Ode ans Kaffeehaus

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Samstag Morgen kurz nach neun, die Schlange vor dem Kaffeetresen des Atlas Café zieht sich zur Tür hinaus und bis um die Ecke. Junge Frauen in zu grossen Pyjamahosen und Plüschpantoffeln mit Hasenohren. Aeltere Damen mit lila Locken und Wanderschuhen. Radkuriere mit künstlichen Dreadlocks und Beinen aus Stahl, Jogger, Hundebesitzer, Wichtigtuer, ein Mann mit fahrbarem Sauerstoffgerät. Ich stelle mich hinten an, den Computer unter den Arm geklemmt. Gerade habe ich meinen Sohn im Fechtkurs abgesetzt, eineinhalb Stunden liegen vor mir und eine unfertige Geschichte. Die Schlange bewegt sich nur langsam, die Bestellungen sind kompliziert und die Baristas, wie die Kaffeeausschenker genannt werden, so verlangsamt und gelangweilt, wie sich das für das Personal von Szenecafés auf der ganzen Welt gehört.

Ich behalte die kleinen Tische im Lokal im Auge, als könnte ich mit hypnotischem Blick einen für mich reservieren, ganz hinten an der Wand. Es ist sonnig, der kleine Hinterhof schon voll besetzt. Zum Glück wollen die meisten Kunden ihren Kaffee im Pappbecher “to go”, gleich wieder mit nach Hause nehmen und im Bett durch die kleine schnabelartige Oeffnung im Plastikdeckel schlürfen. Sagte ich Kaffee? Das war ein Versehen. Kaffee bestellt hier niemand, sondern mysteriöse Mixturen wie “half-caf/decaf” oder einen doppelten “nassen” Cappucino oder gar einen Latte mit fettfreier Sojamilch und Schlagsahne oben drauf. Ein Ausdruck von innerer Zerrissenheit, der mich länger beschäftigen wird. Als ich an die Reihe komme, sage ich phantasievoll wie immer: “Einen doppelten Espresso bitte, und ein Himbeer-Scone."

"Einen was? Doppelten was?”, näselt die junge Barista an ihrem Nasenring vorbei, doch irgendwas in meinem Blick hält sie davon ab, mir einen Vortrag über die gesundheitlichen Risiken übersteigerten Koffeinkonsums zu halten. Statt dessen wendet sie sich wieder an den tassenspülenden Mexikaner, der sich ihre Auflistung von Dingen, die sie im Verlauf des gestrigen Abends zu sich genommen hat, geduldig anhört.

Endlich bin ich an meinem Tisch, ganz hinten in der Ecke, Blick über das ganze Lokal, ich esse erst einmal mein Scone, kippe den Kaffee und lasse mir die Tasse wieder füllen: “Noch einen?”, näselt das Fräulein, jetzt beinahe bewundernd, “wow, du kannst aber was vertragen!” Ich wische die Krümel vom Tisch, bevor ich meinen Computer aufklappe. Das ist mein Arbeitszimmer, samstags von neun bis halb elf, während mein Sohn um die Ecke den Säbel schwingt, oder wie immer das Ding heisst. Wochentags klappe ich mein Büro entweder im “Dolores Park” in der Nähe der Schule auf, oder im ”Farley’s” bei mir um die Ecke. Doch das “Dolores Park” bietet kabellose Internetverbindung an, was bei mir sofort zu endlosem email Geschnatter führt, und im “Farley’s” liegen die (in “Sofa ,Yoga, Mord” verewigten) Gästetagebücher auf den Tischen, deren endlosen seifenopernartigen Geständnissen ich nie widerstehen kann. Ausserdem ist der Besitzer, der drahtige Roger, ein Exfreund meiner Freundin Alice. Jedesmal, wenn er mich sieht, erkundigt er sich nach ihr, so in dem Ton “ist sie etwa schon wieder schwanger oder einfach nur dick geworden?”

Im Atlas gibt es nichts dergleichen, nur eine eklektische Mischung von Menschen, die mich jedesmal von neuem entzückt. In Zürich zum Beispiel würde sie automatisch vorsortiert: die aufstrebenden jungen Ferrnsehproduzenten bleiben hübsch unter sich, die trotzigen jungen Lesben mit ihren halbrasierten Köpfen hätten ihr eigenes Lokal, ebenso wie die befreiten Grossmütter in ihren selbstbemalten Seidentuniken und die Yogasüchtigen mit ihren zusammengerollten Matten. Selbst die Obdachlosen und ihre Hunde würden einen eigens für sie eingerichteten Treffpunkt aufsuchen müssen. Aber hier in San Francisco teilen sie sich alle das selbe szenige Café und dieselbe schnoddrige Bedienung – das liebe ich an dieser Stadt. Selbst Touristen trauen sich, am Tisch die Strassenkarte aufzufalten, ohne sich blossgestellt zu fühlen. Und natürlich bin ich nicht die einzige, die hier in die Tastatur haut: Schreiben im Kaffeehaus hat in San Francisco Tradition. Die Beat-Poeten trafen sich jeweils im Caffe Trieste im Italienerviertel North Beach, wo sich zwar weit und breit kein Strand befindet, dafür die berühmte City Lights Buchhandlung, die den erst mal verbotenen Roman “On the Road” veröffentlichte und vertrieb und deren Besitzer sich dafür vor Gericht verantworten mussten. Da traf sich, wer einen Bleistift halten konnte, zu Endlos-Lesungen und Diskussionen, die dann im Caffe Trieste fortgeführt wurden, bis die Kaffeebohnen ausgingen. Es heisst, San Francisco’s Beitrag zur Beatliteratur sei ausschliesslich an diesen kleinen runden Tischen entstanden, an denen heute noch furios und fiebrig in schwarze Notizbücher gekritzelt (seltener auf Laptoptastaturen eingetrommelt) wird.

In San Francisco gibt es an jeder Ecke Kaffeehäuser - Kaffee ist eines der letzten Laster, die sich gesundheitsbewusste Nordkalifornier noch gönnen, gleich literweise schlürfen sie die absurden, klebrig-süssen Mischgetränke, die manchmal auch “candy bar in a cup” genannt werden und leicht eine Mahlzeit ersetzen können. Die mit Kreide auf eine Schiefertafel hinter der Theke gemalte Karte füllt meist gleich die ganze Wand: Kaffee wird mit heisser Schokolade gemischt oder mit einem Schuss Caramel- oder Vanillesirup versetzt, mit Eis und Schlagsahne aufgepeppt, mit Zimt und Zucker bestreut. Jedes Viertel hat seine Nachbarschaftscafés, kleine, schräge, mit Flohmarktsofas möblierte Lokale, die sich tapfer gegen die verpönten mit dem grünen Signet behaupten, und in denen sich Pensionäre, Studenten und Ladenbesitzer treffen. Auf windschiefen Bänken vor der Tür unterhalten sich Raucher mit Hundehaltern, und überall sitzen auch angehende oder etablierte Schriftsteller, Drehbuchautoren und Dichter an den Tischen. Manche haben zur Betonung ihrer Ernsthaftigkeit einen Wall aus Büchern um sich herum gebaut. Bitte nicht stören, hier arbeitet jemand, der Proust liest! Aber hallo, im Original! In dieser emsigen Atmosphäre fühle ich mich sozusagen zur Produktivität verpflichtet, ich hacke in die Tastatur als hinge mein Leben davon ab. Zuhause hätte ich schon längst die Zeitung aufgefaltet oder die Post geöffnet, das Telefon abgenommen, ach was, ich wäre aufgestanden, hätte das Frühstücksgeschirr abgewaschen und den Weg zurück zum Schreibtisch nie mehr gefunden. Doch hier gönne ich nicht mal meinen Tippfingern (zwei an jeder Hand) eine Pause. Die zugegeben leicht pubertäre Ueberzeugung, beobachtet zu werden, hält mich bei der Sache. Kaum halte ich einen Augenblick inne, meine ich die anderen Gäste kopfschüttelnd zueinander sagen zu hören: “Nun schau dir mal die an, in der Ecke da, die schreibt doch gar nicht!” Und schon bin ich so drin in meiner Geschichte, dass ich die Zeit vergesse. Mein Sohn steht schon an der Ecke, in seinen zu grossen und nicht mehr ganz sauberen Fechthosen, den Helm unter den Arm geklemmt, als ich angekeucht komme, die Computerkabel hinter mir herschleifend.
“Ich hab Hunger” sagt er, “ich hab Durst, krieg ich eine heisse Schokolade? Und schon stehen wir wieder in der Schlange vor dem Atlas Café.

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