Kill your darlings!

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Vorgestern habe ich meinen Verleger getroffen. Einmal mehr hatte ich mein Versprechen, ihm noch vor unserem Treffen den Rest des Manuskripts zu schicken, nicht halten können. Warum verspreche ich überhaupt etwas? Mit diesem Text passiert mir etwas, was ich bisher nicht kannte. Ich vermute, es handelt sich um eine Alterserscheinung: Manchmal kann ich schlicht nicht weiterschreiben. Obwohl ich noch Zeit hätte. Aber es ist, als ob der Worthahn zugedreht würde. Von wem? Warum? Plötzlich geht nichts mehr. Bis zum nächsten Morgen. Und dann, wie ein Geschenk, fliesst wieder eine vollständige Szene in die Tastatur. Again: Woher? Warum? Keine Ahnung. Als Alterserscheinung bezeichne ich übrigens nicht das beinahe physische Nicht-mehr-können, sondern dieses innere Nachgeben, das Akzeptieren: Für heute ist genug.

Mein Verleger, Wer-immer hab ihn selig, trug mein Geständnis mit Fassung. Wir einigten uns auf eine Arbeitsweise, die mir neu ist, aber reizvoll erscheint. Wenn ich mit dem ersten Entwurf nicht weiterkomme, fange ich mit dem zweiten an – eigentlich dem dritten oder vierten – den ersten, unlesbaren zeige ich ja nur euch… Das Überarbeiten, in dieser Phase eher ein Kämmen, Striegeln, Zügeln und Streichen beansprucht einen anderen Teil meiner Selbst als das genaue Beschreiben der Szenen, während sie entstehen. Um diese Arbeitsweise etwas zu erleichtern, sind wir zusammen die Liste seiner Anmerkungen durchgegangen. Bei einigen Punkten war mir vollkommen klar: Sorry, auf dieser Szene, diesem Handlungsfaden bestehe ich! Bei anderen war ich mir nicht so sicher. Mal sehen. Und dann gab es noch zwei, drei Punkte, zu denen mir das berühmte “Pling!” im Hinterkopf die Bestätigung gab: Er hat Recht. Und eigentlich wusste ich es schon. Dass das nicht da hin gehört. Aber weil’s so schön war… Eine dieser Szenen spielt in Sierras Bordell für Frauen. Nevada, die jahrelang aus spirituellen Gründen sexuell abstinent gelebt hat und nach ihrer Diagnose erst recht mit allem abgeschlossen hat, verliebt sich. Mit ihrem Begehren erwacht auch die Angst: Weiss ich überhaupt noch wie das geht? Bin ich schön? etc. Diese Angst überwindet sie, in dem sie ihrer Schwester hilft, die …. hmmm…. Angestellten ihres Etablissments auszuwählen. Das zu beschreiben hat durchaus Spass gemacht – aber in einer richtig schönen Liebesgeschichte, da bin ich mit meinem Verleger einig, werden sich Nevadas Ängste in Dantes Armen auflösen.

Seufz.

Hier also ein jugendfreier Auschnitt, direkt aus meinem Papierkorb:

Sierra klatschte in die Hände, die Tür öffnete sich und vier Männer in kurzen, kimonoartigen schwarzen Bademänteln traten ein. Sie blickten freundlich und ein bisschen nervös zu Nevada, die verkrampft auf dem Futon halb lag, halb sass, die Stöcke am Boden. Der Blonde mit den roten Armbändeln hob sie auf und stellte sie diskret an die Wand. Einen Punkt für den Blonden, dachte Nevada.

„Die Kundin leidet unter multipler Sklerose“, erklärte Sierra. Sie klang wie eine Fernsehärztin, die einen Fall präsentierte. „Ihre körperlichen Reaktionen sind unberechenbar. Manche Berührungen, die andere Frauen als angenehm empfinden, lösen bei ihr Schmerzen aus. Das soll ihrer sexuellen Erfüllung nicht im Weg stehen. Brauen Sie ihre Phantasie, meine Herren. Ihre Einfühlungsgabe.“

Dann nickte sie, aufmunternd und streng zugleich und verliess den Raum. Nevada war allein mit vier fremden Männern. Das Feuer in ihrem Bauch war vor Schreck erloschen.

Schwarze Hand, gelber Bändel. Hellbraune Haut, blauer Bändel. Hellbraune Hand, grüner Bändel. Weisse Hand, roter Bändel. Nevada wusste, was das bedeutete: Sie musste die Augen offenhalten. Sie musste die Hände von einander unterscheiden können. Sie musste sich merken, was sie taten. Die schwarzen Hände langten routiniert unter ihre Schultern und senkten ihren Oberkörper auf die Kissen. Die weissen Hände machten sich an ihren Beinen zu schaffen. Sie trug weite Kleider, die sich leicht an- und ausziehen liessen, keine Knöpfe, Gummizüge. Ihre Hose wurde abgestreift, ihre Socken. Nevada schaute an die Decke und sah sich gnadenlos gespiegelt. Ihr Körper war weich und blass. Ihre Haut schien zu weit für sie geworden zu sein. Sie sah alt aus, dachte sie. Älter als sie war. Und sogar ihre Unterhose war praktisch. Blaue Bändel streiften sie herunter. In ihrem wildwuchernden Schamhaar waren weisse Fäden zu sehen. Sie war keine zwölfjährige Jungfrau mit prall aufgespritzter, komplett enthaarter Scham. Sie war eine fast vierzigjährige Behinderte.

Konnte man diesen Körper schön finden? Konnte man ihn begehren? Vielleicht, wenn man dafür bezahlt wurde.

„Es ist ein Bewerbungsgespräch“, erinnerte Nevada sich. Sie widerstand dem Bedürfnis, sich für den Zustand ihrer Scham zu entschuldigen. Von irgendwoher erklang sanfte Musik. Nevada hasste sanfte Musik. Wie sollte sie sich entspannen, wenn sie gleichzeitig Noten verteilen musste? Wenn sie die Augen nicht schliessen durfte? Die hellbraunen Hände mit den blauen Bändeln fuhren zögernd, fragend über ihre Beine. Nevada zuckte zusammen und schüttelte den Kopf. Der Mann trat einen Schritt zurück. So wenig brauchte es. Die nächsten Hände waren grösser. Packten fester zu. Sie legten sich um ihre Waden wie Klammern, fuhren mit sanftem Druck nach oben und wieder nach unten. Sie drückten den Schmerz weg. Schwarze Hände wanderten über ihr Gesicht. Jetzt musste sie die Augen doch schliessen. einen Moment nur.  Ein fester Finger auf ihren Lippen, leicht nach Gewürzen riechend, nach Zimt vielleicht. Rauhe Haut auf ihrenn Lippen. Der Finger drängte sich zwischen sie, sie öffnete den Mund und nahm den Finger auf. Sie saugte an ihm.

 „Ist das schön für dich?“, fragte eine Stimme. Unsanft aus ihrem Traum gerissen öffnete Nevada die Augen. Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. Der Blonde verbeugte sich und trat von der Matte zurück.

“Gibt es so was wirklich?”, wollte der Verleger noch wissen.

Gute Frage.

Ja, aber….

Einleitung-Abbildung-1Nein, ich bin immer noch nicht fertig! Je mehr ich schreibe, desto mehr scheint noch zu fehlen. Unterdessen habe ich aber eine Antwort von meinem Verleger bekommen. Sie lautet im Wesentlichen: “Ja, aber…” Das heisst, grundsätzlich gefällt ihm der Text, aber seine Einwände füllen eine ganze Seite. Und jetzt kommt’s: Ich habe diese Seite begierig gelesen. Ich habe mich richtig auf sie gestürzt. Dabei habe ich gemerkt, wie sehr ich auf diese Stimme von aussen angewiesen bin. Bestätigt sie meine nagenden Zweifel? (Zum Teil.) Erkennt sie, worum es mir geht? (Ja.) Fordert sie mich zum Widerspruch, und macht mir so noch klarer, worum es mir wirklich geht? (Auch).

Diese Phase, in der man auf die Reaktion des allerersten Lesers wartet, ist eine spannungsgeladene und entscheidende. Jetzt zeigt sich, wie weit man wirklich ist. Dabei ist nicht die Stimme von aussen relevant, sondern die eigene Reaktion auf diese Stimme. Wenn man jetzt eigentlich nur mit einem aufmunterndem Schulterklopfen umgehen kann, mit einem tröstlichen “Weiter so”, dann ist man noch nicht bereit für die Öffentlichkeit. Denn diese wird nicht, wie der (hoffentlich) geneigte und gut ausgewählte Erstleser, mit einfühlsamer und konstruktiver Kritik reagieren, sondern einen ungefragt mit allen eigenen Projektionen überschütten. Um das auszuhalten, muss man sich schon sehr sicher sein. Nicht im Sinn von “Ich bin ein verdammtes Genie und wer das nicht erkennt, ist ein ungebildeter Banause!” sondern: “Das ist die Geschichte, die ich erzählen will. Genau so, wie ich sie erzählen will. Take it or leave it!”

Diese Sicherheit erringt man nicht durch das Schreiben allein. Sie wächst in der Auseinandersetzung.

Gewisse nagende Zweifel haben sich bestätigt. Zum Beispiel die Frage, muss die Missbrauchserinnerung, die Nevada am Ende von “Montagsmenschen” einholt, wieder aufgewärmt werden? Instinktiv wollte ich es sein lassen. Dann dachte ich an die Wiederholungstäter unter den Leserinnen: Würden sie sich nicht fragen, wie Nevada mit dieser Erinnerung lebt? Ist es nicht wichtig, zu zeigen, dass ein solcher Stempel nicht das ganze Leben, jeden Tag beeinflussen oder gar beeinträchtigen muss? Also habe ich diesen Askpet durch die Geschichte mitgezogen, wie einen weiteren bunten Faden. Der irgendwie im ganzen Gewebe störend wirkte. Der Verleger findet: Weg damit. Es reicht, dass Nevada mit ihrer fortschreitenden Behinderung lebt. Er denkt dabei an die anderen Leser, die mit diesem Buch einsteigen. Das zeigt auch, einmal mehr, wie wenig Sinn es macht, für die Leser zu schreiben. Am Ende geht es nicht um sie, die Leser, sondern um die Figur, um Nevada.

Eine andere Erinnerung, eine von Erika, die für mich zentral ist, an der die Geschichte kippt, hält er für überflüssig. Lustig, dass er gerade diese Kapitel als unrealistisch und überzeichnet empfindet, die ich ziemlich eins zu eins aus meinem eigenen Leben gepflückt habe. Um diese Schlüsselszene, die nur unter dem absurden Druck der “march madness” ans Licht kommen konnte, werde ich bis zum Letzten kämpfen, das weiss ich jetzt schon.

Andere Fäden hängen noch in der Luft. Das ist mir erst durch seine Reaktion bewusst geworden. Einige dieser Fadenenden empfindet er als störend, er empfiehlt, sie herauszuschneiden. Etwas in mir wehrt sich dagegen. Die brauch ich aber noch, denke ich. Ach ja? Wozu? Und plötzlich weiss ich, dass die fiese Sozialarbeiterin in Sierras Bordell für Frauen landen wird. Nur noch nicht, wie. Das meine ich mit: Je mehr ich schreibe, desto mehr fehlt.

Zum Scluss noch eine Schüleranbfrage mit dem Titel: Blondinenträume – Hilfe!

Guten Tag Frau Moser,

in der Schule muss ich eine Werkanalyse über ihr Buch schreiben. (…) Und könnten sie mir vl ein paar Stilfiguren nennen, die im Buch vorkommen? Wie zum Beispiel Ellipsen, etc

Dankeschön im voraus

Mfg

emil-meerkaemper-originalfoto-davos-eiskunstlauf-wintersportStilfiguren??