How did I do it?

2014-01-05 17.27.08Warum mir das jetzt einfällt? Weil jemand gefragt hat. “Wie haben Sie das damals geschafft?” Ja, wie? Es ist über zwanzig Jahre her. Mein jüngerer Sohn war erst wenige Monate alt, der ältere hatte gerade die Schule begonnen. Mein damaliger Mann war unterwegs, ich war allein, ich hatte kein Auto. Der Winter wollte kein Ende nehmen, obwohl der Kalender längst behauptete, es sei Frühling. Ich hatte seit gefühlten sieben Jahren nicht geschlafen, geschweige denn mir die Haare gewaschen. Am späteren Nachmittag sass ich zwischen Kinderwagen und Einkaufstüten an der Bushaltestelle und wartete auf mein Schulkind. Mehr beiläufig blätterte ich in meiner Agenda. Und da stand es: 20 Uhr Lesung in Dingsda. Ich hatte knapp zwei Stunden Zeit, um einen Babysitter zu organisieren, das Abendessen vorzubereiten und mich halbwegs präsentabel herzurichten bevor der Zug nach Dingsda fuhr.

Die Lesung war schön, es tat mir gut, einen Abend lang jemand anderes zu sein als eine überforderte Mutter. Erst während der Fragerunde fühlte ich meine Erschöpfung wieder. Wie oft würde ich die Frage, wer sich denn nun um meine Kinder kümmerte, noch beantworten müssen? Ich verbiss mir trotzige Antworten wie „Kinder? Oh Gott, habe ich Kinder?“, ich blieb freundlich und ruhig. Dann fragte ein Mann in der ersten Reihe, mit deutlichem Seitenblick auf seine Frau, ob ich etwas zu dem Thema Doppelbelastung sagen könne: „Ist das nicht ein Scheinproblem? Sie beweisen hier ja gerade, dass es möglich ist, Sie haben ganz offensichtlich alles bestens im Griff!“

„Ich?“

Einen Moment lang sah ich mich von aussen. Ich schrieb Bücher, ich war erfolgreich, frisch verheiratet und gerade wieder Mutter geworden. Und ich gebe zu, einen Moment lang mochte ich dieses Bild. Es war verführerisch. Und definitiv attraktiver als die Wahrheit: Dass ich nämlich vor drei Stunden noch weinend unter meinem Bett gelegen hatte und nie mehr hervorkommen wollte.

Wie hatte ich den Auftritt in Dingsda vergessen können? Ich war unfähig! Ich war eine Hochstaplerin! Ich würde nie etwas auf die Reihe kriegen!

Mein Bett hatte genau die richtige Höhe. Wenn ich darunter lag, berührte der Lattenrost meinen Körper und mein Gesicht gerade so. Nicht niedrig genug, um Platzangst zu bekommen aber gerade so, dass ich mich sicher fühlte.

Ich lächelte. „Sie täuschen sich gewaltig: Ich habe gar nichts im Griff. Wie könnte ich auch? Es ist zu viel, zu viel für eine Person.“ Und ich erzählte, wie ich die letzten Stunden verbracht hatte. Erleichtertes Gelächter im Publikum. Aber ich sagte auch: „Ich will trotzdem beides, alles. Und ich will nicht, dass es so schwer sein muss!“

Und das will ich immer noch.

Liebe deinen Nächsten wie…. wen schon wieder?

imagesSo ein blöder Traum: Ich war in einem Hotelzimmer mit meinem jüngeren Sohn, der noch ein Kind war und folglich in einem Kinderbett schlief. Ich selber hatte mich mehr schlecht als recht in einem Sessel vor dem Fernseher zusammengerollt. Mitten in der Nacht kam eine Frau herein, eine Art Gouvernante. Mit strenger Miene kontrollierte sie das Zimmer, betätigte die Lichtschalter und stellte den Fernseher aus, auf dem der Ameisenkanal lief. Dann fragte sie mich, warum ich in dem unbequemen Sessel schlafe. Ich drehte mich um und sah, dass neben dem Kinderbett ein halb aufgeklapptes Bettsofa stand.                  “Da fehlt ja die Matratze”, sagte die Frau. Ich schaute genauer hin. Aus dem halb offenen Sofa schaute ein Lattenrost, aber keine Matratze. “Warum haben Sie denn nichts gesagt?” Ich war immer noch verwirrt. Ich hätte also etwas sagen können? Wie lange schlief ich denn schon in diesem unbequemen Sessel?
“Seit einer Woche sind Sie hier und haben nichts gesagt!” Die Frau schüttelte verwundert den Kopf und machte sich eine Notiz. Eine Woche!, dachte ich. Eine Woche schlief ich schon so! Wie dumm von mir. Ich schämte mich und behauptete deshalb trotzig, der Fernsehsessel sei mir lieber. Dann wachte ich auf, zum Glück. Immerhin konnte ich diesen Traum einordnen. Meine Träume sind ja meist so plakativ und simpel, dass sie mir niemand glaubt (wie zum Beispiel, die die ich in “Das Glück sieht immer anders aus” zitiere.)

Dieser ging auf ein Gespräch mit meiner wunderbaren Zenlehrerin Sara Kokyo Wildi zurück. In den letzten Monaten hatte ich intensiv geschrieben, stundenlang, ohne aufzuschauen. Und zwar nicht auf meinem High-Tech-super-ergonomischen-rückenschonenden Schreibtischstuhl, nein, wie ein Teenager auf der Couch. Und wie ich es genossen habe, dieses komplette Eintauchen in diese alternative Realität meiner Figuren. Es ist der grösste Luxus, den mir mein Wegzug aus der Schweiz und mein radikal reduziertes Leben hier ermöglichen. Schreiben ohne Aufzuschauen. Allerdings bin ich ja nun mal kein Teenager mehr. Mein Rücken war weniger glücklich. Meine Schultern hatten sich komplett ineinander verknotet. Ich war so verkrampft, dass ich während der Sitzmeditation kaum atmen konnte. Mein linker Arm schlief ein. Hatte ich einen Herzinfarkt? Nicht wirklich… natürlich nicht!                                                                   “Das macht keinen Sinn”, sagte Sara. “Das Schreiben sollte nicht verhindern, dass du dir auch Sorge trägst!” Theoretisch wäre es natürlich möglich gewesen, das Schreiben zu unterbrechen. Für eine Yogastunde, einen Spaziergang. Aber in dieser letzten, intensiven Phase wollte ich das gar nicht mehr. Victor gab mir Recht: “Wenn du erst mal drei Nächte hintereinander durchgearbeitet hast, fang ich an, mir Sorgen zu machen”, sagte der Künstler. Takes one to know one…

Aber jetzt ist das Manuskript fertig und ich habe Zeit, mich meinem verkrümmten Rücken anzunehmen. Als erstes melde ich mich zu einer Thaimassage an. Eine unscheinbare ältere Fau malträtiert mich, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und während der ersten Yogastunde nach diesen intensiven Schreibmonaten tritt mir die Lehrerin so grob auf die Finger, dass ich aufjaule. Irgendwie gelingt mir das nicht ganz, dieses Sorge tragen. Muss man sich denn überhaupt Sorge tragen?

Scheint so.

Jede spirituelle Praxis besteht darauf. Selbsterkenntnis und ein minimales Mass an Selbstsorge sind die Grundlage für den Dienst an der Gemeinschaft – das eigentliche Ziel jeder Religion. Komm schon, rede ich mir zu. Das schaffst du! Als hätte ich eine Bergbesteigung vor mir. Ich wende den alten Trick an, mir vorzustellen, ich sei eine Freundin. Was würde ich ihr jetzt raten? Sicher nicht, sich zusätzlich quälen zu lassen! Also, was? Und warum fällt mir das immer noch so schwer? Nach allem, was ich in den letzten Jahren verändert, erreicht, gelernt habe? Das werde es wohl herausfinden müssen. Ich nehme die Herausforderung an.