Der Schongang ist für Wäsche.

Summer-Bellessa-Laundromat-Vintage-Coca-Cola-Girls-With-Glasses-Thrill-Photo-Utah-10Die Tage zwischen den Tagen, die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachte ich in einem Zencenter in San Diego, wo ich mehrheitlich auf einem schwarzen Kissen sass. Das klingt erst mal wenig aufregend, ist es aber durchaus. Meine Lehrerin aus der Schweiz, die unersetzliche Kokyo Wildi war auch da und hielt einen sogenannten Dharma Talk. Sie erzählte die Geschichte von einem Zenlehrer aus Japan, der als junger Mann in ein Kloster eintrat, um der Familientradition zu folgen, nicht aus eigenem Impuls. Der Klosteralltag war dann auch sehr viel härter, als er sich das vorgestellt hatte. Doch auszutreten würde bedeuten, Schande über die Familie zu bringen. Also dachte er sich folgenden schlauen Plan aus: Er würde sich bis zum Zusammenbruch schinden, sogleich in ein Krankenhaus gebracht und hoffentlich definitiv für klosteruntauglich erklärt werden. Also stand er früher auf als alle anderen, arbeitete härter, meditierte länger, schlief weniger und so weiter. Doch nach ein paar Wochen oder Monaten stellte er fest, dass er von einem Zusammenbruch weit entfernt war. Im Gegenteil, er fühlte sich stark und klar und das Klosterleben fing an, ihm zu gefallen. Diese Geschichte traf mich – aber anders, als ich sie zum ersten Mal hörte. Damals löste sie in mir ein nagendes Schuldgefühl aus: Ja stimmt, dachte ich, Ich tue zu wenig, ich fordere mich zu wenig, ich muss mehr tun. Damals war ich gerade selber damit beschäftigt, mich bis zum Zusammenbruch zu schinden, und anders als dem Mönch gelang es mir auch. Aber diesmal hörte ich die Geschichte anders. Diesmal löste sie ein erwartungsvolles Kribbeln in mir aus: Ja, ich habe Lust, mich zu fordern, zu stellen, über mich hinaus zu wachsen. Nicht nur schreibend, aber da zuerst. Meine beiden Projekte, die friedlich nebeneinanderher laufen wie ausgeschlafene Pferde – holy guacamole was ist denn das für ein Bild?? – Egal. Beide Projekte fordern mich: Der Roman, der in Zeiten spielt, die ich nicht miterlebt habe. Der persönliche Bericht, der mich an Orte führt, die ich nicht unbedingt noch einmal besuchen möchte. Diese Herausforderungen sind so unterschiedlicher Natur, dass sie sich prima ergänzen. Wenn ich in einem Manuskript gegen eine Wand laufe, lege ich es weg und nehme das andere hervor.

Am letzten Tag des letzten Jahres verliess ich das Zencenter. Am Flughafen Albuquerque wartete ich auf Victor, der zwei Stunden nach mir ankommen sollte. Ich wanderte durch den kleinen Flughafen, der mir nach all der Stille und Reduziertheit überwältigend gross, laut, hell und verwirrend schien. Ich tat, was ich in solchen Situationen immer tue: Ich kaufte mir einen Stapel Hochglanzmagazine und las meine sämtlichen Jahreshoroskope, bis ich eines fand, das mir gefiel: Das Jahr 2016 sei mein Jahr des Lernens, stand da nämlich. Ich werde wieder zur Schülerin, in jedem Aspekt meines Lebens.

“Yesssss!”, zischte ich durch die Zähne, ich fühlte mich klar und stark wie ein Mönch, bereit mich allen Herausforderungen zu stellen – doch dann kam Victor durch die Glastür und wir machten erst mal Ferien…..