Hier schreibt die Chefin selber

Das werde ich wieder herzlich bereuen, aber ich habe sie euch versprochen: die erste Version der Szene am Bergbach. Damit ihr mal seht, wie ein Profi arbeitet:

Erika zögerte. Sie streckte einen Fuss aus. Der glatte, flache Stein wurde vom Wasser verschlungen. Zog sich zurück. Sie verharrte so den –fuss in der Kuft, Das wasser schien mit jedem Atemzug antzuschwekllken. Es überschwemmte den wacjeligen Weg, der sich fpür die anderen gebildewt hatte. Stein vpr Stein. Sie schaute zum andern ufer hinüber. Es schien weiter weg als noch vor einer Minute. Bald unerreichbar.

Max hatte sich von der Gruppe abgesetzt, abgewandt. er telefonierte. Sa Geschöft, dachte Erika. Marga, dachte Erika. (– Marga, wirklich???? )

Jetzt war sie die letzte, die joch am Ufer verharrte,. Ein Teild er gruppoe hatzte sich bereits in Bewegung gesetzt. Giovanni zählte die Teilenhmer mit dem Kinn, sie sah die rote <mütze auf und nierwippe, fünf, sech, sieben…. Er drehte sich zu ihr um. Der Rest der Gruppe drehte sich zu ihr um. Erika stand wie ein Wasservogel auf einem Bein, den Fuss in der Luft, unfähgi sich zurüchren. Sie kontne den Stein nicht mehr sehen, auf den sie den Fuss hatte sezten wollen. Max machte rudernde Bewegungen mit den Armen. Jemand rief etwas. Erika wollte sterben. Erika wollte weinen. Giovanni legte seinen Rucksack ans UZfer und kam zu ihr zurpck. Er ging durchs Wasser, als sei es gar nicht da. Er kümmerte sich nicht um steine und um trockene Stellen, er stapfte einfach durch den Bach, liess das kalte Wasser seine Schuhe fpllen, seine Socken tröänken, seeine Hosenbeine. Als er vor ihr stand, drehte er sich um. Er krümmte den Rücken. Streckte seine Hände nach hinten, nach ihr aus. Erika verstand nicht. Hilfesuchend schaute sie zu Max hinpber, der hatte sich schin wieder abgewandt. Zwei Männer waren schon auf dem Weg, die anderen schauten interessiert zu ihnen hinüber, eine Frau rief aufmunternd hinüber, los! Los! Giovanni wartete nur. Worauf? Dass sie auf seinen magerne alten Rücken klletterte?  Sie kicherte hilflos, winkte ab, dumnm von ihr, er konnte sie nicht sehen, nicht hören, das Wasser rauschte, er hatte ihr den Rücken zugewandt. Jetzt packte eine der alten Hände ihr Bein den Stoff ihrer Hose, zog sie näher. Sie Gab nach. Sioe groiff nach den hageren Schultern und sprang auf seinen Rcken wir ein KInd. Seine Arme schlangen sich um ihre Schenkel, hielten sie fest. Er senkte den Kopf, stapfte los, mitten durch das eiskalte rauschende Wasser das sich nicht vor ihm teilte. Erika schloss die Augen.

Ja. So sieht das aus. Beim Schreiben sind mir diverse Nebenstränge eingefallen (Marga, wirklich??), die ich mit Bleistift auf freifliegende Zettel notiert habe, während ich mit der anderen Hand weitertippte. So viele Worte, so wenig Zeit!

Schiesst nicht auf den Pianisten!

Das Beispiel ist so gut wie irgendeines: Erika-Fluss-Jesus. Die Szene, die mir in den Ferien eingefallen ist. Ich werde sie euch immer wieder mal vorführen, in allen Fassungen, angefangen bei der ersten Idee. Bis hin zur Szene im Buch. Wenn sie denn drin bleibt. Eingefallen ist sie mir am letzten Abend in der Hotelbar. Das ist kein Zufall. Denn sie hat mit einem Hotelpianisten zu tun. Vor ein paar Jahren war ich zu einer Hotellesung in Arosa eingeladen. Es war Frühsommer. Die Alpenrosen blühten. Meine Freundin Steffi, die dort für die Gästebetreuung zuständig war, hatte sich mit dem Barpianisten befreundet. Dieser, ein kleiner, drahtiger Mann um die sechzig, beschäftigte sich mit Naturheilkunde. Wenn er nicht in eleganten Hotelhallen aufspielte, lebte er bescheiden in einer Berghütte in…. weiss nicht mehr wo. Er trocknete und destillierte die auf seinen Tourneen gesammelten und rund um seine Hütte wachsenden Pflanzen und behandelte jeden, der bei ihm vor der Türe stand. Und zwar gratis. Auch in Arosa stand er früh auf, um die Pflanzen zu besuchen. Und Steffi kannte ihn gut genug, um ihn bitten zu können, uns einmal mitzunehmen.

Es war morgens früh um sechs. Wir trugen die hier übliche high-tech-Naturkleidung in bunten Schichten und spezielle Schuhe. Er, den ich nur im schwarzen Anzug kannte, stand mit nacktem Oberkörper vor uns. Er trug eine ausgefranste, abgeschnittene Hose, die mit einem Strick geschnürt war. An dem Strick hingen zahllose zerknitterte Plasticksäckchen, ein Messer. An den Füssen trug er schwere Lederschuhe, wie wir sie als Kinder zum Skifahren getragen hatten. Wortlos zog er los, wir folgten ihm. Er verliess bald den Weg, bückte sich manchmal nach einer Pflanze, rieb ein Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger, roch daran. Selten schnitt er einen Stengel ab, steckte ihn in eine seiner kleinen Tüten. Wir redeten wenig, hatten keine gemeinsame Sprache. Die Sonne ging auf. Die Alpenrosen entrollten sich wie ein rosa Teppich die grünen Abhänge hinab. Dazwischen lag Schnee. Alter, harter, schmutziger Schnee. Wir kamen an einen Fluss. Ok, an einen Bach. Einen Bergbach. Der geschmolzene Schnee hatte ihn anschwellen lassen. Unser Führer ging durch das Wasser, als sei es gar nicht da, ohne seinen Schritt zu verändern. Steffi, die sportliche, berggängige suchte nach vorstehenden Steinen und sprang sicher von einem zum anderen ans Ufer. ich blieb stehen. Zögerte. Je länger ich in das Wasser schaute, desto mehr wurde es. Unüberquerbar. Ich wollte schon hinüberwinken, dass ich umkehren würde, da sah ich den Pianisten zurückkommen. Er blieb vor mir stehen, drehte sich um, die Lederstiefel im kalten Wasser, mit Wasser gefüllt. Er krümmte seinen mageren Oberkörper, streckte seine Arme nach hinten. Ich verstand nicht. Ich schaute zu Steffi hinüber, die mit den Achseln zuckte. Der Mann streckte seine Arme noch weiter nach hinten, schnippte aufmunternd mit den Fingern – ich sollte auf seinen Rücken klettern? Ich? Die ich grösser und schwerer und jünger war als er? Da hatte er mich schon gepackt und zu sich gezogen. Seine Knie sanken noch etwas tiefer, und dann kauerte ich auf seinem knochigen Rücken, klammerte mich an seine Schultern. Seine Hände hielten meine Beine fest und so überquerten wir den reissenden Fluss, der in Wirklichkeit nur ein Bergbach war. Auf diesen wenigen Schritten überschwemmte mich erst die Scham, dann etwas anderes, das ich nicht benennen konnte, und als er mich auf der Wiese absetzte, weinte ich. Der Mann stapfte ungerührt weiter.

“Wie der heilige Christopherus mit dem Jesuskind”, murmelte Steffi, die auch Tränen in den Augen hatte.

Was da passiert ist, ich weiss es nicht. Ich weiss es erst, wenn es Erika passiert. Fortsetzung folgt.

Die Genussprobe

 

Zwei Frauen, zehn Paar Schuhe, zwei Computer: Das sind “Unvollendete Ferien”. Das Konzept für das nächste Programm steht schnell fest. “Die Unvollendeten In Love!” Nicht über Beziehungen wollen wir reden, nicht über den Geschlechterkampf, nein, über die Liebe. Hahahahaha! Unser Konzept hat etwas wild entschlossen verzweifeltes, und vielleicht auch etwas von self fulfilling prophecy, hoffentlich. Jedenfalls geht uns der Gesprächststoff eine Woche lang nicht aus, auch nicht am einzigen sonnigen Tag unseres Aufenthaltes, an dem auch obiges Bild geschossen wurde.

Mit mir unterwegs waren auch Nevada, Dante, Erika und Suleika – nein, Gise, Jean-Luc (Erikas Vater) ziert sich noch. Dafür hat sich Max in den Vordergrund gedrängt, Erikas gemeiner Exmann. Gar keine schöne Ferienbegleitung! Und Claudine, nein, Poppy ist auch nicht mitgekommen: Sie hat mich gleich als Erste verlassen, nachdem ich die “Montagsmenschen” abgegeben hatte. Das tun die meisten Romanfiguren. Es ist immer ein wenig schmerzhaft, aber ich sage mir, es sei ein gutes Zeichen: Sie sind versorgt. Dass mir eine so hartnäckig auf den Fersen hockt wie Nevada, ist selten. Eigentlich hockt sie mir auch gar nicht auf den Fersen, sondern hinter dem linken Ohr.

Morgen muss ich meinem Verleger eine “Tendenzmeldung” durchgeben: Wird der Roman (merkt ihr was? Ich nenne es nicht mehr “das Wasimmer” sondern “den Roman”!) noch dieses Jahr fertig werden? Mit fertig ist die erste Fassung gemeint. Und ein Erscheinungtermin in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres. So lange dauert das. Und ja, ich bin bis Mitte 2015 verplant, aber bevor ich mir deswegen leid tue, denke ich an meinen Sohn, der ist das schliesslich auch. Und überhaupt die meisten Menschen. Und die, die es nicht sind, wären es gern. Auf der anderen Seite entscheidet man sich nicht für den Wahnsinn des freien “Wasimmer”, wenn man gern vorausplant.

Item. Anyway. (Das ist übrigens ein Zitat. Meine kalifornisch-bernerische Freundin und Yogalehrerin Katchie, die beim Unterrichten gern die Sprachen vermischt, sagt immer wieder unvermittelt: “Item – this is berndüütsch for anyway -…”

Eben. Also. In den letzten beiden Monaten hab ich wieder erschreckend deutlich gesehen, wie fahrlässig und meist vollkommen sinnlos ich mich selber unter Druck setze. Und was dabei herauskommt. Deshalb hab ich die ganze Woche lang KEINE ZEILE geschrieben. Am Roman. Ich wollte sehen, was passiert. Wenn ich mich nicht um sie kümmere, um Nevada und Dante und Erika und Suleika und den fiesen Max. Wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige. Mit unserem neuen Programm. Die Liebe ist schliesslich auch ein grosses Thema im Roman – werden die Gedanken, die Erinnerungen, die Szenen, die Bilder nun einfach in die Unvollendeten fliessen? Löst sich das Thema auf? Beide Ausdrucksformen, so unterschiedlich sie sind, nähren sich schliesslich vom selben kleinen Tümpel meines Erlebens.

Ein paar Tage lang spielte ich die Möglichkeit im Kopf durch. Ich formulierte die Mail: Tut mir leid, der Roman hat sich aufgelöst. Ich melde mich, wenn ich wieder mal eine Idee habe! 

Ich gebe zu, die Vorstellung hatte etwas Verlockendes. Ein Roman verschlingt das Leben von aussen nach innen, wie eine Riesenschlange, die sich um einen wickelt, langsam, langsam, unaufhaltsam – ich entschuldige mich für das Bild, ich hab so was mal in einer Fernsehserie gesehen. Irgendwelche Aerzte in einem unbestimmten lateinamerikanischen Dschungel versuchten einen verletzten Wanderer aus so einem Teil zu schälen, vergeblich. Doch ich spielte mit dem Gedanken, wie ich als Kind davon geträumt hatte, am Ende der Ferien eingeschneit zu werden: im Wissen, dass es eine Phantasie war. Denn meine Figuren, meine Geschichte, liessen mich keine Minute los. Auch wenn ich keine Zeile schrieb.

In der Fernsehserie löste sich die Schlange plötzlich und blitzschnell von selber, als sie den VErletzten über einen Fluss trugebn, und gliott ins Wasser. Der Verletzte verblutete, ohne den konstanten Druck, an seinen inneren Verletzungen. die Schlange hatte ihn von aussen zusammengehalten.

Das hat jetzt keinen Zusammenhang.

Am letzten Abend sassen wir in der Hotelbar und hörten schauderhafte Musik und irgendwann nahm ich mein blaues Büchlein hervor, meinen Bleistift, und schrieb: Erika – Fluss – Jesus.

Sibylle drehte das Heft zu sich, las und sagte: Ah.

Unvollendet unterwegs

 

Charterflug, Halbpension, Swimmingpool: Ich mache Ferien. So wie normale Leute Ferien machen. Es muss ja nicht immer anstrengend sein. Erinnere mich plötzlich, wie ich mit einem bauchwehkranken Eineinhalbjährigen unter dem Arm und einem weinenden Achtjährigen an der Hand durch die Strassen eines Aussenquartiers in Sharm el Sheik irrte – wir waren bei Freunden zu Besuch, einem Fotografenpaar, die ein schönes Haus an der Küste hatten. Doch der Abhang zum Meer war steil, es gab keinen richtigen Weg hinunter, der Einstieg ins Wasser über die Korallen schwierig. Mehr als einmal dachte ich sehnsüchtig an die Hotelkästen im Ort, die aufgeschaufelten Sandstrände – was könnte man da mit zwei Kindern gemütlich Ferien machen! Natürlich sprach ich diese Gedanken nicht aus, sie hätten mir die volle Verachtung der Künstler eingebracht. In Hotelkästen macht man Ferien. Wir aber reisten.

Der Kleine hatte Durchfall. Der Grosse Angst vor den scharfen Steinen. Die Wickeltasche war schnell leer. Ein tropfendes, schreiende Bündel unter einem Arm, einen quengelnden Buben an der anderen Hand, stapfte ich zum Haus hinauf. Die anderen blieben am Strand. Das Haus unserer Freunde war abgeschlossen, eine Gruppe alter Männer hütete den Eingang. Ich versuchte, mich ihnen verständlich zu machen. Ein Blick auf die tropfende Windel genügte, die Tür war offen, sie stoben auseinander.

Muss es wirklich immer so anstrengend sein, dachte ich.

Später am Abend sassen die Erwachsenen draussen unter dem Sternenhimmel und diskutierten, während ich versuchte, das kranke Kind zu beruhigen. Nach zwei Stunden gab ich auf und tat mit dem brüllenden Baby im Arm in die Fotografenrunde. Die erwachsenen Gespräche verstummten, irritierte Blicke trafen mich.

“Milena, it’s just a baby!” rügte die kinderlose Hausherrin.

Wäre mein Leben eine Geschichte, hätte ich in diesem Augenblick Kinder und Koffer gepackt und wäre zu Fuss in den nächsten Hotelkasten gepilgert. Dort hätte ich ein buntes Getränk mit aufgespiessten Kirschen bestellt und mit dem Bademeister angebandelt. Vielleicht wäre die Gastgeberin am nächsten Tag auf eine giftige Koralle getreten. Aber mein Leben ist keine Geschichte, und so dauerte es halt noch sechzehn Jahre, bis ich richtige Ferien buchte.

Achja, Erika, Suleika, Dante und Nevada kommen auch mit. Ausserdem jemand, der vielleicht Jean-Luc heisst. Und Erikas Mutter Marylou wird sich wohl auch nicht so einfach abschütteln lassen.

Und natürlich Sib the Grill Girl: Sie ist allerdings eine real existierende Freundin. Und meine Bühnenpartnerin. Und weil Ferien und Arbeit sich bei uns Freischaffenden nicht ausschliessen, werden wir am Swimmingpool liegend, Drinks in der Hand, auch noch gleich unser neues Programm zufadenschlagen: Die Unvollendeten in Love.

Kaugummi von der Strasse

 

 

 

 

 

 

 

“Wenn du schreiben willst, musst du eine unglückliche Kindheit gehabt haben”, sagte der Student, mit dem ich in meiner ersten WG zusammenwohnte. Wir waren drei Buchhändlerstifte und ein Student. Wir gingen arbeiten, er machte den Haushalt. Ich war vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, allein mit drei Männern. Sie vergassen bald, dass ein Mädchen unter ihnen war, behandelten mich wie einen von ihnen. Das ging so weit, dass ich an einer Party einen jungen Mann im Bad einsperrte, damit einer meiner WG-Kollegen sich an seine Freundin heranmachen konnte. “Du bist total vermännlicht”, entsetzte sich eine Freundin, und von da an verbrachte ich die Wochenenden unter Frauen. Aber ich bin schon wieder abgeschweift. Ich wusste damals schon, dass ich eigentlich Schriftstellerin werden wollte. Das muss ich auch ganz offen erzählt haben, obwohl ich in meiner Erinnerung immer zu schüchtern dazu war. Aber wir haben schliesslich darüber gesprochen. Der Student hatte selber mit dem Gedanken gespielt, zu schreiben, hatte sich aber dagegen entschieden. Er habe nichts zu erzählen, sagte er. Ein Schriftsteller müsse zwingend eine unglückliche Kindheit gehabt haben, in materieller Armut oder emotionaler Verwahrlosung oder beidem aufgewachsen sein. Das Schreiben, sagte er, sei nichts anderes als ein immer wieder neues Aufkratzen dieser alten Wunden. Sie zum Bluten zu bringen, auf dass sie Geschichten absondern. “Ohne Verletzungen keine Geschichten”, sagte er. Seine vergleichsweise glückliche Kindheit mache ihm vielleicht das Leben leichter, den Traum von der Schriftstellerei aber unmöglich: “Dass ich als Kind Kaugummi von der Strasse gekratzt habe, gilt in diesem Zusammenhang nicht!”

Nun hätte er natürlich die Möglichkeit gehabt, sich als Erwachsener ins Unglück zu stürzen - wie so viele andere behütet aufgewachsene junge Menschen auf der Suche mehr, nach Intensität, nach Substanz, nach erzählenswerten Erlebnissen es tun. On the road, wie war das noch gleich? Sex, Drogen, Kerouac! Er erwog diese Möglichkeit ganz ruhig, am Küchentisch sitzend, rauchend – zu anstrengend, beschied er. Ich bewunderte ihn dafür. Dieser Selbsterhaltungstrieb fehlte damals vielen. Wir fanden es irgendwie aufregend, unglücklich zu sein. Es war vor allem anstrengend.

Wer nichts erlebt, hat nichts zu erzählen – stimmt das? Stimmt das nicht? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass jeder Schriftsteller in seinen eigenen Worten ein ähnliches Lebensgefühl beschreibt. Diese ganz frühe Gewissheit, nicht dazu zu gehören. Nicht zu sein wie die anderen. Aus Versehen auf dem falschen Planeten gelandet zu sein, oder, schlimm genug, in der falschen Familie. Das Leben der anderen wie durch eine docke Glasscheibe zu betrachten. Dieses verzweifelte Bemühen, herauszufinden, wie es die anderen machen. Wie sie funktionieren, miteinander Verbindung aufnehmen, wie sie leben. Sie ständig genau zu beobachten, sich selbst zu beobachten, ist eine Notwendigkeit. Ist überlebenswichtig. Diese Beobachtungen aufzuschreiben, ist der naheliegende nächste Schritt. Der Schriftsteller ist nie ganz bei sich, er steht im Gegenteil immer einen Schritt neben sich. Der Zugang zum Hier und Jetzt bleibt ihm verwehrt, da kann er lange mit dem Bleistift anklopfen.

Mein WG-Partner hatte Recht und Unrecht zugleich. Die Wunde, in der der Schriftsteller mit seinem Bleistift stochert, ist keine sichtbare. Und keine, die man sich im Nachhinein zufügen kann.

Ich habe meine Kindheit nicht per se als unglücklich erlebt, ich war einfach ein sehr unglückliches Kind. Warum? Warum nicht. Mein Bruder, in derselben Familie aufgewachsen, beschreibt seine Kindheit als glücklich. Schriftsteller ist er trotzdem geworden.

 

Reinkarnation eines Textes

Gestern hab ich was Schönes erlebt: An einem Jugendfilmfestival wurde “Angebrannte Fischstäbchen” von Bettina Setz gezeigt. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von mir, die vor über 22 Jahren erschienen ist. Trotzdem lief der Film in der Kategorie U-19. Die Regisseurin ist also jünger als der Text. Es war ein seltsames Gefühl, da im Dunkeln zu sitzen, auf einem natürlich total unbequemen Stuhl, und zu warten. “Mein” Film lief erst gegen Ende des Abends. Ich war ein bisschen nervös. Ich wusste nicht, was mich erwartet, und damit meine ich nicht den Film, sondern ich wusste schlicht nicht mehr genau, wie diese Geschichte ging. Fischstäbchen wusste ich noch, klar, und dass jemand in einem Radiostudio zwischen schweren Archivregalen erdrückt wurde. Aber wer? Warum? Keine Ahnung. Am selben Morgen hatte ich im Radiostudio in Zürich eine neue Staffel Morgengeschichten aufgenommen, und mich an diese Regale erinnert, ich wollte eigentlich nachfragen, ob die überhaupt noch existieren, doch dann reichte die Zeit nicht mehr. Jetzt sass ich im Dunkeln und fragte mich, ob Bettina irgendwo solche Regale zum Filmen gefunden hatte. Ich dachte an die Zeit, in der ich die Geschichte geschrieben hatte und wusste noch genau, wo alle Einzelheiten herkamen – nur nicht mehr, was ich daraus gemacht hatte.

Das fand ich interessant. Denn meist halte ich das Geschriebene für realer als die Realität. Diese scheint sich aber trotz allem zuverlässiger zu verankern. Als ich diese Geschichte schrieb, wohnte ich mit der Kinderbuchautorin Katja Alves zusammen, die damals bei Radio DRS arbeitete. Sie erzählte mir von diesen schweren Archivregalen, die sich gegeneinander zu und voneinander weg bewegen liessen. So könnte man jemanden umbringen, dachte ich sofort, so dachte (dachte? denke!) ich halt. Und wir malten uns auch gleich genüsslich aus, wem dieses Schicksal ganz recht geschähe. Es fehlte uns nicht an Kandidaten, und wenn ich Kandidaten sagte, meine ich selbstverständlich auch Kandidatinnen. In Wirklichkeit gibt es natürlich eine Sicherheitssperre, die das verhindert. Keine meiner Mordmethoden funktioniert real. Zur Nachahmung nicht empfohlen. Aber darum geht es auch nicht.

Wir waren dramatische junge Damen, Katja und ich. Wir waren damals alle dramatisch. Es entsprach dem Zeitgeist. Oder unserem Alter. Wir waren allerdings deutlich Ü-19. Aber irgendwie weniger fokussiert und klar als die jungen Filmemacherinnen und Filmemacher, die gestern im Theater der Künste in Zürich auf der Bühne standen. Wie erwachsen sie mir alle schienen!

In unserer Küche hing damals eine Tafel, auf der “Hass-Charts” stand. Wir liebten es, nach einem unangenehmen Telefon in die Küche zu stürmen und wortlos die Tafel auszuwischen, einen neuen Namen auf Platz eins zu setzen, schnaubend, die Augen rollend, wortlos. Wartend, dass die andere aufspringen und ebenso dramatisch rufen würde: “Der Hund! Was hat er getan?” Und wir assen Fischstäbchen. Fischstäbchen mit Kartoffelstock waren Katjas Leibgericht. Und das meines älteren Sohnes, der damals schon auf der Welt war. Ja, ich war jung und unvernünftig und dramatisch und schon Mutter….

Wann habe ich eigentlich zuletzt Fischstäbchen gegessen, dachte ich, im Dunkeln sitzend, und dann fing der Film an. “Die Fischstäbchen sind angebrannt”, sagte vorwurfsvoll ein junger Mann. Genau! Dann fuhr eine junge Frau im Auto durch die Nacht. Ihre Stimme sprach aus dem Off ihre Gedanken aus. Ich erkannte ihre Worte als meine. Obwohl es so lange her ist, dass ich sie geschrieben habe. Obwohl ich heute ganz anders schreibe. Ein eigenartiges Gefühl. Wie wenn man man ein uraltes Foto von sich selber anschaut, ein bisschen gerührt, ein bisschen irritiert. Man schüttelt den Kopf und weiss doch noch, wie toll man diese Pudeldauerwelle damals fand, diese hochgekrempelten Hosenbeine. Manchmal musste ich lachen. Ich erkannte die Sprünge, die meine Gedanken machen, wieder. Sie rührten mich.

Es ist eine Frau, die zwischen den Regalen zerquetscht wird. Es ist also total unfair, dass mir das Etikett der männermordenden Schriftstellerin immer noch anhaftet. Dies nur nebenbei. Ob sie es verdient hat, so zu sterben, weiss ich nicht, aber dass die Erzählerin nicht anders konnte, das leuchtet mir heute noch ein.

Die Geschichte hat übrigens ein Happy End.

Mehr über den Film hier: http://www.studentfilm.ch/aktuell/tags/Angebrannte-Fischstäbchen/

Und, wen es interessiert: In derselben Küche kam mir auch die Idee zur Mordgeschichte “Die Einladung”…

Schneebedeckte Erika

Es ist nicht leicht, eine Romanfigur zu sein. Den Launen, den unbewussten Impulsen der Autorin wehrlos ausgeliefert. Das fängt schon bei den Namen an. Nevada, die Schneebedeckte. Erika, das Heidekraut. Suleika – dafür gibt es keine Erklärung – Suleika, warum? Der Name hat sich aufgedrängt.

“Warum geben Sie ihren Figuren immer so lächerliche Namen?”, fragte ein Herr an einer Lesung und er meinte es nicht böse, er fragte aus echtem, vielleicht sogar wissenschaftlichem Interesse. Will ich mit diesen seltsamen Namen etwas ausdrücken? Will ich meine Figuren in ein ironisches Licht stellen? Dem Leser zu verstehen geben, dass er sie gar nicht ernst nehmen muss?

Nichts läge mir ferner. Aber was ist es dann?

“Sie hätten mal mein letztes Buch lesen sollen”, gab ich patzig zurück, um eine richtige Antwort verlegen. Mimosa Mein, das Alter Ego von Milena Moser – dicker könnte man es nicht mehr auftragen. Wie oft habe ich versucht, diesen Namen zu ändern – ich konnte es nicht. Ebensowenig wie Suleika sich ersetzen lässt. Poppy hingegen hiess in der ersten Fassung Mandarina – einige mögen finden, das wäre auch nicht schlimmer gewesen. Wie ich auf Mandarina gekommen bin, weiss ich schlicht nicht mehr. Doch Poppy, der Mohn, ist meine Lieblingsblume (“Wir Kinder im Juli geboren, wir lieben den Mohn und den… irgendwas irgendwas… Wir gehen in blühenden Gärten hin, still und in schwere Träume verloren…. irgendwie irgendwie..”) Das zerzauste, windverwehte, unbeständige seiner Blüte passt zu der Figur. Dann gibt es noch die kleine, orangefarbene California Poppy, die für meine zweite Heimat steht und die man – jetzt merk ich es erst – auch gut als mandarinenfarben beschreiben könnte. Dieses satt leuchtende Orange ist ausserdem die Farbe, die dem zweiten Chakra zugeordnet wird, da, wo die Identität verankert ist oder eben nicht. Ha! Je länger ich darüber nachdenke, desto ausführlicher kann ich meine Namenswahl begründen. Nur – muss ich es überhaupt? Will ich es? Ist es wichtig?
Die seltsamen Namen sind ja noch die kleinsten Lasten, die ich meinen Figuren auflade. Skrupellos, hemmungslos teile ich aus, was mich beschäftigt. Die persönliche Verletzung, mit der ich gerade hadere, die widerstreitenden Emotionen, die aus dieser neuen alten Wunde quellen, auch die Erschöpfung, die mich in den letzten Wochen wieder überrollt hat – das alles packe ich in Worte, schnüre es in Sätze, binde es meinen Figuren auf den Rücken. Ungerührt sehe ich zu, wie sie sich unter meinen Lasten krümmen. Tough luck, denke ich. Warum soll es euch besser gehen als mir?

Denn es ist ja nicht so, dass ich diese Gefühle loswerde, sobald sie auf meine Figuren verteilt sind. Dass die Wunde in meinem Herzen zuwächst, wenn ich das Messer eiskalt in Erikas Mitte gerammt habe. So ist es nicht. Leider nicht. Nicht sofort? Ich sehe nur, wie meine Wunde bei Erika, meine Müdigkeit bei Nevada andere Formen annimmt. Andere Folgen hat. Und sich so von meiner löst. Das gilt auch für die schönen Dinge – dieselbe Meditationstechnik bewirkt bei Dante etwas anderes als bei mir. Es verteilt sich nicht nur das Leiden, auch das Glück. So wird meine Geschichte zu vielen anderen Geschichten, und bleibt doch meine. Eine Schriftstellerin lebt neun Leben. Gleichzeitig.

Ach, und noch etwas: Im Moment habe ich alle zwei Tage das Gefühl, den roten Faden, die Struktur meiner Geschichte zu erkennen. Ihr erratet es: diese sich abzeichnende Form ist jedesmal eine andere…

 

Sprache: Pro und Kontra

Es ist immer dasselbe. Kaum fasst man den Beschluss, regelmässig viel zu schreiben, bricht das ganze Leben über einem zusammen. Das ist ein Naturgesetz. Ich nenne es “Das Kleingedruckte” und künde es zu Beginn jedes längeren Kurses an: “Wundert euch nicht”, sage ich, “wenn genau in diesem Monat/in diesem halben Jahr alles drunter und drüber geht.” Die Teilnehmer runzeln die Stirn, haben sie doch extra Platz geschaffen in ihrem Leben. Für diesen Kurs. Für das Schreiben. Warum sollte da etwas dazwischenkommen? Andere nicken, sie haben es in den letzten Tagen schon gemerkt, plötzlich grabscht die Arbeit, die Familie, die Gesundheit mit eifersüchtigem Klammergriff nach einem. Ausgerechnet jetzt. “Das ist normal”, sage ich, was niemanden beruhigt. (Kleiner Gedankensprung zurück an eine Hochzeit vor vielen Jahren. Der Bräutigam – heute der glücklichste Ehemann von allen – war blass und schweissgebadet und von Zweifeln geplagt. “Das ist ganz normal”, sagte ich, und er: “Sorry, Milena, aber “normal” bedeutet aus deinem Mund rein gar nichts!”)

Zuverlässig erwischt es uns, einen nach der anderen. Und so auch mich. Es scheint, als bäume sich das Leben gegen das Schreiben auf: “Und ich?” brüllt das Leben. “Hallo?”

Ich lese gerade ein wunderbares Buch von Tim Parks, einem britischen Autor, der mir bisher immer zu geistreich, zu brillant, zu distanziert war. In diesem autobiographischen Werk “Teach us to sit still” beschreibt er, wie er von einem nicht diagnostizierbaren Blasenleiden in die Knie gezwungen wurde. Im wörtlichen Sinn. Auf den Boden, auf das Kissen. Die Beschreibung seiner Beschwerden ist so detailliert, so genau, dass sie fast nicht auszuhalten ist. Wenn ich das lese, denke ich, ich müsse mir nie wieder Gedanken darüber machen, ob ich zu viel von mir preisgebe….

Sein Leidensweg führt über viele Stationen, bis er schliesslich in einem Meditationszentrum auf einem Kissen sitzt. Was er da erlebt, ist keine Wunderheilung, keine Erleuchtung, sondern nur (nur!) die mutige, genaue, gnadenlose Auseinandersetzung mit sich selbst. So präzise wie seine körperlichen Schmerzen beschreibt Parks die Erleichterung, die ihm diese regelmässigen Momente der Stille verschaffen.

Ich kenne diese Momente. Ich erkenne meine Momente in seiner Beschreibung – und finde damit auch wieder die Bestätigung, ja, wir sind alle eins. Doch das Interessanteste an diesem Bericht ist für mich seine Auseiandersetzung mit der Sprache. Er ertappt sich dabei, wie er jede Empfindung sofort in Worte fasst, diese Worte dann hin und her schiebt, bis ihre Abfolge perfekt scheint. Er feilt an den Sätzen, er baut eine Geschichte. Tagelang poliert er Inhalt und Wortlaut einer Frage, die er dem Meditationslehrer stellen will, oder er entwirft einen immer geschliffeneren, immer schärfer formulierten Beschwerdebrief an die Organisatoren des Kurses. Doch je länger er sitzt, desto weniger Sinn ergeben die Worte, die Worte, die doch seine Identität ausmachen. Als er endlich vor dem Lehrer sitzt und seine Frage stellen darf, an der er drei Tage lang gearbeitet hat, springt nur ein krächzender Frosch aus seinem Hals.

Tim Parks fragt sich, ob er glücklicher wäre, wenn er nicht schreiben würde. Das erschreckt mich derart, dass ich das Buch zuklappe und aufstehe. Das Schreiben ist seit Kindheit mein mein Rettungsanker: Etwas passiert. Etwas Schönes, etwas Schlimmes. Es beschäftigt mich. Es überwältigt mich. Also fasse ich es in Worte. Ich drehe die Worte hin und her, ich stutze sie zurecht, bis ich das, was ich beschreibe, erkennen und einordnen kann. Über den Umweg der Sprache.

Seit einer Weile habe ich diesen zweiten Rettungsanker, vielmehr ein Rettungsboot, ein ankerlos schaukelndes: mein Kissen. Ich setze mich hin und atme, und das, was mich überwältigt, überwältigt mich. Überschwemmt mich. Verzieht sich wieder. Löst sich auf.

Kommen sich diese beiden Mechanismen in den Weg? Kann ich aus dem, was mich beschäftigt, immer noch eine Geschichte machen, wenn ich gleichzeitig versuche, es auf dem Kissen sitzend aufzulösen?

Denn glaubt mir, es gäbe eine gute Geschichte….

 

Endemärzfeier!

Magdalena: The end of March; the Ides of March? Thursday 400, Friday none, Saturday 1600 plus however many I’ll need to explain why she finally didn’t die, but chose life. Here’s to my heroine! Warts and all!

MIlena: Hoch soll sie leben, dreimal hoch!

Magdalena: How does your month feel?

Milena: …

Ich habe heute mit meinen tapferen Durchhaltenden die Übung gemacht, die ich “Den Überblick” nenne. Die besteht ganz einfach darin, dass man das, was man schon hat, auf bunte Kärtchen notiert, sortiert nach Erzählebenen, nach Figuren, Zeitebenen, was immer. Die Kärtchen dann ausbreitet und mit ihnen spielt, und zwar ohne auf den Inhalt zu achten, nur auf den Ablauf der Farben. Ich habe nicht gelesen, was ich geschrieben habe. Ich habe jedem Tag einen kurzen Titel gegeben, der einer Zusammenfassung gleichkommt, zum Beispiel “Tagebuchjammern Überforderung” oder “Nevada lernt Dante kennen”. So konnte ich mir leicht einen allgemeinen Überblick über das Vorhandene verschaffen, ohne es durchlesen zu müssen – dass noch keine Zeile “schön” geschrieben ist, weiss ich ja. Es ging mir mehr um den Inhalt – wie passen die Puzzlesteine zusammen, die Mosaiksplitter, die ich von den einzelnen Figuren gesammelt habe? Wenn überhaupt? Was ich schon in den letzten Tagen gespürt habe, hat sich bestätigt: Das, was ich so wild, so unüberlegt, so verzweifelt auch aufs Papier geworfen habe, passt am Ende besser als das vergleichsweise bewusst als möglichen Roman geschriebene vom Anfang (dieses Monats und noch weiter zurück). Plötzlich habe ich Erika wieder gefunden, meine ursprüngliche Hauptfigur. Ich weiss jetzt, warum sie so ist, wie sie ist. Ich sehe die Kette, die sie mit ihrer Tochter verbindet und mit ihrer Mutter, diese Kette ist hässlich und schwer, aber ich denke, sie werden sie abschütteln. Dann ist da die Geschichte von Nevada und Dante – eine Liebesgeschichte zwischen zwei Versehrten. Dante wird wieder gesund. Nevada nicht.

Merkt ihr was? Ich denke schon wieder, ich schreibe eine Liebesgeschichte. Das denke ich am Anfang immer. Bisher ist es nie eine geblieben. Aber alles ist immer noch möglich.

Diese beiden Stränge sind nur dadurch miteinander verbunden, dass Erikas Tochter mit dem leidigen Namen Suleika eine Yogagruppe für junge Mädchen besucht, die von Nevada angeleitet wird. Es kann auch sein, dass diese Verbindung zu dünn ist, dass sie nicht hält, dass die beiden Geschichten wieder auseinanderdriften. Das weiss ich jetzt noch nicht. Und wenn? Dann hätte ich zwei Geschichten statt einer. Gschäch nüt schlimmers!

Was die Zeichen angeht, habe ich mein Ziel weit verfehlt. Inhaltlich habe ich Schallmauern durchbrochen. Und interessanterweise ist mehr Brauchbares herausgekommen, als ich mein Ziel aufgegeben habe. Es sei denn, mein eigentliches Ziel war es, bald Magdalenas Roman lesen zu können …!

Und morgen? Schreibe ich weiter.

 

Vorletzte Lockerung

Eciture Automatique schön und gut, sagt Beatrice, aber das kann man doch niemandem zumuten.

Kann man nicht? Was ist mit Breton, Serner, Tzara, Kerouac? Was wäre die Literatur ohne Dadaismus, Surrealismus, Beatliteratur?

Wie genau diese Technik entstanden ist, wo sie herkommt, vom Schamanismus, Okkultismus, aus der Psychologie, ob Serner und Tzara (in Zürich? Im Café Odeon) vor oder nach Breton und Soupault damit spielten, ist eigentlich egal. Fest steht, das mit dieser Methode das Denken ausgeschaltet wird. Oder mindestens überlistet. Die Methode ist unberechenbar, das Ergebnis unter Umständen durchaus eine Zumutung, auch das beschreibt Beatrice wunderbar eindrücklich: zuerst für einen selbst. Dem so Geschriebenen kann man nicht ausweichen. Es hat eine brutale Kraft, eine Rohheit, es kann aber auch von unbeschreiblicher Leichtigkeit sein, von schillernder Schönheit. Es wäre auf keinen Fall entstanden, wenn man den Schreibprozess kontrolliert hätte. Wir können versuchen, uns zu schützen. Vor dem, was auf das Papier drängt. Wir können versuchen, kontrolliert zu schreiben, nichts falsch zu machen, nichts preiszugeben – nur, warum? Warum schreiben wir?

Beatrice, danke für deinen Kommentar und den Denkanstoss!

Der Dichter kräht, flucht, seufzt, stottert, jodelt, wie es ihm paßt. Seine Gedichte gleichen der Natur. Nichtigkeiten, was die Menschen so nichtig nennen, sind ihm so kostbar wie eine erhabene Rhetorik; denn in der Natur ist ein Teilchen so schön und wichtig wie ein Stern, und die Menschen erst maßen sich an, zu bestimmen, was schön und was häßlich sei - Hans Arp

Die von mir sonst heiss verehrte Dorothy Parker sagte in einem Radiointerview: “Ach, diese jungen Leute, diese Beatpoeten, das mag ja ganz lustig sein, aber Literatur ist das nicht. Schreiben können die nicht.” Das erinnerte mich, ohne mir einen Vergleich anzumassen, an einen meiner Absagebriefe: Das sei ja alles ganz lustig, man habe es wirklich gern gelesen, aber Literatur sei das nicht! “Sie werden nie ein Buch veröffentlichen!” – vom Rowohlt Verlag, der später meine Krösus-Titel aufkaufte.

Ich meine nicht, ich sei Kerouac. Ich meine nur: Die Wahrhnehmung dessen, was zumutbar ist, verändert sich auch. Mit der Zeit. Mit dem Abstand. Ob das, was ich in diesem Monat von Hand und mit verbundenen Augen geschrieben habe, zumutbar ist – für mich erst einmal, für meine Romanfiguren dann, zuletzt für eine Leserschaft, das weiss ich jetzt noch nicht. Das kann ich jetzt noch nicht wissen. Ich weiss nur, dass etwas da ist, was vorher nicht da war.

25.3. Null, 26.3. 3871, 27.3. 8211, 28.3. Null

Magdalena: Saturday 1,000, Sunday 1,500, Monday 0,Tuesday 1,400
Wednesday: hours and hours. I’m glad it’s getting toward the end. I want to write a book about sailing the tropics!

auf den marmeladegürtel turnen/ hinein ins Abendrot/ glitzerblöde affenbolde… - Hans Arp, Tristan Tzara und Walter Serner, Die Hyperbel vom Krokodilcoiffeur und dem Spazierstock

Les torpeurs se déployaient comme la buée
Au Chien qui fume
Ou venaient d’entrer le pour et le contre -André Breton, Le Tournesol



 

The only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn, like fabulous yellow Roman candles exploding like spiders across the stars, and in the middle, you see the blue center-light pop, and everybody goes ahh…” - Jack Kerouac, On the Road