Titel Leseprobe

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Das Meer habe ich mir größer vorgestellt!

Es war ein typischer kühler Sommerabend, als ich mich in einem italienischen Restaurant in North Beach sanft unter den Tisch gleiten ließ. “Pulling a Dali” nennt man das, wenn man wie eine Flüssiguhr vom Stuhl rutscht, normalerweise als Folge fortgeschrittener Trunkenheit, in meinem Fall war es Scham.
Unter dem Tisch fischte ich meinen Schweizer Pass aus der Handtasche und aß ihn auf. Seite für Seite riss ich aus dem roten Büchlein und stopfte sie mir in den Mund. Keine Sekunde länger wollte ich Schweizerin sein, zu den Leuten am Tisch gehören, zwischen deren Beine ich kauerte, während sie sich lautstark über den mexikanischen Kellner lustig machten, der sie gefragt hatte, ob sie Deutsche seien.
“Deutsche! Der meint wir seien Deutsche!”
“Und wahrscheinlich meint er auch, Venedig sei in Las Vegas!”
Nein, unter diesem Tisch würde ich mich so schnell nicht wieder hervorwagen. Ich nahm eine Nagelschere aus meiner Tasche und begann, an den Designerhosenbeinen, die mich wie ein teurer Wald umgaben, herumzuschnippeln. Meine handwerklichen Fähigkeiten sind begrenzt, aber eine kleine Reihe gezackter Tannenbäume kriege ich auch im Dunkeln hin.
Plötzlich wurde das Tischtuch hochgehoben und eine ältere Amerikanerin beugte sich zu mir herunter. „Honey, ist alles o.k.?“
„Ja, klar, danke.“
Ich kannte die Dame nicht, aber sie tätschelte mir mitfühlend meine Hand, als wüsste sie genau, was in mir vorging.
Ich liebe es, von Wildfremden „Honey“, „Sweetie“ oder gar „Love“ genannt zu werden. Es klingt einfach so viel besser als „He, Sie da!“. Ich wusste aber auch, was die Schweizer oben am Tisch dazu sagen würden, wenn sie diesen Austausch mitbekommen hätten: „Typisch! Diese Oberflächlichkeit!“
    „Nicht mal einen Namen merken können sie sich!“
„Diese Amerikaner!“

Abs:
Milena Moser