Ich, du, sie, wir.

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Zum Glück war ich gerade bei einer  Schriftstellerfreundin zu Besuch, die sich nicht wunderte, als ich morgens aufwachte und wusste: Es ist alles verkehrt.

*Es ist alles verkehrt”, sagte ich beim Frühstück. “Sofia ist nicht ich. Sofia ist sie!” Grammatikalisch fragwürdig, aber für eine Schriftstellerin vollkommen verständlich. Und interessant genug, um am Frühstückstisch sitzen zu bleiben. “Wo bist du?”, fragte sie. “Bist du die Fliege an der Wand, bist du Sofia, bist du Gott?”

Ach ja, ich weiss, wir wissen es alle: Die Erzählperspektive hat ihre Regeln und Theorien. Wir haben es in der Schule gelernt. Schon gut. Aber wir wissen auch, dass Schriftsteller nicht nach Regeln schreiben (sollten). Meine Freundin macht es so: “Ich bin immer Gott”, sagt sie bescheiden. “Gott kann alles machen.”

Das sage ich in meinen Kursen immer, als Antwort auf all die ängstlichen Varianten der  Frage: “Ja aber kann man das machen?”

“Du kannst alles machen”, sage ich dann. “Auf dem Papier bist du Gott!” Alles ist möglich. Alles, was deine Geschichte verlangt. Alles, was deine Figuren dir zumuten. Und ja, ich habe nach einem unverfänglicheren, politisch korrekteren Bild gesucht, aber es gibt keins. Also: Gott.

In der Schule nennt man das die auktoriale Perspektive. Auch sie gehorcht Regeln, die meine Freundin nicht befolgt. Denn sie ist schliesslich Gott. Sie macht ihre eigenen Regeln.

Und ich? Ich sehe ja “meine Kinder”, Luigi, Giò und Sofia, drei Generationen, dreimal unterwegs nach New Mexico. Ich sehe sie, ich höre sie, ich lese ihre Gedanken. Ich reise in ihren Zugabteilen und im Heck eines vergammelten Hippie-Busses mit. Ich fühle, was sie fühlen. Und ich schreibe alles auf. Ich bin ganz nah bei ihnen dran, aber ich sehe manchmal mehr als sie. Aus den Augenwinkeln sozusagen. Ich nehme eine Bewegung wahr. Ich sehe, dass der Junge, der im Bett neben Luigis schläft, verweinte Augen hat. Luigi sieht das nicht. Aber ich. Und ich will wissen, warum. Also bleibe ich eine Weile neben dem Jungen stehen und warte, ob er mir etwas erzählen will. Erst im Frühstücksaal hole ich Luigi wieder ein.

Also: Er. Dritte Person.

Sofia war von Anfang an anders. Sie wusste, dass ich da war. Sie schaute, sie sprach mich direkt an. Führte mich durch ihr Zugabteil wie eine kleine Reiseleiterin, wies mich auf die Dimensionen der Duschkabine hin, auf den dicken Bauch des Zugbegleiters, auf die schlechte Laune ihres Vaters. Sie liefert die Erklärungen gleich mit und besteht darauf, dass ich alles genau so aufschreibe, wie sie es mir diktiert.

Also: Ich. Erste Person. Dreissig Seiten lang. Dann wache ich morgens auf und weiss: Es stimmt nicht mehr. Sofia hat sich von mir abgewandt. Sie läuft voraus zum Speisewagen, lässt mich im Abteil zurück. Ich bleibe einen Moment bei ihrem Vater, der umständlich seine Sachen zusammenpackt, bevor er ihr folgt. Ich schaue ich aus dem Fenster. Die Perspektive hat sich verschoben. Schreibe ich nun alles um? Vermutlich. Wenn ich ans überarbeiten gehe. Aber nicht jetzt. Jetzt trinke ich meinen Kaffee aus und schreibe weiter. Mitten in der Szene wechsle ich von der ersten in die dritte Person. Weil Sofia es so verlangt hat.

Schreiben ist Hingabe. Und Vertrauen. Ganz einfach.

Ein Gedanke zu “Ich, du, sie, wir.

  1. Faszinierend !!! Wahrscheinlich ist das ja “pures, hart erarbeitetes Handwerk” und man merkt solche Feinheiten als Leser nur, wenn der Autor sie NICHT beherrscht, man kommt nicht richtig in die Geschichte “rein”, bleibt auf Distanz zu den Figuren. Nur mit eben diesem Gespür für die Perspektive aber kann ich richtig eintauchen und mitfühlen, kann es nicht erwarten wie es weiter geht, vergesse Raum und Zeit… und das liebe ich an Ihren Büchern. Ich stelle es mir geradezu körperlich anstrengend vor, diese Impulse zu erspüren und auf´s Papier zu bringen; toll wenn man diese Gabe hat ! Und danke für´s Teilen … :)

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