Radioaktives Schreiben.

fdf8392eb0ff7e38262666c48850c0e3Das Wesentliche zuerst: Nein, ich habe übers Wochenende keinen Bestseller geschrieben!

Aber ich habe ihn gesehen: In Los Alamos.

Los Alamos verfolgt mich seit etwas über einem Jahr. Seit ich im Flugzeug zwischen Oakland und Albuquerque neben einem Physiker sass, der seit dreissig oer vierzig Jahren in Los Alamos lebt. Und der zweieinhalb Stunden nicht aufhörte zu reden. Es machte mir nichts aus: Ich war fasziniert. Natürlich hatte ich gewusst, dass die Atombombe irgendwo in New Mexico entwickelt und auch getestet worden war. Das war aber auch schon alles. Jetzt erfuhr ich von dieser künstlichen Stadt in der Hochwüste, auf fingerförmigen Mesas. Der Mann schwärmte von den guten Schulen und der Luft, vor allem aber von der Verbundenheit, die unter den Nachbarn herrschte: “Es ist Nerd-Central”, sagte er. “Wir reden alle dieselbe Sprache. Jeder ist ein Wissenschaftler.”

Oder die Frau eines Wissenschaftlers, dachte ich. Oder der Gärtner eines Wissenschaftlers. Ich versuchte, mir eine für amerikanische Kleinstädte typische Grillparty vorzustellen. Worüber redete man bei Hamburgern und Bier? Über die nächste Atombombe oder über die Hortensien, die dieses Jahr nicht blühen? Wohnten die Biochemiker auf einer Mesa, die Astrophysiker auf der anderen? Waren die Wissenschaften durch tiefe Schluchten voneinander getrennt? Und gab man die ohnehin schon komplizierten morgendlichen Kaffeebestellungen mit einer chemischen Formel auf?

“Da will ich unbedingt mal hin”, sagte ich zu Doris, die mich am Flughafen  abholte.

“Nach Los Alamos?” Sie verzog das Gesicht. “Da gibt es nicht viel zu sehen…..” Ich vergass es wieder, ich schrieb ein anderes Buch. Los Alamos aber drängte sich immer wieder in mein Bewusstsein, wie ein junger Hund, wie eine unausgereifte Idee. Ich las den Roman “The Wives of Los Alamos”, ich schaute mir die Fernsehserie “Manhattan” an. Die Geschichte der Entwicklung der Atombombe war spannend, aber sie verhakte sich nicht in mir, in meinen eigenen Bildern. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass dort noch mehr war. Nur was? Dann besuchte mich eine Jugendfreundin und erzählte, dass ihr Vater, ein Physiker, sich einst für eine Stelle in Los Alamos beworben hatte. Es war sein Lebenstraum gewesen, dort zu arbeiten, er wurde aber nicht angenommen. “Zum Glück für mich”, sagte sie. Weil sie sonst dort aufgewachsen wäre. Ich versuchte, mir das vorzustellen. Als Kinder waren wir uns näher als Schwestern, es fühlte sich also fast an, als hätte auch ich dort aufwachsen können, wenn….

Was wäre, wenn…??

Die Frage, die jedem Buch zugrunde liegt. Was ist Schreiben anderes als das Ausfüllen dieser weissen Flecken, das Ausleben dieser ungelebten Geschichten. Das Beantworten dieser Frage: Was, wenn….?

Und so fuhr ich schliesslich nach Los Alamos. Doris hatte recht: So viel gibt es da nicht zu sehen. Das Wissenschaftsmuseum, die Fuller Hall, das Historische Museum. Alles schliesst um vier. “Starbucks ist bis acht Uhr offen”, scherzte die Verkäuferin im Art Center. “Das ist unser Nachtleben!” Ich schaffte es knapp ins Historische Museum, das zum Glück klein ist. Es befindet sich im ehemaligen Gästehaus der Los Alamos Ranch School. Los Alamos Ranch School? Da passierte es. Informationsfetzen klickten ineinander. Bei jedem Wetter draussen schlafen, auf gedeckten Balkonen….. Den amerikanischen Jungen von der Übermacht der Mutter befreien…. eine reine Männergesellschaft…. Da sah ich mein Buch. Undeutlich wie durch eine schlecht geputzte Brille und doch greifbar. Da ist ein Junge, da ist eine Mutter, da ist eine nächste Generation und vielleicht auch eine übernächste… Ich weiss nicht, was in dem Buch steht. Aber ich weiss, dass es da ist. Die ganze Geschichte ist da. Ich muss sie nur noch erzählen. Erschreiben.

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