Gute Vorsätze, reloaded.

bridgetjones_468x434-350x324Übermorgen ist Sylvester. Schon wieder? Hatten wir das nicht gerade eben? Ich mag diesen Abend nicht. Meist verschlafe ich ihn. Als meine Kinder klein waren, habe ich mich jeweils grosszügig anerboten, ihre Freunde zu hüten, so dass die Mütter ausgehen konnten. Das sicherte mir ihre vollkommen unverdiente Dankbarkeit, denn ich war noch so froh, eine Ausrede zu haben, um zuhause zu bleiben. Ich kochte, ich zündete Tischbomben an, ich schmolz Blei über Rechaudkerzen und um zehn Uhr behauptete ich meist, es sei schon Mitternacht. Wir bewarfen und gegenseitig mit Luftschlangen und gingen dann ins Bett. Mit dieser Taktik kam ich nur so lange durch, bis sie die Glockenschläge zählen konnten. Unvergessen die Neujahrsnacht, in der plötzlich drei empörte Buben vor meinem Bett standen und riefen: “Betrug! Es ist noch gar nicht Mitternacht!” Also stand ich wieder auf und steckte Wunderkerzen in Glacékübeli… Sogar das Millenium habe ich verpennt, oder vielleicht war ich auch krank. Vielleicht behautpete ich, krank zu sein, um eine gute Ausrede zu haben, zuhause zu bleiben. Ich weiss nicht, warum mir dieser Abend so zuwider ist. Vielleicht weil er mit so vielen Erwartungen belastet ist?

Einer der besten Sylvesterabende meines Lebens liegt 25 Jahre zurück. Ich war allein, ohne Job, dafür mit einem Baby. Ich wohnte wieder bei meiner Mutter. Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Am Sylvesterabend blieb ich zuhause, mein Sohn schlief damals zuverlässig früh ein, eine lange einsame Nacht lag vor mir. Dann kam ein alter Freund zu Besuch, dem es auch gerade nicht so gut ging. Er hatte eine Flasche Champagner mitgebracht und eine Schallplatte, so etwas gab es damals noch. Eine Single, genauer gesagt. Udo Jürgens, Immer wieder geht die Sonne auf. Jedes Mal, wenn das Lied zu Ende war, hob mein Freund das Glas und prostete mir zu: “Aber nicht für uns, Milena”, sagte er. “Nicht für uns.”

Rinse and repeat! So verbrachten wir die Nacht, wir assen Salzbrezeln, tranken Champagner und beteurten uns so lange gegenseitig dass es sehr wohl eine “Dunkelheit für immer” geben konnte. So lange, bis die Vorstellung ihren Schrecken verloren hatte, solange bis wir sie achselzuckend akzeptierten. Und natürlich behielt Udo Jürgens Recht, am nächsten Morgen ging die Sonne wieder auf, auch für uns.

Schon wieder ein Jahr, schon wieder ein Buch. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Erwarte nichts, umarme alles.esq-new-years-kiss-122910-lg

3 Gedanken zu “Gute Vorsätze, reloaded.

  1. Meine Schwiegertochter hat mich auf eine Idee gebracht. Sie hat mir von ihrer Wünsche-Collage erzählt.
    Eine Wünsche-Collage – das geht so:
    Man kauft sich im Schreibwarengeschäft einen grossen, weissen Halbkarton. Dann überlegt man sich ganz genau, was man sich wünscht, und dann stellt man aus allen diesen Wünschen schreibend, zeichnend, malend und klebend eine Collage her, die man sich in seinem Zimmer an die Wand hängt.
    Wünsche statt guter Vorsätze zum neuen Jahr – das hat mich überzeugt.
    Ich bin nämlich in meinem Leben an einem Punkt angelangt, von wo aus mir nur noch Wunder weiterhelfen können. Jedenfalls sehe ich keine andere Möglichkeit. So etwa, als hätte ich in meinem Balkonkistchen eine ganze Menge Tulpenzwiebeln eingepflanzt, und es ist erst Januar …
    Aber eine Collage? Ich bin das, was man im Allgemeinen eine „ältere Frau“ nennt. Noch nicht wirklich alt, aber auf dem besten Weg dazu. Was ich damit meine, ist: Ich kann mir doch nicht ein strahlendes junges Brautpaar aus einer Illustrierten schneiden und an die Wand meiner Einzimmerwohnung hängen!

    „Aber es muss eine Collage sein“, beharrte meine Schwiegertochter, „sonst nützt es nichts!“
    Ich weiss, was sie meint. Und ich weiss, dass sie Recht hat, im Prinzip, nur geht es nicht um die Collage selbst, sondern um das Herstellen derselben. Um das Schreiben, Zeichnen, Malen und Kleben. Vor Jahren bin ich auf ein Gedicht gestossen, von dem sich eine Zeile in meinem Gedächtnis festgesetzt hat: „Die Ängste in die Hände, in den Mund genommen …“, hiess es da. An mehr erinnere ich mich nicht, aber das genügt auch.
    „Die Wünsche in die Hände, in den Mund genommen …“
    Virtuell geht Vieles, aber nicht alles. Man muss etwas anfassen können, damit es wahr werden kann. Man muss etwas begreifen können, damit man es begreift. Ich bin ausgebildete Handarbeitslehrerin. Kopf, Herz und Hand ist der Leitspruch im Handarbeitsunterricht und der Grund dafür, dass es diesen Unterricht nach wie vor braucht – nötiger, denn je.

    Ich habe ein Lotterielos zu Weihnachten bekommen und acht Franken gewonnen damit. Dafür habe ich mir im Schreibwarengeschäft ein Heft und einen Goldstift gekauft.
    Gestern Nachmittag habe ich das Telefon ausgeschaltet, die Kerze in meinem Weihnachtsgesteck noch einmal angezündet und alle meine Wünsche mit dem Goldstift in dieses Heft geschrieben. Ich habe mich ein wenig gefürchtet davor, ich schreibe nicht mehr viel von Hand und bin von Natur aus ein „Chosli“, aber es ging gut.
    Danach kochte ich mir etwas Feines und legte mich gleich, nachdem ich gegessen hatte, ins Bett.

    Als ich heute Morgen erwachte, fühlte ich mich – ganz im Gegensatz zu den vorhergehenden Tagen – fit und voller Tatendrang. Wie ärgerlich! Ich hätte es mir ja denken können: Ich war einfach zu wenig anspruchsvoll! Hätte ich doch nur diese kleinmütigen Nebenwünsche nicht in die Liste aufgenommen!
    „Ich wünsche mir, dass mir genügend Energie zur Verfügung steht, um das, was notwendig ist, durchzuführen.“ Ha! So etwas wünscht man sich doch an einer Beerdigung! Lieber Gott, bitte gib mir Kraft, um diese schwere Zeit durchstehen zu können … Ich wollte keine schwere Zeit durchstehen, ich wollte ein Wunder. Einen Paukenschlag.
    Ich stand auf, duschte und zog mich an. Ich bin ein praktischer Mensch. Langes Hadern liegt mir nicht. Ausserdem hatte sich schliesslich ein Wunsch erfüllt. Und das nach gerademal einer einzigen Nacht. Auch wenn es nur ein Nebenwunsch war, blieb es doch ein Wunsch, von mir persönlich eingetragen in das Heft, das ich mir samt Goldstift gekauft hatte für die acht Franken Gewinn aus einem Lotterielos. Das war – genau betrachtet – mehr als viel versprechend.
    Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann mit einem Kommentar für Milenas Blog.
    „Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, meine Erkenntnisse auf eine verständliche, nachhaltig wirkungsvolle Art mitzuteilen.“
    Noch ein Nebenwunsch. Aus der Rubrik „Beruf“.
    Ob mein Kommentar nachhaltig wirkt, wird sich zeigen. Immerhin ist es möglich – ein dreifaches Hoch auf Milena und die virtuelle Welt :-)

    Und viele gute Wünsche und Nebenwünsche zum Neuen Jahr – World Wide.

    Liebe Grüsse
    Regula

  2. Liebe Milena
    Sylvester ist bei mir in jedem Jahr anders gewesen (wie auch, bis auf den Heiligabend, jeder Tag im Jahr anders ist als derselbe Tag im vorherigen Jahr…). Für mich hat der Jahreswechsel keine emotionelle Bedeutung, weder im Postiven noch im Negativen. Mich befällt weder Feierlichkeit, noch Sentimentalität. Einen Abend mit Freunden verbringen? Immer gerne. Auch ab und an ein Fest feiern – hat es auch schon gegeben. Im letzten Jahr waren wir zufällig in Österreich in einem Hotel (wie vorher noch nie…), weil wir uns spontan für meine ersten Schneeferien in der Schweiz entschieden hatten und wir aus unerfindlichen Gründen noch einen der sehr begehrten Plätze dort bekommen hatten. Das Essen war wunderbar, die meisten Gäste Stammgäste, die sich in jedem Jahr dort wieder treffen, alle schon etwas gelangweilt (schien mir). Mit einer Mini-mini-Taschenlampe haben wir danach einen ungeplant längeren Nachtspaziergang gemacht, weil ich glaubte, den Weg zu kennen, und wir statt dessen mitten im Wald auf ungebahnten Wegen gelandet sind. Die 12…11…10…- Geschichte haben wir dadurch erfolgreich verpasst und dafür den Sternen nachgeträumt, als wir dann endlich unsere Strasse wieder hatten. Diesen Abend werden wir mit einem befreundeten Ehepaar verbringen.

    Meine guten Wünsche für alle bin ich in diesem Jahr noch nicht los geworden, weil ich es, wie manchmal, verpasst habe, Karten zu und um Weihnachten herum zu schreiben – im nächsten Jahr vielleicht. Dafür habe ich einen extra Kalender gekauft, mit genügend Platz für jeden Tag, um wieder zu schreiben – das, was mir gerade in den Kopf kommt.

    Was mir heute Nacht um 12 Uhr in den Kopf kommt, werde ich also – vielleicht – morgen aufschreiben – es könnte aber sein, dass es nicht viel ist.

    Nun die guten Wünsche, das Wort zum Mittwoch – ich wünsche uns allen Abenteuergeist, nie versiegende Neugierde, ansteckendes Zusammen-schaffen wir’s-Gefühl und Kreativität in allen Lebenslagen!

    Liebe Grüsse
    Isabel

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