Es ist Samstag, ich lese die Kolumne von Frau Roten im Magazin: Sorry, sagt sie, sie sei dann mal weg. Für die nächsten drei Monate schreibe sie keine Kolumne. Ich lasse das Heft sinken. Keine Kolumne? Wie geht das? Wie schreibt man drei Monate lang keine Kolumne? Ist es dann überhaupt noch eine Kolumne? Ich tue, was ich in solchen Momenten existenzieller Verwirrung immer tue: Ich rufe das grosse, allmächtige Netz an. Ich bitte um Antworten. Und finde viele. Finde heraus, dass es durchaus üblich ist, regelmässige Kolumnen zu unterbrechen. Wegen Krankheit und Tod, während der Babypause oder einfach, weil die Kolumnistin Ferien macht. Na, so etwas! Warum hat mir das niemand gesagt? Schlimmer, warum bin ich selber nie auf eine solche Idee gekommen? Was sagt das über mich aus? Bin ich ein Workoholic?
Bevor ich auf diese Frage eine schlüssige Antwort finde, fahre ich nach Winterthur, wo wir noch einmal autreten, Sibylle und ich. Zu Lesungen erscheine ich immer erst eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn. Im Theater ist das anders. Da muss man Stunden im Voraus zum Soundcheck antreten, zur Lichtprobe, dann etwas essen, wenn man kann – hier zeigt sich, wer Bühnenerfahrung hat: Die, die etwas isst. Garderobe, umziehen, schminken, noch mal den Text anschauen…. Auf meinem Schminktisch steht mein Laptop aufgeklappt. Sibylle runzelt die Stirn. “Du bist ja ganz woanders!” Ich schreibe vor der Vorstellung noch schnell eine Kolumne, die ich auf der Zugfahrt zwischen Aarau und Winterthur angefangen habe. Meine Kolumne fällt nicht aus. Ich schreibe sie vor. Man weiss ja nie. Früher hatte ich immer mindestens einen Text in Reserve, in den letzten Monaten habe ich das nicht mehr geschafft. Oder nicht mehr für nötig gehalten?
Ich habe mich an den wöchentlichen Rhythmus gewöhnt. Anfangs dachte ich, ich würde ihn höchstens ein Jahr durchhalten. Jetzt sind es schon beinahe sechs Jahre, dreihundert Kolumnen, und der wöchentliche Abgabetermin ist mir so zur Gewohnheit geworden, dass ich ihn kaum mehr als solchen wahrnehme. Nur schon deshalb ist es gut, ihn zu unterbrechen. Was werde ich schreiben, was muss ich schreiben, wenn ich nichts schreiben “muss”?
Eine Kolumne sei ein Text, der nur aus einem einzigen Grund geschrieben wurde: weil der Abgabetermin droht – ich glaube, Peter Bichsel hat das einmal gesagt. So oder so ähnlich. Im Unterschied zum journalistischen Text ist bei der Kolumne der Inhalt nicht vorgegeben. Nur die Länge und eben, der Abgabetermin. Mehr Freiheit gibt es nicht. Ausser natürlich der, ganz ohne Abgabetermin zu schreiben.
Die Frage, ob ich ein Workoholic sei, beantworte ich mir auf der Bühne selber: Wenn ich schreibe, bin ich glücklich. Es gibt für mich keine Trennung zwischen Ferien und Arbeit. Deshalb geht auch die Kolumne weiter. Aber nicht, weil ich von unterwegs liefere, sondern weil ich vorgearbeitet habe. Nach dem Auftritt trinken wir Champagner. Und ich beschliesse, in den nächsten drei Monaten weniger zu schreiben und mehr schreiben zu lassen. Keinen Abgabetermin einzuhalten – auch diesen nicht. Ausser aus Versehen. 
Oft höre ich Stimmen. Mir ist klar, dass ich dadurch in die Kategorie “verrückt” falle, aber das kümmert mich nicht allzu sehr. Wenn man wie ich glaubt, dass der Kopf sich selbst heilen will und dass die Psyche Kohärenz und nicht Auflösung sucht, dann liegt sie Schlussfolgerung nahe, dass der Kopf das Nötige hervorbringen wird, um an dieser Kohärenz zu arbeiten. Das schreibt Jeanette Winterson in 


Es gibt nichts mehr zu tun. Das Buch ist geschrieben, lektoriert, korrigiert, gesetzt und wird jetzt als Vorabexemplar gedruckt. In zwei Wochen sollte es da sei. In drei Wochen reise ich ab.


Letzte Woche wollte jemand meinen Verleger umbringen. Jedenfalls eher den Verleger als eine Romanfigur, konkret den schönen Dr. Mizrahi. Welcher ja überlebt hat. Deshalb heute ein paar Worte zum Lektorat: Es ist so wichtig. Es ist unverzichtbar. Es ist ein Geschenk.
Also. Jetzt ist es so weit. Jetzt kann sie kommen, die Erschöpfung hinter der Ziellinie, die Melancholie nach der Geburt, das bodenlose schwarze Loch. Ich habe die letzte Überarbeitung abgegeben. Der Roman ist fertig. Dr. Mizrahi lebt!
Eigentlich wollte ich heute Karins Frage nach der “postnatalen Depression” beantworten. Mit Ja beantworten: Ja, natürlich kenne ich das auch. Dieses Gefühl der Leere, wenn die Figuren sich verabschieden. Diese Verlorenheit beim Auftauchen aus einer anderen Dimension. Man reibt sich die Augen und schaut sich um: Wo bin ich denn hier? Und was soll ich jetzt mit mir anfangen?
Letzte Woche war ich zwei Tage in München. Eine dieser Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, als ich noch dachte: Bis dann bin ich ja längst fertig mit dem Roman. Dann hab ich Zeit.
Wer schon bei mir war, weiss, was jetzt kommt. Der berüchtige zweite Punkt meines legendären Sechs-Punkte-Programms zum Überarbeiten. Oder wie aus einem ersten Entwurf ein zweiter, und dann ein dritter wird. Der dritte erst wird dann einem potentiellen Verleger gezeigt. Wie hier schon ausführlich gebeichet, halte ich mich nicht an mein eigenes Programm. Den ersten, wichtigen Punkt, weglegen, habe ich diesmal ganz übersprungen. Nicht nur lege ich den Text nicht weg, ich schreibe das Ende, während ich den Anfang überarbeite. Das funktioniert erstaunlich gut, vielleicht, weil sich das Ende schon am Horizont abzeichnete, als ich mich auf dieses Experiment einliess. Vielleicht bin ich aus deshalb so langsam diesmal: Weil ich das Ende kommen sehe. Und statt Erleichterung erfüllt mich Melancholie: Wer weiss, wann ich Nevada wieder sehen werde. Manche Figuren verschwinden ja ganz aus meinem Leben, wie undankbare Kinder, treulose Freunde, wie Poppy. Ich meine dich, Poppy!