildentschlossene Herunterkippen von Alkohol wirklich eine grundsätzlich andere Reaktion auf das Leben als das Zuhalten des rechten Nasenloches, um durch das linke langsam einzuatmen? Und: Ist die Wirkung am Ende nicht dieselbe? Oder doch die umgekehrte?

Was hat das mit mir zu tun?

Zurück zu den bewusstseinsverändernden Substanzen: Zu Beginn meiner sogenannten Karriere schrieb ich Texte für den staatlichen Schweizer Radiosender. Satirische Dialoge, die mit zwei Stimmen und drei Geräuschen auskommen mussten. Wasserhahn, Türe, Telefonklingel. Jede Woche bekam ich ein paar Themenvorschläge.  Ich schnappte mir so viele wie möglich, denn bezahlt wurden damals neben einer Grundgebühr siebzehn Schweizer Franken pro Sendeminute, also pro Seite. Um meinen kleinen Sohn und mich zu ernähren, musste ich diese Texte sozusagen am Fliessband schreiben. Akkordarbeit.

Nicht, dass ich mich beklagen würde: Eine bessere Schule konnte es nicht geben.

Damals kam ich auch zum ersten Mal mit anderen Autoren in Kontakt. Wir trafen uns regelmässig, besprachen unsere Texte aber mehr noch unsere Arbeitsweisen. Wir waren alle unter Druck. Finanziell und zeitlich. Wir wollten alle Romane schreiben, wir konnten es uns alle nicht leisten. Wenn wir nur mehr Stunden aus dem Tag, mehr Texte aus den Stunden zwingen könnten! Damals nahm jeder irgendetwas. Oft rotteten wir uns vor den Studiotüren zusammen.
„Hast du was dabei?“, fragten wir.
„Willst du was?“
„Was hast du?“
„Probier mal das!“
Dabei gaben sich die wenigsten von uns damals mit Drogen im herkömmlichen Sinn ab. Es ging uns nicht darum, uns auszuklinken, der Realität zu entfliehen. Im Gegenteil. Stattdessen wurde ich von dieser Gruppe von übernächtigten Akkordschreibern in die subtilen Mechanismen des mentalen Dopings eingeführt. Es begann ganz harmlos, mit hochdosiertem Vitamin C,  mit flüssigen Aminosäuren, in Glaskapseln portioniert, die wir mit dem Daumen aufbrachen und uns in den Hals schütteten, ohne mit den Lippen die scharfe Glaskante zu berühren. Es war ein trauriger Tag, als in der Schweiz die Vitamindosierung gesetzlich geregelt wurde. Fortan wurden Amerikareisende zu Schmugglern erzogen.
„Bring mir Nasenspray und Hustensirup mit, ich bezahle es auch.“ Ephedrin und Codein, die Grundbausteine von Crack. Rezeptfrei zu bekommen, also nicht gefährlich. Dachten wir. Ein Kollege lud uns gern zu sich nachhause zum Arbeiten ein. Stolz präsentierte er uns jeweils seine Sammlung von Präparaten in bunten Plastikflaschen, die den halben Tisch bedeckten. Er war immer der erste, der etwas Neues entdeckte.
„Probiert mal das: Niacin. Erweitert die Blutgefässe im Hirn, ich schwör drauf!“ Bald wurden seltsame Brillen aufgesetzt, die Blitze vor den geschlossenen Lidern explodieren liessen. Rhythmisches Meeresrauschen sollte über Kopfhörer unsere Hirnströme regulieren. Einer von uns, der irgendwie den Sprung zum gutbezahlten Drehbuchschreiber geschafft hatte, installierte in seinem Keller einen Samadhitank, den wir alle kurz vor unseren Abgabeterminen benutzen durfen. Der Entzug von Sinneseindrücken in der absoluten Stille und Dunkelheit, im körperwarmen Wasser schwebend, sollte den Geist auf die Überholspur katapultieren. Auf mich, ich muss es leider gestehen, hatte es dieselbe Wirkung wie irischer Whisky: Ich schlief immer sofort ein.

Damals verstand ich etwas: Wir glaubten alle nicht, dass wir das, was wir zum Schreiben brauchen, bereits haben. Im Kopf, in der Phantasie, in den Händen, im Herzen. Im Gegenteil: Wir brauchten alle Hilfe, die wir kriegen konnten. Wir klammerten uns an unsere writers little helpers wie kleine Kinder an ihre Schmusedecken.

Die Entwicklungspsychologie beschreibt das Stadium des magischen Denkens. Im Alter von zwei, drei, vier Jahren leben Kinder mit ihren imaginären Freunden. Sie halten sich die Hände vor die Augen, wenn sie nicht gesehen werden wollen. Irgendwann wachsen sie aus dieser Phase wieder heraus. Ausser natürlich, sie werden Schriftsteller. Denn was ist Schreiben anderes als Zeit mit seinen imaginären Freunden zu verbringen? Auch wenn heute der Trend dazu geht, zu behaupten, Schreiben sei reines Handwerk, ein vollkommen plan- und kontrollierbarer Prozess. Oder gerade deshalb. Denn dieses Bedürfnis, das Unfassbare zu fassen, das Unbeherrschbare zu zügeln, ist genau so eine Hilfskonstruktion wie der Aberglaube, man brauche diese oder jene Substanz zum Schreiben. Einen bestimmten Bleistift, die richtige Umgebung, Tageszeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Ich zum Beispiel, ich habe im Verlauf meines Schriftstellerlebens eine Schmusedecke gegen die nächste eingetauscht. Heute zum Beispiel bilde ich mir ein, ich schreibe besser, wenn ich sehr früh aufstehe und meditiere. Es ist eine andere Schmusedecke. Aber es ist eine Schmusedecke.

Manchmal allerdings vergesse ich, dass ich sie brauche. Manchmal greift die Tastatur nach mir statt umgekehrt. Manchmal drängen sich Worte auf, die ich nicht gesucht habe. Manchmal ist Schreiben Droge genug.