Die Wahrheit oder ihre Folgen.

TRUTH OR CONSEQUENCES -- Pictured: Host Bob Barker with contestants in 1963 -- (Photo by: Herb Ball/NBC/NBCU Photo Bank)

TRUTH OR CONSEQUENCES — Pictured: Host Bob Barker with contestants in 1963 — (Photo by: Herb Ball/NBC/NBCU Photo Bank)

Nein, ich war NICHT in dem berühmten Badeort in New Mexico, der seinen grossartigen Namen “Truth or Consequences” einer Quiz-Show verdankt. Steht immer noch auf meiner Liste. Seit bald drei Jahren. Statt dessen habe ich den Dokumentarfilm “Author” gesehen, der die JT Leroy Geschichte aufzurollen versucht. Dieser literarische Skandal hat mich damals sehr beschäftigt, als ich selber in San Francisco lebte. Eine befreundete Journalistin flog extra aus Hollywood an, um den scheuen, aber partylustigen Autor zu interviewen. Erschüttert kam die nur schwer zu beeindruckende Berufsskeptikerin von der Begegnung zurück. Er habe nur geflüstert. Sei im Taxi von ihr zurückgewichen. Als fürchte er jede Form von körperlichem Kontakt. “Man spürt seine Verletztheit, den Missbrauch….” Wenig später stellte sich heraus, dass sie neben einer jungen Frau im Taxi gesessen hatte, deren (mittelalte, übergewichtige) Tante Laura Albert die knallharten, verstörenden Bücher geschrieben hatte, in denen ein Junge von seiner Mutter, einer drogensüchtigen Prostituierten, an Lastwagenfahrer verkauft wird, oft als Mädchen verkleidet. Bücher, die Promis von Madonna bis Courtney Love und Gus van Sant so berührten, dass sie die Freundschaft des mysteriösen Autors suchten. Irgendetwas an der atemlosen Beschreibung der Journalistin erinnerte mich an etwas, das ich gerade gelesen hatte. “The Night Listener”, nicht mein Lieblingsbuch von meinem lokalen Lieblingsautor Armistead Maupin, aber von einem Lieblingsautor liest man eben alles. Dieser war etwa zehn Jahre vorher von den autobiographischen Aufzeichnungen des 14jährigen Anthony Godby Johnson, einem verlassenen, obdachlosen, diversen grausamen Pflegeleltern ausgelieferten und unterdessen aidskranken Jungen, ähnlich aus der Fassung gebracht worden. In nächtelangen Telefongesprächen entwickelten sie eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden – bis sich herausstellte, dass die einsame (mittelalte, übergewichtige) Frau, die als Anthonys Pflegemutter auftrat, den Bericht geschrieben und die Telefonate geführt hatte. Die Parallelen waren zu offensichtlich. Als hätte jemand Maupins Buch als Vorlage für JT Leroy benutzt. Deshalb war ich wenig erstaunt, als der Betrug aufflog. Mehr noch, ich fühlte mit. Ich kenne das Buchbusiness (der Begriff sagt alles) gut genug, um zu wissen, dass eine Frau im mittleren Alter die Herzen der Marketingabteilung nicht unbedingt schneller schlagen lässt. Ein wunderschönes, androgynes Wesen, das unbestimmte sexuelle Projektionen zulässt, schon sehr viel eher. Die Suche nach einem Verleger kann einen schon mal zu verzweifelten Mitteln greifen lassen, das ist mir selber nicht ganz fern, siehe “Möchtegern”.

Doch der Film hat mich ernüchtert. “Es geht nur um die Texte”, behauptet die unterdessen zum Gesamtkunstwerk zurechtoperierte Laura Albert unverdrossen. “Die Texte sind echt!” Die Stimme, die sie erst Terminator, dann JT nannte, war echt. In ihrem Kopf. Die Geschichte schrieb sich wie von selber. Sie folgte nur den Bildern, den Szenen. In ihrem Kopf. Das nennt man Wahnsinn, das nennt man Kreativität. Warum nicht “Roman” unter den Titel schreiben und das Buch unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen versuchen? Wenn es wirklich nur um den Text geht? Weil Courtney Love dann wohl nicht angerufen hätte.

Schreiben ist nur das: Schreiben. Aufschreiben, was da ist. Was da ist, ist automatisch wahr. Erst recht, wenn es erfunden ist. Aber das andere, das Verkaufen, Behaupten, Auftreten und Vermarkten, das ist nur….. Konsequenzen.

Denn das entscheidende Wort im Titel der Quizsendung, im Namen der Kleinstadt ist ja das “oder”. Nicht “und”. Oder.