Der Tag danach.

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Ich habe es geschafft, meine letzte grössere Auftragsarbeit ist abgegeben. Irgendwann nach meinem letzten Beitrag hier hatte ich plötzlich eine Daniel-Düsentrieb-mässige Einsicht, eine veritable Glühbirne entzündete sich über meinem armen, schmerzenden Kopf: “Ich habe die Grippe! Ich kann also gar nicht arbeiten!”

Also bat ich die Herausgeberin der “Gebrauchsanweisung für Zürich” um zehn Tage Verlängerung. Und das Steueramt gleich auch. Und siehe, jeder hatte Verständnis. Stellt sich heraus, ich bin nicht die Einzige, die mit Fieber nicht arbeiten kann! So absolvierte ich die letzten paar Lesungen und Auftritte vor meiner Abreise relativ gelassen, und nahm dann das angefangene Manuskript gleich mit. Nicht ganz ideal, da ich den Mann meiner Träume fast zwei Monate nicht gesehen hatte, aber machbar. Ich stand zehn Tage lang ein paar Stunden früher auf als er und arbeitete. Und am Tag vor Einsendeschluss dann quasi ununterbrochen, im Flugzeug zwischen Santa Fe und San Francisco, im Auto, zuhause, vor dem . Ich war in diesem seltsamen Land, in dem die Zeit stehenbleibt und die Aussenwelt sich auflöst. In dem sich die Erinnerung verflüssigt bis nur noch der Bildschirm existiert, die schwarzen Buchstaben, die sich wie Ameisen aneinander aufreihen, eine Armee auf einer Mission.  Ein Land, in dem es keine Fenster gibt und die Wände aus Watte sind. Oder aus Gummi? Meine ich die Gummizelle? Wie auch immer, dieses seltsame Land ist meine eigentliche Heimat. Das ist der Ort, an dem ich am liebsten bin.

Trotzdem träume ich seit Wochen, wenn nicht Monaten von dem Tag, an dem ich dieses Land wieder verlassen kann. Von dem Ende der Deadline. Der toten Linie. Von dem Leben hinter dieser Linie. Der Freiheit. Und dann war ich fertig. Ich schickte es ab. “Vielen Dank”, kam die Antwort postwendend, “ich freue mich drauf, es zu lesen – sobald ich von der Londoner Buchmesse zurück bin!”

Oh, dachte ich. So ist das also? Ich hätte also auch gut noch länger dran bleiben können? Dann erinnerte ich mich wieder daran, dass ich die neue Deadline selber festgelegt hatte. Ich hatte um zehn, nicht vierzehn oder einundzwanzig oder dreissig Tage Verlängerung gebeten. Weil ich frei sein wollte.

Das war meine letzte grosse Deadline vor dem Auswandern. Vor der grossen Freiheit. Jetzt kommen nur noch ein paar Lesungen, ein paar Kolumnen und der grosse Umzug. Zum ersten Mal seit meinen Anfängen, zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren werde ich wieder den Luxus haben, genau das und nur das zu schreiben, was sich aufdrängt. In dem Tempo, das sich aufdrängt. Ohne mich ständig unterbrechen zu müssen: “Sorry, Schreiben, ich würde gerne noch länger bleiben, aber ich hab jetzt einen Auftritt, ein Interview, ich hab noch ein paar Aufträge zu erledigen. Beweg dich nicht, ich komm gleich wieder!”

Denn das mag das Schreiben nicht. Das Schreiben fordert ungeteilte Aufmerksamkeit.

Paradoxerweise wünsche ich mir, dass mich diese Freiheit genau in diesen Zustand zurückzuführt, in den mich die Deadline getrieben hat, in dieses Land, in dem es nichts anderes gibt als die Buchstaben, die sich aneinanderreihen. Freiheit heisst, dieses Land nicht mehr zu verlassen.

Und so wachte ich am nächsten Tag um sechs Uhr auf, schlich ins andere Zimmer, schaltete die Kaffeemaschine und den Computer an. Ich öffnete das Dokument, das mich die letzten Wochen und Monate beschäftigt hatte. Suchte die Stelle, an der ich weiterarbeiten wollte.  Es dauerte einen ganzen Moment, bis mir bewusst wurde: Ich bin fertig.

Ich bin frei. Ich kann tun, was immer ich will.

Und so sass ich da und starrte auf den Bildschirm, eine ganze schöne Weile lang.