Liebe deinen Nächsten wie…. wen schon wieder?

imagesSo ein blöder Traum: Ich war in einem Hotelzimmer mit meinem jüngeren Sohn, der noch ein Kind war und folglich in einem Kinderbett schlief. Ich selber hatte mich mehr schlecht als recht in einem Sessel vor dem Fernseher zusammengerollt. Mitten in der Nacht kam eine Frau herein, eine Art Gouvernante. Mit strenger Miene kontrollierte sie das Zimmer, betätigte die Lichtschalter und stellte den Fernseher aus, auf dem der Ameisenkanal lief. Dann fragte sie mich, warum ich in dem unbequemen Sessel schlafe. Ich drehte mich um und sah, dass neben dem Kinderbett ein halb aufgeklapptes Bettsofa stand.                  “Da fehlt ja die Matratze”, sagte die Frau. Ich schaute genauer hin. Aus dem halb offenen Sofa schaute ein Lattenrost, aber keine Matratze. “Warum haben Sie denn nichts gesagt?” Ich war immer noch verwirrt. Ich hätte also etwas sagen können? Wie lange schlief ich denn schon in diesem unbequemen Sessel?
“Seit einer Woche sind Sie hier und haben nichts gesagt!” Die Frau schüttelte verwundert den Kopf und machte sich eine Notiz. Eine Woche!, dachte ich. Eine Woche schlief ich schon so! Wie dumm von mir. Ich schämte mich und behauptete deshalb trotzig, der Fernsehsessel sei mir lieber. Dann wachte ich auf, zum Glück. Immerhin konnte ich diesen Traum einordnen. Meine Träume sind ja meist so plakativ und simpel, dass sie mir niemand glaubt (wie zum Beispiel, die die ich in “Das Glück sieht immer anders aus” zitiere.)

Dieser ging auf ein Gespräch mit meiner wunderbaren Zenlehrerin Sara Kokyo Wildi zurück. In den letzten Monaten hatte ich intensiv geschrieben, stundenlang, ohne aufzuschauen. Und zwar nicht auf meinem High-Tech-super-ergonomischen-rückenschonenden Schreibtischstuhl, nein, wie ein Teenager auf der Couch. Und wie ich es genossen habe, dieses komplette Eintauchen in diese alternative Realität meiner Figuren. Es ist der grösste Luxus, den mir mein Wegzug aus der Schweiz und mein radikal reduziertes Leben hier ermöglichen. Schreiben ohne Aufzuschauen. Allerdings bin ich ja nun mal kein Teenager mehr. Mein Rücken war weniger glücklich. Meine Schultern hatten sich komplett ineinander verknotet. Ich war so verkrampft, dass ich während der Sitzmeditation kaum atmen konnte. Mein linker Arm schlief ein. Hatte ich einen Herzinfarkt? Nicht wirklich… natürlich nicht!                                                                   “Das macht keinen Sinn”, sagte Sara. “Das Schreiben sollte nicht verhindern, dass du dir auch Sorge trägst!” Theoretisch wäre es natürlich möglich gewesen, das Schreiben zu unterbrechen. Für eine Yogastunde, einen Spaziergang. Aber in dieser letzten, intensiven Phase wollte ich das gar nicht mehr. Victor gab mir Recht: “Wenn du erst mal drei Nächte hintereinander durchgearbeitet hast, fang ich an, mir Sorgen zu machen”, sagte der Künstler. Takes one to know one…

Aber jetzt ist das Manuskript fertig und ich habe Zeit, mich meinem verkrümmten Rücken anzunehmen. Als erstes melde ich mich zu einer Thaimassage an. Eine unscheinbare ältere Fau malträtiert mich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und während der ersten Yogastunde nach diesen intensiven Schreibmonaten tritt mir die Lehrerin so grob auf die Finger, dass ich aufjaule. Irgendwie gelingt mir das nicht ganz, dieses Sorge tragen. Muss man sich denn überhaupt Sorge tragen?

Scheint so.

Jede spirituelle Praxis besteht darauf. Selbsterkenntnis und ein minimales Mass an Selbstsorge sind die Grundlage für den Dienst an der Gemeinschaft – das eigentliche Ziel jeder Religion. Komm schon, rede ich mir zu. Das schaffst du! Als hätte ich eine Bergbesteigung vor mir. Ich wende den alten Trick an, mir vorzustellen, ich sei eine Freundin. Was würde ich ihr jetzt raten? Sicher nicht, sich zusätzlich quälen zu lassen! Also, was? Und warum fällt mir das immer noch so schwer? Nach allem, was ich in den letzten Jahren verändert, erreicht, gelernt habe? Das werde es wohl herausfinden müssen. Ich nehme die Herausforderung an.