Das Wetter von morgen.

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Seit Tagen beschäftige ich mich – nein, nicht mit dem Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten, dessen Namen ich immer noch nicht über die Lippen bringe. Bis heute verlasse ich das Zimmer, wenn ich seine Stimme höre, sein Gesicht sehe. Bilde ich mir ein, seine Macht – seine Realität – verschwinde, wenn ich ihr keine Aufmerksamkeit schenke? Auch nicht mit dem Erscheinen meines neuen Buches, mit den Presseterminen und der bevorstehenden Lesereise, nein – ich beobachte obsessiv das Wetter in der Schweiz. Was brauche ich? Pullover und Jacken, Kappen und Stulpen? Ich packe ein, ich packe aus. Und um. Tage vergehen so. Das nennt man wohl eine Ersatzhandlung.

Wo ist Zuhause, Mama?

Danke, Johnny Cash für das Motto meines Buches. Oder soll ich sagen, meines Lebens? Wo ist Zuhause? Was ist Zuhause? Ist es ein Ort, ist es ein Land? Ist es ein Zustand, ein innerer Raum? Eine Idee vielleicht nur? Zuhause bin ich dort, wo ich mich selber sein, wo ich mein Leben leben kann. Zuhause bin ich dort, wo ich mich nicht beobachte und hinterfrage. Zuhause bin ich dort, wo ich akzeptiert bin. Zuhause ist, wo das Herz ist. Also hier. Nein, dort!

Die letzten Wahlen haben mir unmissverständlich klar gemacht, dass dies nicht mein Land ist. Ich habe keine Rechte, keinen Einfluss. Ich bin eine Beobachterin. Eine privilegierte allerdings: Als Schweizerin kann mir hier nichts passieren. Selbst wenn man mich ausschaffen würde, dann würde ich in der Schweiz sanft landen. Dieses Privileg erlaubt mir, genau hinzuschauen. Zu beobachten, zu berichten. Ich will verstehen, was passiert. Jetzt. Hier. Denn trotz allem ist Amerika immer noch das Land, das mir erlaubt, diese enormen Widersprüche wahrzunehmen, mich gegen sie aufzulehnen, sie auszuhalten. Denn diese Widersprüche sind es, die die Spannweite meiner Flügel spreizen.

Still sitzen. Aufstehen. Zuhören. Meine Meinung sagen. Akzeptieren. Kämpfen.

Und doch gehe ich gerade dann, wenn es wirklich spannend wird. Statt am Women’s Marsh to Washington teilzunehmen, sitze ich im Flugzeug. Schon den Wahltag habe ich in der Luft verbracht. “You’re taking the high road”, scherzt Magdalena.

Die Schweiz wird mich daran erinnern, was ich aufgegeben habe. Freiwillig. Unüberlegt vielleicht. Die Schweiz wird mich in Frage stellen. Wird mir Fragen stellen. Aber ob ich Antworten habe? Ich schiebe diese unbequemen Gedanken erst einmal zur Seite.

Brauche ich zwei Winterjacken? Reicht es, eine Lammfellsohle in meine Lieblingsstiefel zu stopfen oder brauche ich Winterschuhe?

 

20 Gedanken zu “Das Wetter von morgen.

  1. Wo ist Zuhause? Etwas, das ich mich schon lange frage. Ich wuchs 22 Jahre an ein und demselben Ort auf, zog dann in die nächst grössere Stadt: Zürich. Innerhalb Zürichs zog ich mehrfach um, danach pendelte ich kreuz und quer durch die Schweiz. Mit Kind. Ab und an beneidete ich die, welche ihr Leben lang in einem Kaff lebten und da integriert waren. Dann wieder zog es mich.

    ich lebe nun seit 5 Jahren am aktuellen Ort (ein Umzug innerhalb des Ortes). Länger als je zuvor irgendwo seit meiner Kindheit. Ist es Heimat? Ich träume, seit ich denken kann, vom Wegzug. Nach München. Nach deinem Buch schnell Santa Fe, aber ich bin wieder bei München. Zwischenudurch kamen auch andere Orte, immer wieder München. Ich bin nie gegangen, obwohl ich mehrfach die Möglichkeit gehabt hätte. Und ja, München ist nicht am Ende der Welt.

    Irgendwo bin ich wol Schweizer. Obwohl ich so viel nicht mag. Das Enge. Das “Ich kenne dich nicht seit dem Kindergarten, wir werden nie beste Freunde und ich habe schon einen Freundeskreis”. Das so Rationale. “Was machst du und was verdient man dabei?” Und doch.

    Wo ist Zuhause? Plakativ heisst es: “Da, wo dein Herz ist.” – Nur: Das zieht ja auch ab und an um.

    Bei den mittlerweile über 20 Umzügen in meinem Leben kam ich zu dem Ergebnis: Das Zuhause ist meine Alltagsroutine. Ich habe jede Wohnung mit MEINEN Büchern, MEINEN Möbeln eingerichtet und habe dann sofort MEINE Wege gesucht. Wann geh ich wo einkaufen? Wann mach ich wie was? Und schon war ich “zu Hause”. Es ist wohl was in einem. Irgendwie. Und doch hätte man es gerne irgendwo im Aussen. So ganz. So für immer. Wobei immer doch verdammt lang ist.

  2. Liebe Milena,
    Ich bin ursprügluch aus Russland und wohne jetzt im Brig mit meinem Schweizerische-Italienuschen Ehemann und unserer kleiner Tochter.
    Vorgestern habe ich dein Artikel wegen die alte Katze Lulu aus Eltern magazin in meinem Schweizerischem Reisebuch von 2009 gefunden und zum ersten Mal gelesen…und nachstens Tag habe deine neue Buch in unserem Buchladen hier in Brig geseh. Zufall!

    Jetz will ich gerne dein früheres Buch von Yoga lesen weil ich Yogafun bin und habe dein Humor sehr gern.

    Alles gute!
    Mit liebe,
    Lana Maniglio

  3. Liebe Milena, zu Hause ist für mich kein Ort, sondern definitiv ein Gefühl. Es zeigt sich bei mir, wenn ich deine Bücher lese! … aber auch am Baikalsee beim Rauchfischessen oder beim Metrofahren in irgendeiner Grosstadt. Es lässt mich mit mir und der Welt versöhnen und alle Trumps dieser Welt vergessen. Ich wünsche dir, dass dir dieses Gefühl auch während deiner Tour durch die Schweiz begegnet, kalte Füsse oder zu heisse Jacke hin oder her! Und verfluche gleichzeitig mein Pech, dass ich deine Lesung an meinem Wohnort verpasst habe! Herzlich, E.M.

  4. Liebe Frau Moser

    Zu Ihrem Interview in der Schweizer Familie

    Das mit dem Parkplatz ist meiner Mutter auch mal passiert in einem Parkhaus eines Einkaufszentrum mit dem orangen M. Ebenso kassierte sie einen herablassenden Kommentar. Rache ist süss, meine Mutter ging darauf in den Laden schaute ob Ketchup oder Senf billiger ist und verpasste dem Auto des PP wegschnaper eine schöne Senf Autofrontscheibe. Es war Winter und in den 2h die dieser in der Clup -Schule wahrscheindlich seine Englischwörter büffelte,da musste er nämlich so wahnsinns dringend hin, ist die ganze Sauce sicherlich auch noch festgefrohren.
    Nur so als Tipp :-)……Heute sollte man einfach sich in Acht nehmen vor Überwachungkameras.

    Liebe Grüsse

  5. Liebe Milena,
    ich würde es in der Tat darauf reduzieren: Zuhause ist da, wo mein Herz ist.
    Und dieses Zuhause darf man sich nicht kaputt machen lassen. Von niemandem. Auch nicht von einem, dessen Namen man nicht nennen will. Was mich in all dem Entsetzen ein wenig hoffen lässt: Die anderen rücken dichter zusammen. Wir gehen nicht wie die Lämmer zur Schlachtbank. Wir sagen, schreiben, malen, singen, was wir denken. Das ist unsere Aufgabe. Egal, ob hier oder dort.
    Ich war vor einer Woche mit unserem Schulchor in New York, durfte in der Carnegie Hall singen, habe eine wunderbare Zeit in einer wunderbaren Stadt mit wunderbaren Menschen verbracht. Ich haben den ….-Tower gesehen. Kopfschüttelnd. Und einen Polizisten (!), dessen Job es war, vor dem Tower dessen, dessen Namen wir nicht nennen wollen, Wache schieben musste. Der Polizist äußerte sich entsetzt über den Ausgang der Wahl. Er sagte mir, einer deutschen Touristin, wie traurig und enttäuscht er sei und dass er sich schon nach einem anderen Job umsehe. Und er sagte etwas, das zu deinem Post passt: Mein Herz gehört dieser Stadt. Mein Herz gehört nicht dem Land, dass der neue Präsident daraus machen will.

    By the way: Wie lange bist du in der Schweiz und wirst du auch in Zürich sein? Ich bin ab dem 29.1. für eine Woche in Zürich und fände es wunderbar, dich endlich auch einmal persönlich zu treffen.

    Alles Liebe
    Jutta

  6. Liebe Milena,
    ich hoffe, du hast 2 Jacken und Winterschuhe eingepackt und bist gut in der Schweiz gelandet!

    Dein neues Buch wird das erste sein, das ich mir in meiner neuen Wohnung kaufe, wenn ich heute in einer Woche umgezogen sein werde! Passend zum Thema – auch wenn ich nicht den Kontinent gewechselt habe, sondern nur das eine mit dem anderen Ende des Sees. Ich freue mich darauf!

      • Danke!
        Und danke für das wunderbare Buch! :) Ich habe es gefressen/inhaliert/war fertig und habe gleich das eine und andere Kapitel ein zweites Mal gelesen.
        Und daher wollte ich auch noch einen Kommentar zu dem Kapitel: “Ein bißchen inkognito gibt es nicht” schreiben, wo du von der Art Bücher schreibst, wie du sie gerne geschrieben hättest. Genau das tust du ja aber doch! Gerade dieses war wieder ein Exemplar, das ich einfach nicht aus der Hand gelegt habe (nicht das erste!). Da überhöre ich Türglocken und vergesse den Topf am Herd, da lese ich weiter, obwohl mir die Augen schon zufallen und schiele in der Früh auf den Wecker, ob sich nicht wenigstens noch ein klitzekleines Kapitel vor dem Aufstehen ausgeht! 😀
        Lieben Gruß aus der neuen Wohnung (die mich übrigens mit einem Wasserschaden begrüßt hat… woher kenne ich das???), Doris

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