Ein ziemlich guter Tag.

127Letzte Woche traf sich endlich wieder meine Schreibgruppe in Santa Fe. Ich weiss nicht, wie lange wir uns nicht gesehen haben. Das liegt nicht nur an meinem Zigeunerleben. “Ich bin ein Opfer meines Erfolgs!”, rufe ich theatralisch, Handrücken an der Stirn. Wir lachen. Wir alle haben ausgefüllte Leben, wir alle zigeunern herum. Und so haben wir alle nicht geschrieben.

Nach der Lesereise in der Schweiz und Victors Spitalaufenthalt in San Francisco hätte ich nun ja endlich Zeit. Zeit, mich Luigi zuzuwenden, der sich bereits Big Lou nennt. Und doch tue ich es erst einmal nicht. Warum? Ein neuer Teufel reitet mich: “Oh, der Tag ist so lang”, ruft er, “kein einziger Termin im Kalender! Kein Grund, nicht erst einmal in die Yogastunde zu gehen, eine Freundin zu treffen, die neue Ausstellung im Mocna oder gleich noch eine Folge “Big Little Lies” zu sehen! Selbst wenn du erst nach dem Abendessen anfängst zu schreiben, hast du immer noch mehr Zeit dafür als du je in deinem Leben gehabt hast!”

Ha! Ich habe das “Zweite-Buch-Syndrom”! Normalerweise legt es Autoren lahm, die mit ihrem ersten, oft unter erschwerten Bedingungen, neben Brotjob und Familie geschriebenen Buch erfolgreich genug waren, um für ihr zweites Buch einen Werkbeitrag oder -Aufenthalt zu bekommen. Und da sitzen sie dann, ohne eine einen einzigen Grund, nicht zu schreiben zu können – und können genau deshalb nicht mehr. Ein bekanntes Phänomen. Das einen offenbar auch beim zwanzigsten Buch überfallen kann. Nennen wir es “den Fluch der perfekten Bedingungen”!

Die anderen werden von ihren eigenen Teufeln geplagt, aber was immer unsere Gründe waren, nicht zu schreiben, es braucht nicht mehr als einen Nachmittag, einen Krug Tee und ein Handy mit einer Gong-App, um wieder damit anzufangen.

Das war ein ziemlich guter Tag.

Am nächsten Abend ruft mich überraschend eine Bekannte aus San Francisco an, die gerade von einem Chi-Gong-Workshop in der Gegend kommt. Ich habe sie lange nicht gesehen. “Gut schaust du aus”, rufe ich und umarme sie. Stellt sich heraus, sie hat seit zwei Jahren Krebs. Und gerade eine neue Form von Chemotherapie begonnen. Sie zeigt mir Selfies, die sie mit einer eng sitzenden, höchst unbequem aussehenden aufblasbaren Haube zeigen. Sie soll verhindern, dass sie ihre Haare verliert. Sie ist guter Dinge. Ich wage nicht, nach ihrer Krankenversicherung zu fragen. Sie kommt von selber darauf zu sprechen. “Ich kann nur hoffen, dass die Behandlung im November abgeschlossen ist”, sagt sie. Solange Obamacare noch gilt. Aber… was… wenn? Sie zuckt mit den Schultern, lacht. “Dann reicht es halt nur noch für Chi Gong!” Galgenhumor, denke ich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Unter Trumps “repeal and replace” würde ihr Krebs als “pre-existing condition” gelten und sie von einer Krankenversicherung ausschliessen. De facto zum Tode verurteilen. Dieser Vorstoss wird dann zwei Tage später in hohem Bogen verworfen. Immerhin.

Auch das war ein ziemlich guter Tag.

 

Vorher/Nachher

Screen shot 2016-01-01 at 11.13.46 AM_zpsbdyey6fj“Das ist das Ende eines grossen Landes”, sagte Victor nach den Wahlen. Ich wollte ihm nicht glauben. Nachdem aber Erziehung, Gesundheitswesen und Kultur gestrichen wurden, muss ich ihm wohl recht geben. Trotzdem bin ich noch hier.

Was ist jetzt anders? Zum ersten Mal empfinde ich nicht dieses überwältigende Gefühl der Erleichterung, als ich aus dem Flugzeug steige, dieses “Yeah! Ich bin hier!”. Statt dessen stehe ich fast zwei Stunden lang mit gerunzelter Stirn in der Schlange – seit Trump die Willkür sanktioniert hat, dauert es noch länger als früher, in die USA einzureisen. Man müsse sich auf gründliche Fragen gefasst machten, bereitet einen die Schweizer Botschaft vor. Fragen, die man offen beantworten solle, und besser ohne Humor, denn “der könnte missverstanden werden.” Als ich das letzte Mal, Ende Juni, vor Trump, aus der Schweiz zurückkam, hatte ich genau diesen Fehler gemacht. Ich hatte aus Versehen ein Kreuz an der falschen Stelle gemacht und den Grund meiner Reise als privat angegeben. Der Einreisebeamte machte mich darauf aufmerksam: “Ihr Visa berechtigt sie nicht zu privaten Reisen!” Er blätterte in meinem Pass. “Wie lange bleiben Sie? Warum so lange?” “Oh, ich liebe dieses Land”, sagte ich mit meinem breitesten Lächeln. “Wer wäre nicht gerne hier?” Das war ein Fehler. Der Beamte, übrigens, war ein junger Muslim mit Bart und Stern-und-Halbmond-Anhänger, runzelte die Stirn. “Gehen Sie nach rechts”, sagte er. Ich dache mir nichts Böses. Doch die Türe rechts war mit “Detention and Investigation” angeschrieben war. Da wurde mir doch ein wenig mulmig. Als ich hereinkam, war die Hölle los. Eine Asiatin wälzte sich am Boden, die Hände um ihren Hals gekrampft. Eine Beamtin rief nach einer Ambulanz. Die Frau hatte, um ihre Rückschaffung zu verhindern, eine Handvoll Büroklammern verschluckt. Oder zu verschlucken versucht. Eine vielköpfige Familie wartete still und resigniert, sieben dunkelhaarige Köpfe gesenkt. Was tue ich hier, dachte ich damals. Ich, die verwöhnte Schweizerin, der nichts passieren kann. Die nicht einmal Angst hat, wenn sie “nach rechts” geschickt wird. Privilegiert sein heisst vor allem, ohne Angst zu leben.

Am Ende passierte gar nichts. Damals nicht, und auch diesmal nicht. Als ich endlich vor dem Schalter stand, fragte mich die nette junge Beamtin mit beinahe weiss gefärbtem Haar, ob wir den Job tauschen könnten, meine Arbeit klinge so viel spannender als ihre.

Eine Woche später, im Spital, liest Victor aus der Zeitung vor, dass die neuseeländische Botschaft von amerikanischen Auswanderern überrannt wird. “Das wundert mich nicht”, sage ich. “Come on!” Bob, ein Schwarzer mittleren Alters, der gerade das Zimmer putzt, mischt sich ein: “Das ist immer noch ein tolles Land! Das kann der orangefarbene Affe nicht zerstören!” Und schon sind wir in eine Diskussion über unser Herkunftsländer verwickelt, über Mexico und die Schweiz, über unsere Gründe, auszuwandern. Das liebe ich hier: Jeder redet mit jedem. Diese unsichtbare Grenze, die anderswo zwischen dem Putzmann und dem Patienten verläuft, existiert hier nicht.

Die Amerikaner sind immer noch die Amerikaner.

Aber mindestens die Hälfte von ihnen hat jetzt auch Angst.