In die Ecke geschrieben

Vor ein paar Jahren hat meine Mutter in ihrem Keller mein allererstes Romanmanuskript gefunden. Es heisst: “Das Leben ist kein….” Darunter steht: Roman von Milena Moser. Ich hielt mich wohl für ausserordentlich geistreich. Ich war 20 Jahre alt.

Nach meiner Buchhändlerlehre war ich nach Paris gezogen, offiziell, um einen Sprachkurs zu besuchen. Ich hatte Anschluss an eine Gruppe angehender Filmemacher gefunden, die sich einmal in der Woche trafen, um ihre Lebensträume und Pläne zu diskutieren und dazu sehr viele Zigaretten zu rauchen. In diesem Rahmen gelang mir zum ersten Mal, es auszusprechen. Auf die Frage, was ich so mache, antwortete ich kühn: “Ich bin Schriftstellerin.”

Vielleicht, weil mich niemand kannte.

Vielleicht, weil ich es in einer fremden Sprache sagte.

Jedenfalls brach niemand in wieherndes Gelächter aus. Niemand rief: “Was, du? Du machst wohl Witze!” Nein, die nächste Frage lautete meist: “Und, hast du schon  etwas veröffentlicht?”

“Nein”, sagte ich wahrheitsgemäss. “Non!” Doch das war nicht weiter schlimm, das ging den Filmemachern nicht anders. Wir waren jung, wir sassen sozusagen in den Startlöchern. Wir diskutierten unsere Projekte, und ich weiss nicht, ob die anderen genauso schamlos hoch stapelten wie ich, die ich von Kurzgeschichten und einem angefangenen Roman erzählte, während ich in Wirklichkeit “nur” autobiografische Notizen in das chinesische Notizbuch kritzelte, schwarz mit roten Ecken, das ich immer mit mir herumtrug. Vielleicht waren die Filmprojekte meiner neuen Freunde ebensolche Luftschlösser wie mein fiktiver Roman. Fast gewöhnte ich mich an meine selbstgeschaffene Identität als Schriftstellerin, zu der mir nur das Schreiben an und für sich fehlte. Da wollte es der Zufall oder das Schicksal, dass ein junger Deutscher zu unserer Gruppe stiess. Und der wollte natürlich etwas von mir lesen. Ich hatte mich in eine Ecke geredet. Hochgestapelt. Aus der mich nun herausschreiben musste.

Ich verzog mich aufs Klo, öffnete mein Buch. An der Wand hing ein Plakat einer Band: Tard dans la nuit. Spät in der Nacht, schrieb ich in mein Buch. Roman.

So hat es angefangen. Ich schwöre es. So habe ich angefangen, zu erfinden. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Realitäten zu verwischen. Der erste Schritt ins Leere war der leichteste.

Als dieser Roman fast fertig war, musste ich nach München fahren, wo mein Vater im Sterben lag. Im Zug schrieb ich einen Brief an den Verleger Klaus G. Renner: Die Lektüre des bei ihm erschienenen “Handbreviers für Hochstapler” von Walter Serner habe mich inspiriert, als Hochstaplerin zu leben. Ich behaupte überall, ich sei Schriftstellerin, sei kurz davor, aufzufliegen und er sei es mir sozusagen schuldig, meinen Roman zu veröffentlichen!

Zwischen zwei Krankenhausbesuchen klingelte ich dann bei diesem Herrn Renner an der Tür, mein Manuskript unter dem Arm, voller Tippfehler, das Original, die letzten Seiten hatte ich von Hand geschrieben. Der arme Mann! Ihn hat fast der Schlag getroffen. Man muss dazu vielleicht noch wissen, dass ich meine modische Inspiration damals aus den Kriminalromanen von Raymond Chandler bezog, wo die Heldinnen Bleistiftrock, Stöckelschuhe und literweise billige Sandelholzesenz trugen.

Er hat mir dann ein paar höfliche Tipps gegeben, das Manuskript erst mal fertig zu abzutippen, es dann zu kopieren und so weiter. Das reichte für mich, um ihn die nächsten zwei Jahre als meinen Verleger zu bezeichnen. Allerdings ist nichts daraus geworden. Irgendwann kamen meine Briefe und Manuskriptsendungen mit dem Stempel “Adressat verzogen” zurück. Und mein Vater ist auch gestorben.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ich habe mich in eine Ecke geschrieben. Mit diesem Blog. Wie damals mit der kühnen Behauptung, ich arbeite an einem Roman. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Behauptung nun wahr zu machen.

Was braucht man, um ein Buch zu schreiben –  Talent? Durchhaltevermögen? Oder einfach ein bisschen Hochstapelei?

Zur Inspiration:

http://www.books.ch/detail/ISBN-9783717521488/Serner-Walter/Letzte-Lockerung

 

13 Gedanken zu “In die Ecke geschrieben

  1. Sehr geehrte milena Moser, erst heute 17.1.2013 lese ich ihren Blog mit der Münchner Geschichte mit mir. Das klingt ja einigermassen verwegen. Ich wohne übrigens (neben ottiglio im Piemont) auch inzwischen in Zürich (am weinplatz). Beste Grüsse von ihrem beinahe-Verleger klaus g. Renner

  2. Liebe Milena,

    danke für die Hochstapler-Schreibecke. Ich habe schon immer von mir behauptet, eine Hochstaplerin zu sein, nur ohne mir das Vergnügen zu gönnen, meine Kunst beim Namen zu nenen. Nun, es ist vollbracht, ich bezeichne mich neuerdings als Schreiberin und schreibe auch tatsächlich. Aus der Ecker heraus. Mit den besten Wünschen zum neuen Jahr der Veränderungen,
    Karin

  3. @ Angelika: Du bist, wir sind in bester Gesellschaft: Ich habe gelesen, dass MERYL STREEP bei jedem neuen Projekt denkt: diesmal werden sie es merken! Morgen werden sie mich feuern! Sie nennt das das zwei-Tage-Syndrom, weil sie am dritten Tag zu glauben beginnt, dass sie wieder damit durchgekommen ist…

  4. Ich schwör’s, mein Energiepegel ist im Moment so tief, mir kocht nicht mal die Milch über!
    Mich wundert, dass ich so fröhlich bin…
    = )

  5. Da werden Erinnerungen wach:
    Wie ich als kleines Mädchen gefragt wurde, ob ich schwimme könne, keck mit “natürlich” geantwortet habe und prompt ins Wasser geschmissen wurde.
    So habe ich schwimmen gelernt.

  6. Liebe Milena,

    als Leserin Deines Blogs bin ich froh, dass Du Dich in eine Ecke geschrieben hast, denn Deine “Posts” sind inspirierend und humorvoll.
    Ich glaube, man braucht Talent, Durchhaltevermögen und sogar ein wenig Hochstapelei, nur das Mischverhältnis ist bei jedem anders.

    Herzliche Grüsse,
    Sascha

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