Ordnung schaffen

Ich packe meinen Koffer. Irgendwo habe ich eine Liste von Dingen, die ich einpacken will. Daneben einen Haufen von Dingen, die ich im Moment gern um mich habe, gern trage, von denen ich meine, dass sie auch mit müssen. Wie jedes Mal nehme ich mir vor, mit leerem Koffer abzureisen, ihn dort zu füllen, ich weiss ja, dass ich dort nicht viel brauche. Schon gar keine Wildledersandalen mit hohen Absätzen. Und auch keine Sommerkleider. “Ich habe nie einen härteren Winter erlebt…”

… als den Sommer in San Francisco, genau. Ein Berg von bunten Dingen wächst auf meinem Bett, er quillt über wie ein träger Vulkan, spuckt er ein paar kleinere Dinge auf den Boden. Stoffetzen, sie rutschen unter das Bett, verschwinden. Ich denke an mein Manuskript. Das verhält sich ganz ähnlich. Denke ich wenigstens. Ich weiss es nicht, ich schaue es mir ja nicht an. Ich halte nicht inne, um zu überlegen.

Noch nicht.

Frau Pie hat meinen Blog gelesen und macht sich Sorgen, dass die schreibenden Leserinnen und Leser denken könnten, es bleibe bei diesem ersten Schritt, dem ungezügelten Galopp. Ohne Rücksicht auf Struktur und Form, auf Rechtschreibung und Grammatik. “Aber Frau Pie”, sage ich zu ihr, wir sitzen in ihrem Garten. “Ich werde doch jeden Schritt dokumentieren, von jeder Phase berichten, also auch vom Aufräumen und Umsortieren, vom Büschelen, Strählen und Polieren! Ich werde diese rohen Szenen immer wieder hervornehmen und überarbeiten, jede Stufe zeigen, bis sie am Ende ganz verschwinden – oder nicht.”
Frau Pie ist nicht überzeugt: “Meinst du, die Leser bleiben so lange dabei?”

Wie lange wird es dauern? Ich habe wie immer keine Ahnung. In genau einem Monat werde ich verbindlich zusagen müssen, den Roman bis Ende Jahr fertiggeschrieben zu haben. Und mit fertig, Frau Pie, meine ich die dritte Fassung. Die dritte Fassung ist die erste, die mein Verleger sieht. Irgendwann in diesem Monat werde ich es anschauen müssen, abschätzen müssen, wie weit die erste Fassung ist.

Ich muss mir einen Überblick verschaffen. Ich muss einen Plan machen.

Aber erst muss ich noch ein paar Dinge besorgen. Ich kaufe mir keinen neuen Koffer. Am liebsten würde ich mir ja für jede Reise einen anderen zulegen, je nachdem, einen hartschaligen oder weichen, einfarbigen, gestreiften, getupften, oder einen Kinderkoffer mit Käferflügeln als Handgepäck… aber ich tue es nicht. Es gibt keine sinnlosere Anschaffung als einen neuen Koffer. Das ist sogar mir klar. Dafür kaufe ich ein aufblasbares Nackenkissen und einen bunten Gürtel für den alten Koffer. Diverse Umstecker und ein Set durchsichtiger Plastikschachteln und -beutel, die Ordnung schaffen sollen im Koffer: Unterwäsche in einem kleinen Beutel, T-Shirts in einem anderen, grösseren. Schuhe in einer stabilen Schachtel, Schmuck in einem gepolsterten Etui. Alles durchsichtig, so dass man jederzeit sieht, was wo ist.Es gibt sogar harte Plastikbänder, mit denen ich den unüberblickbar tiefen Bauch des Koffer weiter unterteilen kann. Damit ich weiss, was wo hingehört. Auf dem Bild sieht es einleuchtend aus. Alles hat seinen Platz. Alles hat seinen Sinn.

Genau das werde ich mit meinem Manuskript auch machen, denke ich. Ich werde in seinen tiefen Bauch hineingreifen, mit beiden Händen das Material herausfischen und sauber in durchsichtige Schachteln verpacken. So dass ich genau weiss, was wo hingehört, und was wo ist.

Das ist ein guter Plan, denke ich. Ich gehe zur Kasse. Die Verkäuferin tippt meine Einkäufe ein, fragt mich nach meinen offensichtlichen Ferienplänen. Zum Schluss hält sie das Ordnungs-Set hoch. Dreht es hin und her. Dann schaut sie mich an.

“Wozu?”, fragt sie.

Ich kaufe es trotzdem. Trotzig. Aber ich packe es nicht aus und nicht ein. Wozu, in der Tat? Ich weiss doch, was ich eingepackt habe – spätestens, wenn ich es wieder auspacke. 

 

Der Unterschied

Tief durchatmen. Finger von der Tastatur. Nein! Tu’s nicht! Ich kämpfe. Kämpfe mit mir. Ein Teil von mir will sich entschuldigen, erklären, die Aussagen von letzter Woche zurücknehmen oder wenigstens abschwächen: Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnn, so hab ich’s nicht gemeint! Neiiiiiiiiiiin, ich bin keine schlechte Mutter!

Ich tue es nicht. Ich nehme meine Aussagen nicht zurück. Ich höre nicht auf, zu schreiben. Im Gegenteil. Ich tobe mich aus. Ich lasse die Puppe sterben, was gar nicht so einfach ist, denn selbst ein Mann, der nicht merkt, dass seine Ehefrau nicht mehr da ist, dass sie sich selber durch eine solche Puppe ersetzt hat (Achtung, Satire!), selbst der wird wohl merken, wenn er mit dem Messer ins Leere sticht, wenn aus der Schusswunde Luft entweicht statt Blut spritzt. Gar nicht so einfach, eine Puppe umzubringen! Aber ich hab mir was einfallen lassen. Und es hat Spass gemacht.

Abgeben muss ich die Geschichte erst in acht Wochen. Sechs davon lasse ich sie liegen. Dann nehme ich sie wieder hervor, überarbeite sie. Vielleicht wird sie dadurch klarer. Böser. Versöhnlicher. Das weiss ich noch nicht.

Apropos Satire: Vor fast zwanzig Jahren habe ich einen bitterbösen Text verfasst, in dem ich mir vorstellte, ich sei zwar eine Frau, lebte aber wie ein Mann. Der Text heisst “Mein leben als Schriftstellerin” und ist auf meiner Homepage unter “Texte” zu finden. Er ist nicht besonders originell. Ich habe einfach meinen Alltag angeschaut und alles umgedreht. Er wurde mit dem Untertitel “Eine satirische Auseinandersetzung” veröffentlicht. Die Reaktionen waren heftig. Meine damalige Schwiegermutter wurde im Laden darauf angesprochen. “Der arme Thömel, das ist ja furchtbar!” Und Leserbriefschreiber forderten, man solle mir meine Kinder wegnehmen, bevor noch ein Unglück geschehe.

Zwanzig Jahre später hat sich nicht viel verändert. Wie oft wird Peter Stamm gefragt, was denn seine Frau zu seinen ehebrechenden Romanhelden sage? Wird Capus gefragt, wie er Kinder und Schreiben unter einen Hut bringe? Er hat gleich viele wie Ruth Schweikert, fünf, glaube ich. Schweikert hat sich diese Frage irgendwann verboten, mit dem Hinweis, sie werde sie erst beantworten, wenn sie männlichen Kollegen auch gestellt würde. Wird sie aber nicht, und umgekehrt wird Rolf Lappert auch nicht gefragt, ob er nicht lieber Kinder hätte als Literaturpreise.

Nein, ich übertreibe nicht.Das sind die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden. Von Journalisten wie von Leserinnen. Um den Text selber geht es höchst selten, immer nur um die Frage, wie die anderen, denen ich zuerst verpflichtet bin, das aushalten. Dass ich schreibe. “Wie ist das für die anderen? Den Mann? Die Kinder? Die Familie?

Ich beantworte solche Fragen nur, wenn sie aus dem Publikum kommen. Zähneknirschend zwar, aber ich beantworte sie. Weil ich das Bedürfnis der Fragenden nach Absolution spüre: Sie will wissen, ob es tatsächlich möglich ist, sich als Mutter ungestraft eine eigene Identität zu bewahren. Wenn ich “solche Bücher” schreiben kann, ohne dass meine Kinder drogensüchtig werden oder sich von mir abwenden, dann kann sie ja vielleicht auch…

Vor zwanzig Jahren war ich wütend. Heute nur noch müde. Einen Mann hab ich nicht mehr, die Kinder sind fast und ganz erwachsen, doch die Fragen ändern sich nicht.

Was nun Max angeht – was soll ich sagen – durch die heftige und total unfaire Auseinandersetzung, die ich in den letzten Wochen mit ihm geführt habe, fange ich an, ihn zu verstehen. Und ich sage zu Erika, was ich auch zu mir immer wieder sage: “Selber schuld ist man immer selber, Baby!”