Vorher/Nachher

Screen shot 2016-01-01 at 11.13.46 AM_zpsbdyey6fj“Das ist das Ende eines grossen Landes”, sagte Victor nach den Wahlen. Ich wollte ihm nicht glauben. Nachdem aber Erziehung, Gesundheitswesen und Kultur gestrichen wurden, muss ich ihm wohl recht geben. Trotzdem bin ich noch hier.

Was ist jetzt anders? Zum ersten Mal empfinde ich nicht dieses überwältigende Gefühl der Erleichterung, als ich aus dem Flugzeug steige, dieses “Yeah! Ich bin hier!”. Statt dessen stehe ich fast zwei Stunden lang mit gerunzelter Stirn in der Schlange – seit Trump die Willkür sanktioniert hat, dauert es noch länger als früher, in die USA einzureisen. Man müsse sich auf gründliche Fragen gefasst machten, bereitet einen die Schweizer Botschaft vor. Fragen, die man offen beantworten solle, und besser ohne Humor, denn “der könnte missverstanden werden.” Als ich das letzte Mal, Ende Juni, vor Trump, aus der Schweiz zurückkam, hatte ich genau diesen Fehler gemacht. Ich hatte aus Versehen ein Kreuz an der falschen Stelle gemacht und den Grund meiner Reise als privat angegeben. Der Einreisebeamte machte mich darauf aufmerksam: “Ihr Visa berechtigt sie nicht zu privaten Reisen!” Er blätterte in meinem Pass. “Wie lange bleiben Sie? Warum so lange?” “Oh, ich liebe dieses Land”, sagte ich mit meinem breitesten Lächeln. “Wer wäre nicht gerne hier?” Das war ein Fehler. Der Beamte, übrigens, war ein junger Muslim mit Bart und Stern-und-Halbmond-Anhänger, runzelte die Stirn. “Gehen Sie nach rechts”, sagte er. Ich dache mir nichts Böses. Doch die Türe rechts war mit “Detention and Investigation” angeschrieben war. Da wurde mir doch ein wenig mulmig. Als ich hereinkam, war die Hölle los. Eine Asiatin wälzte sich am Boden, die Hände um ihren Hals gekrampft. Eine Beamtin rief nach einer Ambulanz. Die Frau hatte, um ihre Rückschaffung zu verhindern, eine Handvoll Büroklammern verschluckt. Oder zu verschlucken versucht. Eine vielköpfige Familie wartete still und resigniert, sieben dunkelhaarige Köpfe gesenkt. Was tue ich hier, dachte ich damals. Ich, die verwöhnte Schweizerin, der nichts passieren kann. Die nicht einmal Angst hat, wenn sie “nach rechts” geschickt wird. Privilegiert sein heisst vor allem, ohne Angst zu leben.

Am Ende passierte gar nichts. Damals nicht, und auch diesmal nicht. Als ich endlich vor dem Schalter stand, fragte mich die nette junge Beamtin mit beinahe weiss gefärbtem Haar, ob wir den Job tauschen könnten, meine Arbeit klinge so viel spannender als ihre.

Eine Woche später, im Spital, liest Victor aus der Zeitung vor, dass die neuseeländische Botschaft von amerikanischen Auswanderern überrannt wird. “Das wundert mich nicht”, sage ich. “Come on!” Bob, ein Schwarzer mittleren Alters, der gerade das Zimmer putzt, mischt sich ein: “Das ist immer noch ein tolles Land! Das kann der orangefarbene Affe nicht zerstören!” Und schon sind wir in eine Diskussion über unser Herkunftsländer verwickelt, über Mexico und die Schweiz, über unsere Gründe, auszuwandern. Das liebe ich hier: Jeder redet mit jedem. Diese unsichtbare Grenze, die anderswo zwischen dem Putzmann und dem Patienten verläuft, existiert hier nicht.

Die Amerikaner sind immer noch die Amerikaner.

Aber mindestens die Hälfte von ihnen hat jetzt auch Angst.

 

 

Wo ist zuhause, Mama?

images 3Und wieder sitze ich am Flughafen. Ein bisschen nervös: Die Geschichte von Mem Fox, einer australischen Kinderbuchautorin, die am Flughafen von Los Angeles stundenlang festgehalten und verhört wurde, macht mich nervös. Sicherheitshalber habe ich die Notfallnummer des EDA gespeichert. Sechs Wochen lang habe ich Fragen beantwortet, die ich nicht beantworten kann: “Wie ist es, mit einem Präsidenten wie Trump zu leben?” Ich weiss es nicht. Ich war ja gar nicht da! Am Abend der Amtsübergabe flog ich in die Schweiz. Das Flugzeug hatte drei Stunden Verspätung. Ich sass in einer überfüllten Bar vor einem Thunfischsandwich und einem Glas Wein. Neben mir ein Deutscher, eine Französin, zwei Amerikaner und ein Paar aus Neuseeland – das klingt wie der Anfang eines Witzes, aber so war’s. Vor uns auf drei Bildschirmen drei verschiedene Ausschnitte aus den Feierlichkeiten. Verlegene Bemerkungen der Kommentatoren. Es war die sprichwörtliche Massenkarambolage auf der anderen Fahrbahn: Man kann nicht hinsehen, man kann aber auch nicht wegsehen. Immerhin führte es dazu, dass wir alle miteinander ins Gespräch kamen. Das ist neu. Die Amerikaner sind zwar sehr offen, aber über Politik reden sie nicht. So wenig wie Schweizer über Geld. Das hat sich geändert. Einer der Amerikaner sagte, er sei sein Leben lang republikanisch gewählt – aber das! Das sei nicht sein Präsident. Der andere schüttelte den Kopf und sagte, Bernie hätte sich nie zurückziehen dürfen. Das paar aus Neuseeland meinte, sie kämen seit zwanzig Jahren jedes Jahr nach Amerika, aber jetzt würden sie eine Pause einlegen. Dann begann der Präsident mit seiner Frau zu tanzen. Wir starrten auf die Bildschirme.

“Harmonie sieht aber anders aus”, sagte der Deutsche mehr zu sich selbst. “Harmony looks differently!” Wir wussten alle, was er meinte.

In der Schweiz war es erst einmal sehr kalt. Und schön. In jedem Interview, an jedem Abendessentisch werde ich gefragt, wie das denn nun weitergehen solle. Ich weiss es nicht. Nichts, was ich für möglich, für wahrscheinlich halte, tritt ein. Dafür jeden Tag eine neue Schreckensnachricht, die ich nicht verstehe, nicht einordnen kann, die meinen gesunden Menschenverstand beleidigt. Was ich denke, ist vollkommen irrelevant. Weil es nichts mit der Realittät zu tun hat. Wie zum Teufel ist das möglich? Oder, in den Worten der grandiosen Dorothy Parker: “What fresh hell is this?”

Die meisten Schweizer, mit denen ich zu tun hatte und habe, sind gut informiert und denken differenziert. Trotzdem scheint sich die Vorstellung festgesetzt zu haben, dass “diese Amis” in ihrer bekannten, sprichwörtlichen Dummheit ganz selber schuld seien. Und dass so etwas “bei uns”, wo nur kluge und gutinformierte Menschen leben, nicht möglich sei. Meine Freunde in Amerika erzählen unterdessen von ihren Kämpfen, ihren Bemühungen, ihren Sorgen. Der Begriff “post electoral stress syndrom” wird gebraucht. Ich halte es schlecht aus, so weit weg zu sein, nichts beitragen, helfen, unterstützen, mittragen zu können.

Deshalb fliege ich zurück. Weil ich dabei sein will. Weil ich Teil davon sein will. Weil ich mir eine Meinung bilden will.