Beweisstück A: Hier sehen Sie…

Woman-writer… die Schriftstellerin bei der Arbeit. Wie immer leicht überfordert. Oder, wie wir in den achtziger Jahren zu sagen pflegten: “Runtergehubert, aber von innen heraus schön.” Im Prinzip könnte ich die entsprechenden Beiträge von den letzten beiden Lesereisen einfach auschneiden und hier einkleben, cut-and-pasten. Es ist jedes Jahr dasselbe: Ich tingle, ich tangle kreuz und quer durch die Schweiz und durch Deutschland, ich stehe nachts auf zugigen Provinzbahnhöfen herum und friere. Ich schlafe zu wenig und ernähre mich von Käsebrötchen aus dem Automaten und von dem Speckzopf, der mir nach einer Lesung aufgetischt wird. Natürlich habe auch ich diese ewig währende Grippe, die alle haben, daneben versuche ich noch ein Buch fertig zu schreiben. Etwas ganz anderes diesmal. Eine “Gebrauchsanweisung für Zürich” – ausgerechnet ich, die ich seit siebzehn Jahren nicht mehr in Zürich lebe und zu dieser Stadt immer ein eher gespaltenes Verhältnis hatte? Ausgerechnet ich! Beim Schreiben und Recherchieren, beim Erinnern und Erzählen gewinne ich ein neues Verständnis für diese Stadt, die ich für mich immer mit einer angeheirateten Tante vergleiche, einer unnahbaren Person, die mir nah ist und fremd zugleich. Doch jetzt, wo ich mich so intensiv mit ihr befasse, verstehe ich sie plözlich viel besser. Und ich mag sie auch wieder besser.

Es ist eine andere Art zu arbeiten, mehr journalistisch als schriftstellerisch, und ja, ich recherchiere. Aber wie immer erst im Nachhinein. Auch bei diesem Buch lasse ich mich treiben, so lande ich plötzlich im Garten des Nobelhotels Baur au Lac, wo ich mich manchmal mit einer Romanfigur treffe, der unvergleichlichen Rosa Zimmermann aus “Das Leben der Matrosen”. Dabei wollte ich über die Bahnhofstrasse doch gar nichts schreiben. Oder ich erinnere mich an eine übereifrige frühere Lektorin, die “meine zwinglianische Heimatstadt Zürich” zu “meiner lutheranischen” korrigierte. Zwinglianisch sei ein Helvetismus, erklärte sie. “Bei uns heisst das lutheranisch!” Dass das nicht dasselbe war, wusste ich, aber sonst, ganz ehrlich, bedeutete “zwinglianisch” für mich auch nicht mehr aus eine Verkürzung. Für “freudlos, grau, streng und öde”. Erst jetzt, ich gebe es zu, habe ich nochmal über Zwingli nachgelesen und gemerkt: Ich hatte wieder einmal alles falsch verstanden.

Und so bleibt es spannend. Und ich bei guter Laune. Vielleicht ist es das, was anders ist als in vergangenen Jahren: Ich bin nicht mehr verzweifelt. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert, sondern ich weiss, dass ich mich selber in diese Stresssituation manövriert habe und dass es an mir liegt, da wieder herauszukommen. Ich kann wieder über mich selber lachen. Und in meinem Horoskop steht schliesslich auch: “Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!”

 

 

 

Reich und Berühmt.

imagesKürzlich hab ich mir wieder mal diesen Film angeschaut, “Reich und Berühmt”, beziehungsweise “Rich and Famous”, Manchmal, ich weiss nicht warum, schau ich mir gern Filme über Schriftstellerinnen an. Nicht Filme über real existierende Schriftstellerinnen natürlich, sondern Filme, in denen Schriftstellerinnen vorkommen und sich so benehmen, wie sich Drehbuchautoren das halt vorstellen. Schriftstellerinnen, die nicht schreiben also. Das ist verständlich, denn es gibt nichts Langweiligeres, als einer Schriftstellerin beim Schreiben zuzuschauen (ausser man ist eine Katze: Hola, Chocolate!) Das weiss ich und trotzdem ärgert es mich. Es ärgert mich so sehr, dass ich mich vergesse und den Fernsehbildschirm anschreie: “Ja, dann setz dich doch mal hin und schreib!”, rufe ich. “Kein Wunder bist du blockiert! Du hast ja noch nicht mal einen Schreibtisch!” Doch natürlich hört wieder mal niemand auf mich. In diesem Film geht es um zwei Freundinnen. Die eine heiratet früh und schreibt höchst erfolgreiche Schundromane, während die andere preisgekrönte “richtige” Literatur veröffentlicht und dafür allein bleibt. Gegen Ende des Films wird die Schundautorin für einen Literaturpreis nominiert, bei dem ihre Freundin in der Jury sitzt. Es hilft nicht, dass die andere den Mann der einen geküsst hat. Dafür spannt die Tochter der einen der anderen den jugendlichen Liebhaber aus. Überhaupt geht es in erster Linie um Männer und um Liebesdramen. Das ist auch absolut in Ordnung und weitaus unterhaltsamer mitanzusehen als das Schreiben (ausser, man ist eine Katze.)

Ich habe den Film schon einmal gesehen, in den achtziger Jahren, im Kino. Damals fand ich ihn tief und bedeutungsvoll. Damals leuchtete es mir absolut ein, dass die Hingabe ans Schreiben vom Leben bestraft werden musste. Durch Einsamkeit, durch Leiden, durch häusliche Katastrophen. Ich hatte keine Vorbilder, ich wusste nichts. Nur dass Schriftstellerinnen, die sich einbildeten, sie könnten heiraten und Kinder kriegen, früher oder später den Kopf in den Ofen steckten.

Heute glaube ich das nicht mehr. Trotzdem: Eine Schritstellerin kommt um das Schreiben nicht herum. Und logisch, etwas anderes bleibt dabei auf der Strecke. Doch das muss nicht die Liebe sein.

Es geht ums Schreiben, nicht ums Geschrieben haben. Und schon gar nicht darum, reich und berühmt zu werden. Das habe ich letzte Woche in Leipzig wieder gedacht. All die Interviews, die Termine. Natürlich ist es schmeichelhaft. Natürlich gehört es dazu. Aber das Wichtigste bleibt auf der Strecke: Das Schreiben. Die Öffentlichkeit, das Rampenlicht sind nicht die Belohnung für die langen, einsamen Jahre am Schreibtisch, sondern der Preis, den man dafür bezahlt. Für das Privileg des Schreibens. Das hat  mein Ex-Verlobter John Irving (der allerdings nie etwas von unserer Verbindung wusste) in dem Film “John und wie er die Welt sieht, viel besser gesagt.

Es geht ums Schreiben, nicht ums Geschrieben haben. Ausser, man ist ene Filmfigur. Oder eine Katze.

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