Erinnere dich.

IMG_6206Heute beginnt mein jährlicher Workshop in Santa Fe. Je weniger ich unterrichte, desto mehr freue ich mich darauf. In den letzten Wochen habe ich viel über meine Rolle nachgedacht: Bin ich Lehrerin? Vorbild? Kann man schreiben lehren oder “nur” fördern? Das werde ich oft gefragt. Die Frage verwirrt mich. Kann nicht jeder schreiben? Das ist meine tiefste Überzeugung: Wer schreiben will, der kann. Ist es meine Aufgabe, diese Überzeugung zu teilen?

“Hebamme”, sage ich manchmal. “Ich bin eher Hebamme als Chirurgin.” Oder ich phantasiere mich gleich zur Superheldin, die die sprichwörtlichen Schubladen aufbricht und all die ungeschriebenen, halb geschriebenen Geschichten befreit, die in ihnen vor sich hin moderen. Ich schwöre es, manchmal höre ich sie nachts wimmern: “Hol mich hier raus! Ich will hier raus! Ich will auf’s Papier!” Nichts macht mich trauriger als von jemandem zu hören, der schreiben will, aber es nicht tut. “Das trau ich mir nicht zu.” Oder, noch schlimmer: “Es wird schon genug geschrieben.” Würde man auch sagen: “Es wird schon genug gesungen?”

Und dann fällt mir die Geschichte von Jambavan, dem König der Bären ein. Eigentlich ist es die Geschichte von Hanuman, dem Affengott. Ich habe diese Geschichte, wie viele andere aus diesem Zusammenhang in einem Yogastudio gehört. Sie wurde mir erzählt, um mir den verhassten Yogaspagat schmackhaft zu machen. Denn diese Übung, Hanumanasana, ist nach dem gewaltigen Luftsprung Hanumans benannt. Es ist eine sehr schöne Geschichte, ich hoffe, ich erzähle sie halbwegs richtig nach:  Der affengesichtige Halbgott Hanuman war mit allen möglichen Superkräften gesegnet. Ein hochbegabtes, unerträglich freches, arrogantes Kind, das ständig Unfug anstellte. Zum Beispiel hielt er die Sonne für eine besonders grosse, saftige Orange und ass sie auf. Er nervte die Götter dermassen, dass sie ihn schliesslich mit einem Fluch belegten. Vielleicht dem schlimmsten Fluch überhaupt: Er behielt seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten, aber er vergass, dass er sie hatte.

Jahre später stand er im Dienste Ramas, als dessen Verlobte Sita entführt wurde. Hanuman versprach, sie zu befreien. Jambavan und sein Heer begleiteten ihn. die Prinzessin wurde auf der Insel Lanka gefangen gehalten. Hanuman hatte die Fähigkeit, vom indischen Festland auf die Insel zu springen und die Prinzessin zu befreien – aber er wusste das nicht. Er hatte Angst. Zaudernd stand er am Ufer. Da begann der Bärenkönig, ihm ein Lied zu singen. Strophe für Strophe erinnerte er Hanuman an seine Fähigkeiten.

Erinnere dich, wer du bist. Erinnere dich, was du kannst.

Und Hanuman sprang.

Manchmal denke ich, wir sind alle von Hanumans Fluch belegt. Wir vergessen, was wir können. Was uns glücklich macht. Singen, Tanzen, Schreiben, in Rollen schlüpfen, uns verkleiden, im Wald verstecken, unter der Bettdecke lesen, die Welt neu erfinden. Dinge, über die wir nie nachgedacht hatten, bis uns dieser Fluch traf. Und mitten im Luftsprung lahmlegte.

Moment mal, bist du sicher? Kannst du das? Wirklich? Und wenn du dich lächerlich machst? Was glaubst du denn, wer du bist?

Ja, wer?

Das ist meine Rolle. Ich bin die alte Bärenkönigin, die sagt: Erinnere dich, wer du bist. Erinnere dich, was du kannst,

 

Das Schicksal versuchen.

ameliaangell-2009072522209-cddc_1-originalDer Morgen war noch frisch, später würde es wieder heiss werden. Ich trug meinen Laptop, einen Stapel alter Life-Magazine aus den 40er Jahren und eine halbvolle Kaffeetasse zu meinem blauen Schreibschuppen ganz hinten in Victors Garten. Jedesmal, wenn ich mich durch das wuchernde Grün kämpfe, kommt es mir vor, als würde ich eine andere Welt betreten, nicht nur symbolisch – die Welt meines Romans – sondern ganz real: Zuhinterst in diesem wilden Garten, weit weg von Internet und Telefonanschluss, umgeben von wucherndem Grün, unterbrochen nur von Eichhörnchen und der sie jagenden Katze, gibt es nichts anderes mehr als mein Schreiben.

Victor war bereits im Atelier. Ich winkte ihm durch das Atelierfenster zu, er sah mich nicht, vertieft in seine Malerei. So wie ich wenig später in mein Schreiben versinken würde. Ich blieb stehen. Ich hielt den Atem an. Behalte diesen Moment, dachte ich. Diesen perfekten Moment.

Ich hatte es mir so sehr gewünscht, all das: Eine letzte grosse Liebe. Zeit zum Schreiben zu haben. Meine Wünsche haben sich erfüllt, mehr als erfüllt. Wie ist das möglich? Habe ich das verdient? Darf ich das? Glücklich sein?

Vor ein paar Wochen wurde in Santa Fe der Zozobra verbrannt, die verkörperte Düsterkeit. Während die Figur gebaut wird, kann man in der Werktatt vorbeigehen und seine eigenen Sorgen und Nöte, sauber auf Papier festgehalten, in die Statue einbauchen lassen. Was fär eine tolle Idee, dachte ich, das mache ich! Doch dann – fiel mir nichts ein. Natürloich mache ich mir Sorgen um Victors Gesundheit und das allgemeine Glück meiner Kinder. Aber so richtige, tiefe, eigene Sorgen? Wo war dieses lebenslange Gefühl des Nicht-Genügens, des Falsch-Seins, des Nicht-Dazugehörens? Wo war diese tief in mir eingebrannte Scham?

“Das Einzige, was mit Ihnen nicht stimmt, ist Ihre feste Überzeugung, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt”, sagte mein Lieblingstherapeut einmal zu mir. Damals dachte ich, so gut könne er nun doch nicht sein, wenn er das nicht erkenne, dieses Grundverkehrte an mir. Schliesslich spürte ich das seit ich denken konnte. Seit ich Erinnerungen hatte, waren sie von diesem Unwohlsein durchdrungen. Und jetzt, im letzten Drittel meines Lebens – ist dieses Gefühl verschwunden. Dieses Gefühl, das ebenso zu mir gehörte wie meine Locken und meine grossen Füsse. Wie bin ich es losgeworden? Langsam, stetig, fast unmerklich. Therapie, Meditation, Freundinnen und Rotwein. Wie auch immer. Dieses Gefühl, das mich bis ins Mark definierte: Es ist weg. Mein Leben hat sich geöffnet wie Blume, es ist voller Freude, voller Möglichkeiten.

Ja, natürlich habe ich hart dafür gearbeitet, einen hohen Preis dafür bezahlt. Doch das ist nicht wichtig. Ich habe das Schicksal versucht. Im wörtlichen Sinn, im besten. “Ist da noch was?”, habe ich gefragt. “Hast du eventuell vielleicht noch etwas anderes für mich auf Lager? Wartest du nur darauf, dass ich den Atem anhalte und springe?”

Zwei Tage später konnte Victor den rechten Arm nicht mehr heben und mein Computer hatte seinen inneren Psychedeliker entdeckt. Statt eines schwarz-auf-weissen Romanmanuskriptes präsentierte er mir nun flimmernde Streifen in den wildesten Farben. Das Leben bleibt nicht stehen, nur weil man einmal den Atem anhält.

Doch ich habe diesen Moment. Ich habe ihn behalten.