Taking the Plunge.

Maggie-Ward-standing-on-the-end-of-a-diving-board-at-Coney-Island-Brooklyn-July-24-1888-520x415Meinen ersten Schreibkurs nannte ich “Das Sprungbrett”. Ich dachte dabei an den täglichen Sprung von der Schreibtischkante ins Ungewisse. Heute führte mich meine Zenlehrerin Sara Kokyo Wildi, mit der ich einen Zen/Schreibkurs leite, auf das Dreimeterbrett, ganz nach vorne, an die äusserste Kante. Mich und zehn Kursteilnehmer. “Taking the Plunge” ist eine typische Übung der Zen Peacemakers. In unserem Fall sollen wir mit Papiertüten ausgerüstet durch Aarau streifen und Abfall auflesen. Als sei die Altstadt unser Wohnzimmer, als sei sie unsere Verantwortung. Die Altstadt und alles andere auch. Die Stadt, das Land, die Welt. Wir machen den Kurs nicht zum ersten Mal, deshalb weiss ich, was mich erwartet. Ich habe viel gearbeitet, schlecht geschlafen, die ganze Nacht rotierten quälende Gedanken in meinem Kopf wie Brathähnchen am Spiess. “Im Fall!”, sagte ich zu Sara. “Ich mach heute nicht mit” Ich muss mich ausruhen, dachte ich, ich muss mich mal um MICH kümmern, was gehen mich die anderen an und ihre Wohnzimmer und die Altstadt mit ihren Partyspuren! Sammle ich nicht ohnehin schon ständig ihren Dreck auf, Zigarettenstummel, Dönerverpackungen, halbleere Bierdosen?

“Mach, was du willst”, sagte Sara. “Aber entscheid es nicht jetzt.” Sie wusste genau, was ein Vormittag unter Gleichgesinnten, Schreibenden bewirken würde. Als wir kurz vor Mittag zum “Plunge” antraten, hatte ich schon vergessen, dass ich nicht mitmachen wollte. Statt mich mit meinen eigenen Brathähnchen am Spiess zu drehen, dachte über das Rauchen nach – Gott, was habe ich mal gerne geraucht! Ich dachte an Catherine Deneuve, die sagte, seit sie aufgehört habe zu rauchen, habe sie die Hälfte ihrer schauspielerischen Mittel verloren. Mit einer Zigarette in der Hand kann man so viel sagen. Ich dachte an all die Abende, die ich nichtrauchend auf irgendwelchen Balkonen verbracht habe, einfach weil dort die spannenderen Gespräche geführt werden als am Tisch. Gebückt ging ich durch die Stadt, ganz langsam, den Blick auf den Boden gerichtet, ich sammelte und sammelte, frische Stummel und zertretene, filterlose, lippenstiftverschmierte, selbergedrehte. Ich vergass alles andere. Vor allem mich selbst. Was für eine Erleichterung. Auf dem Weg zurück in meine Schreibwerkstatt sah ich einen Mann auf der Strasse liegen. Er schien zu schlafen. Zwei Taschen, ein Rucksack lagen nehmen ihm. Er lag vor dem Eingang eines billigen Hotels. Vielleicht hatte er sich ausgeschlossen? Die Rechnung nicht bezahlt? Ich beugte mich über ihn, räusperte mich, er reagierte nicht. Aber er atmete. Schnarchte sogar. Ich schaute mich um, dann ging ich weiter. Und plötzlich musste ich lachen: Wie hatte noch mal meine allererste veröffentlichte Kurzgeschichte geheissen? “Ich habe einen Mann gefunden.” Genau. Das ist ein Zeichen, dachte ich und drehte mich noch einmal um. Da war er verschwunden. Hatte ich ihn erfunden? Heute oder vor fünfundzwanzig Jahren? War er nur kurz aus den Seiten meines ersten Buches entwichen um mich zum Lachen zu bringen?

Später suchte ich das Netz nach einem passenden Bild für diesen Text ab. Stellt sich heraus, wenn man “taking the plunge” googelt, bekommt man zuerst einmal nur Hochzeitsbilder geschenkt. Hmmmm, dachte ich.

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Ich bin die 48, 9 Prozent.

images-1 imagesLetzten Freitag, elf Uhr nachts am Zürcher Hauptbahnhof. Ich komme von einer Vorstellung, es war ausverkauft, grossartiges Publikum, viel Applaus. Wunderbar. Ich bin noch immer ein bisschen aufgekratzt, ziehe meinen rosa Bühnenkoffer hinter mir her, habe einen Blumenstrauss in der Hand. Wenn ich mich beeile, erwische ich den 23.08 auf Gleis 17. Ich will nachhause, habe morgen früh eine Lesung. Alle anderen wollen genau das Gegenteil, sie wollen raus, in den Ausgang, der Bahnhof platzt aus allen Nähten. Es wimmelt von Menschen, Hunden, Wodkaflaschen. Ein Glastransporter versperrt den Zugang zu mehreren Gleisen, ich muss um ihn herumlaufen, es wird knapp. Flüchtig frage ich mich, warum diese riesigen Glasscheiben ausgerechnet jetzt ersetzt werden. Glasscheiben und Betrunkene vertragen sich erfahrungsgemäss schlecht. Doch bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, rutschen meine treuen Bühnenstiefel unter mir weg, der Blumenstrauss fliegt mir aus der Hand, ich knalle der Länge nach hin. Sofort bin ich von besorgten Passanten umringt, die mir aufhelfen. “Nichts passiert”, stammle ich, noch ein wenig verwirrt. Jemand reicht ein Papiertaschentuch, um meine Jacke abzuwischen – die Pfütze, in der ich ausgerutscht bin, war Erbrochenes.

Jetzt mal ehrlich: Jeder Lektor, der auf sich hält, würde mir diese Szene streichen. “Das ist ein bisschen gar dick aufgetragen. Vom Scheinwerferlicht in die Kotze – nein, das ist zu plump. Das geht gar nicht!”

Hörst du, Leben? Das geht gar nicht! Bei der Lesung, beziehungsweise dem Gespräch am nächsten Morgen stellt sich unter anderem die Frage, wie viel ich von mir preisgebe. Wie viel ist zu viel?

Vor Jahren, als meine Kinder noch klein waren, schrieb mir eine Leserin. Sie sei alleinerziehend und berufstätig und habe neulich abends um zehn als alle schon schliefen, noch die Wäsche gebügelt und dazu fern gesehen. Und da sei ein Interview mit mir ausgestrahlt worden. “Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?”, wurde ich gefragt. Und die Leserin dachte: Wenn die jetzt sagt, es sei alles eine Frage der Organisation, dann schmeiss ich das Bügeleisen in den Bildschirm! Ich aber antwortete wahrheitsgetreu: “Ach, ich hangle mich so von Nervenzusammenbruch zu Nervenzusammenbruch!” Und das hat der Leserin gut getan. Spät abends am Bügelbrett hörte sie: Wir sind nicht allein.

Was nicht heisst, dass man es nicht versuchen soll: Alles unter einen Hut zu bringen. Oder gar, dass man sich nicht alles wünschen, alles anstreben soll, was unter einen Hut passt. Was die Hutkrempe sprengt. Aber man darf nicht zu hohe Ansprüche an sich stellen. Es sieht nicht immer schön aus. Es fühlt sich nicht immer gut an. Aber es macht trotzdem Spass.

Nachdem ich an diesem Morgen schon einiges aus meinem Leben erzählt hatte, zum Beiuspiel dass ich gern um 6 Uhr morgens im Zendo sitze und meditiere oder dass ich als junge Frau in Paris gelebt habe, las ich einen Ausschnitt aus “Das wahre Leben” vor. Und da kamen genau diese beiden Details vor. Heisst das also, ich bin Erika?

“Wie viel von Ihnen steckt in dieser Figur, in diesem Buch?” Auch so eine Lieblingsfrage, auf die ich nun endlich eine Antwort weiss, dank der amerikanischen Autorin Pam Houston: “Genau 48, 9 Prozent!”