Travelling Circus

11-1Es ist Samstag, ich lese die Kolumne von Frau Roten im Magazin: Sorry, sagt sie, sie sei dann mal weg. Für die nächsten drei Monate schreibe sie keine Kolumne. Ich lasse das Heft sinken. Keine Kolumne? Wie geht das? Wie schreibt man drei Monate lang keine Kolumne? Ist es dann überhaupt noch eine Kolumne? Ich tue, was ich in solchen Momenten existenzieller Verwirrung immer tue: Ich rufe das grosse, allmächtige Netz an. Ich bitte um Antworten. Und finde viele. Finde heraus, dass es durchaus üblich ist, regelmässige Kolumnen zu unterbrechen. Wegen Krankheit und Tod, während der Babypause oder einfach, weil die Kolumnistin Ferien macht. Na, so etwas! Warum hat mir das niemand gesagt? Schlimmer, warum bin ich selber nie auf eine solche Idee gekommen? Was sagt das über mich aus? Bin ich ein Workoholic?

Bevor ich auf diese Frage eine schlüssige Antwort finde, fahre ich nach Winterthur, wo wir noch einmal autreten, Sibylle und ich. Zu Lesungen erscheine ich immer erst eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn. Im Theater ist das anders. Da muss man Stunden im Voraus zum Soundcheck antreten, zur Lichtprobe, dann etwas essen, wenn man kann – hier zeigt sich, wer Bühnenerfahrung hat: Die, die etwas isst. Garderobe, umziehen, schminken, noch mal den Text anschauen…. Auf meinem Schminktisch steht mein Laptop aufgeklappt. Sibylle runzelt die Stirn. “Du bist ja ganz woanders!” Ich schreibe vor der Vorstellung noch schnell eine Kolumne, die ich auf der Zugfahrt zwischen Aarau und Winterthur angefangen habe. Meine Kolumne fällt nicht aus. Ich schreibe sie vor. Man weiss ja nie. Früher hatte ich immer mindestens einen Text in Reserve, in den letzten Monaten habe ich das nicht mehr geschafft. Oder nicht mehr für nötig gehalten?

Ich habe mich an den wöchentlichen Rhythmus gewöhnt. Anfangs dachte ich, ich würde ihn höchstens ein Jahr durchhalten. Jetzt sind es schon beinahe sechs Jahre, dreihundert Kolumnen, und der wöchentliche Abgabetermin ist mir so zur Gewohnheit geworden, dass ich ihn kaum mehr als solchen wahrnehme. Nur schon deshalb ist es gut, ihn zu unterbrechen. Was werde ich schreiben, was muss ich schreiben, wenn ich nichts schreiben “muss”?

Eine Kolumne sei ein Text, der nur aus einem einzigen Grund geschrieben wurde: weil der Abgabetermin droht – ich glaube, Peter Bichsel hat das einmal gesagt. So oder so ähnlich. Im Unterschied zum journalistischen Text ist bei der Kolumne der Inhalt nicht vorgegeben. Nur die Länge und eben, der Abgabetermin. Mehr Freiheit gibt es nicht. Ausser natürlich der, ganz ohne Abgabetermin zu schreiben.

Die Frage, ob ich ein Workoholic sei, beantworte ich mir auf der Bühne selber: Wenn ich schreibe, bin ich glücklich. Es gibt für mich keine Trennung zwischen Ferien und Arbeit. Deshalb geht auch die Kolumne weiter. Aber nicht, weil ich von unterwegs liefere, sondern weil ich vorgearbeitet habe. Nach dem Auftritt trinken wir Champagner. Und ich beschliesse, in den nächsten drei Monaten weniger zu schreiben und mehr schreiben zu lassen. Keinen Abgabetermin einzuhalten – auch diesen nicht. Ausser aus Versehen.   images-1

 

 

 

 

Vom Schreiben und Geschrieben haben.

jeanette-winterson-memoir-007Oft höre ich Stimmen. Mir ist klar, dass ich dadurch in die Kategorie “verrückt” falle, aber das kümmert mich nicht allzu sehr. Wenn man wie ich glaubt, dass der Kopf sich selbst heilen will und dass die Psyche Kohärenz und nicht Auflösung sucht, dann liegt sie Schlussfolgerung nahe, dass der Kopf das Nötige hervorbringen wird, um an dieser Kohärenz zu arbeiten.  Das schreibt Jeanette Winterson in “Warum glücklich statt einfach nur normal?”

Das Buch handelt von einer vorsichtig ausgedrückt verwirrenden Kindheit. Von der fanatisch religiösen Adoptivmutter, die sich eine ganz eigene Realität erschaffen hatte, die sie Mann und Kind mit gnadenloser Härte aufzwang. Wer sich nicht fügte, wurde bestraft. Ausgeschlossen, eingesperrt, geschlagen, exorziert. Was Frau Winterson beschreibt, ist herzzerreissend. Wie hat sie diese Einsamkeit, dieses Ausgeliefertsein an eine grausame Macht überlebt?  Warum ist sie nicht druchgedreht? Beziehungsweise, warum konnte sie sich immer wieder retten, auch aus Anflügen von Wahnsinn und Verzweiflung?

Weil sie schreibt. Ganz einfach. Das Schreiben ist eine äusserst wirksame Methode, vielleicht die einzige, die eigene Realität festzuhalten, ihr einen Platz einzuräumen im Konstrukt der anderen. Denn aus diesem Konstrukt gibt es für das Kind kein Entrinnen. Ausser auf dem Papier. Diese Art von Schreibenmüssen, Schreiben als Massnahme, als Überlebensstrategie kennen viele Schriftsteller. Dann gibt es andere, die behaupten, es sei alles eine Frage des Handwerks und der Berechenbarkeit der Leserwünsche. Sie sind fleissig und erfolgreich und es ist nichts gegen sie zu sagen. Ich möchte nur nicht mit ihnen am Tisch sitzen. Und ihre Bücher lese ich auch nicht gerne. Das hat aber nichts zu bedeuten. Nicht das Geringste. Das ist nur meine ganz persönliche Art, das Leben zu leben.

Einen solchen Kollegen habe ich kürzlich im Zug getroffen und ihm von meiner Reise erzählt. Mein ursprüngliches Konzept habe ich aus dem Fenster geworfen. Es löste sich noch im Flug in Luft auf. Mein Verleger zuckte nur mit den Schultern. Ich habe die “brilliante Idee” zwar verkauft, aber nur verbal. Nichts unterschrieben, nichts ausbezahlt bekommen. Ich bin also vollkommen frei. Das ist ein grosser Luxus. Der grösste überhaupt. Eine Zeitlang habe ich Reisereportagen geschrieben, was ich mir sehr aufregend vorgestellt hatte. Die Realität sah aber so aus, dass man sich von Fluggesellschaften und Hotels einladen lassen und diese dann lobend erwähnen musste. Einmal wollte ich über die junge Literaturszene in New York berichten, ich besuchte Schriftstellerkollektive und Talentschmiede-Lesungen, redete mit Schreibstudenten und Nachwuchstalenten. Das alles fiel den vorgeschriebenen Zeilen über die Fluggesellschaft und die diversen Hotels zum Opfer. Das war keine Reisereportage, das war eine PR-Geschichte. Kürzlich habe ich gelesen, dass immer mehr Journalisten “die Fronten”,  also zur PR, zum Marketing wechseln. Weil sie da mehr verdienen – vielleicht auch, weil es dann wenigstens klar deklariert wird, wofür sie bezahlt werden?

Anyway. Der Kollege im Zug ging automatisch davon aus, dass ich in meiner Funktion als Schriftstellerin nach Amerika reisen würde. Am deutschen Haus der New York University lesen, in Cambridge einen Vortrag halten würde. So wie er selber neulich. Das sind die schönen, seltenen Momente der Würdigung. So etwas würde mir nie passieren, dachte ich früher immer, ich gehöre ja nicht wirklich dazu, zur “Literaturszene Schweiz”. Was immer das ist. Und wie um mir diese Annahme zu bestätigen und mich gleichzeitig darüber hinwegzutrösten, erreichte mich diese prestigiöse Einladung vor fast zehn Jahren – mit “Schlampenyoga”. Einem autobiographischen Essay über meine Suche nach Erlösung auf einer Odysse durch sämtliche kalifornischen Yogastudios. Eine Auseinandersetzung mit der yogischen Philosophie auch, mit viel Fachwissen durchzogen. Das unliterarischste all meiner “unliterarischen” Werke also. Und ausgerechnet dieses Buch verschaffte mir die Einladung an die NYU und nach Cambridge und sogar an eine Konferenz für nordamerikanische Deutschprofessoren. Dort diskutierten wir leidenschaftlich die Herkunft des Begriffs “Schlampe” und sortierten bunte M&Ms als “Mosers Motive”. Es war grossartig. Es war nicht wichtig.

Jedenfalls nicht für mich. Das Schreiben ist nicht Weg zum Ziel, zum Geschrieben haben. Das Schreiben ist das Ziel. Das Veröffentlichen, die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen ist nicht die Belohnung für das Schreiben, sondern der Preis, den ich dafür zahle. Mich beschäftigt nicht, wie das von mir Geschriebene wahrgenommen wird, sondern wie ich schreibe. Das, und die im Augenblick viel dringendere Frage, ob ein neues Reisekonzept nicht nach neuen Stiefeln verlangt?12718-DEFAULT-l

 

Geliebte Zwänge

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Ich danke euch allen für eure Anteilnahme an meinen Reiseplänen, für eure Anregungen, eure Unterstützung. Ich weiss jetzt schon ein bisschen mehr – aber ich werde mich an Trices guten Rat halten und nicht alles vorzu ausplaudern. Was natürlich die Frage aufwirft, warum ich dann diesen Blog weiterführe…. Ist ein Blog nicht genau das, ein vorzu-Ausplaudern jedes Gedankens, in Echtzeit? In dem Moment, in dem er entsteht? Im nächsten Moment verflogen, verworfen, das Netzt hält nichts fest, nicht auf Dauer. Schau mir über die Schulter, habe ich euch eingeladen. Was sieht man, wenn man über meine Schulter schaut? Meine Finger auf der Computertastatur. Gerade schreibe ich eine Spiegelgeschichte für ein Doppelheft zum Thema Love/Crime. Vor die Wahl gestellt, einen Krimi oder eine Liebesgeschichte zu schreiben, antwortete ich spontan: Beides. Ich schreibe dieselbe Geschichte zweimal, einmal so und einmal so. Die Idee ist nicht neu, sie ist sogar eine der ältesten und faszinierendsten Gedankspiele: “Was wäre, wenn…?”

Für Sans Blague, Magazin für Schund und Sünde haben wir einmal eine ganze Nummer so gestaltet. Von der einen Seite aufgeschlagen, konnte man schöne Geschichten mit glücklichem Ausgang lesen, ohne Tippfehler, klar gedruckt, von schönen Illustrationen begleitet. Drehte man das Heft um, endeten dieselben Geschichten traurig, die Texte waren voller Tippfehler, die Druckerschwärze verschmiert, die Illustrationen düster. Immer noch eines meiner Lieblingshefte. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung, lehrt die östliche Weisheit: Was zu beweisen war.

Das sei aber viel Aufwand, gab die Redaktion auf meinen Vorschlag hin zu bedenken, und der werde ja nicht einmal bezahlt… Egal, mein Spieltrieb ist wieder erwacht und das ist unbezahlbar. Die Teile von mir, die mit dem Roman beschäftigt waren, regen sich wieder. Ich habe wieder Lust, etwas auszuprobieren. Von der Schreibtischkante zu köpfern, ins Leere zu springen.

Diese Lust auf das Unbekannte wird mich auf meiner Reise begleiten. Hoffe ich. Doch erst muss ich noch einen winzig kleinen Ärger loswerden. Dass ich mich als “betroffene Frau und Mutter” wie wir in den achtziger Jahren mit beissender Ironie gern sagten, einfach abmelden kann, ganze drei Monate lang, ist offenbar immer noch ein Thema. Oder wieder ein Thema? Denn in den achtziger Jahren wäre es wohl keines gewesen. Damals gingen wir selbstverständlich davon aus, dass die gesellschaftliche Veränderung in eine Richtung gehen würde, nämlich vorwärts… Ein Thema jedenfalls, das ich gründlich satt habe, und doch komme ich nicht darum herum. Weil ich eine …. siehe oben bin. Umgekehrt schwer vorstellbar: Wie, Sie fahren einfach weg, Herr Lappert, Herr Stamm? Haben Sie denn keinen Haushalt zu erledigen, keine Kinder zu betreuen, keine Topfpflanzen zu giessen, keine Katzen zu füttern, Herr Capus, Herr Dean? Nein – Sie sind ja Schriftsteller. First and foremost.

OK. OK. Tief durchatmen, den Impuls unterdrücken, das Alter meiner Söhne aufzuführen, meine reale Abwesenheitszeit auszurechnen, mich zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Genug davon. Genug. Genug.

Die Sachzwänge, die wir gerne anführen, wir Frauen, die wir verfluchen, gegen die wir uns auflehnen, diese Zwänge geben uns auch Halt. Ich kann nicht weg, denn ich werde gebraucht. Ich kann nicht zur Tür raus, weil sonst hinter mir das Chaos ausbrechen würde. Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht. Ich kann meinen Platz nicht verlassen – immerhin habe ich einen Platz. Die Sachzwänge in meinem Leben haben sich aufgelöst. Alles, was mich vor Jahren, als ich die Idee von diesem Roadtrip entwickelte, zurückhielt, ist nicht mehr. Manches habe ich bewusst abgelegt, anderes hat sich von selber gelöst, nicht immer nach meinem Willen und Wunsch. Manche Stricke waren schwer abzulegen, schmerzhaft, so tief hatten sie sich in die Haut gefressen. Sie haben Narben hinterlassen. Doch hier stehe ich nun und bin frei. Frei zu sagen: Ich mach mich dann mal auf den Weg. Auf die Suche.

Wonach? Nicht nach mir. Nach den anderen. Nach meinem Platz in der Welt. Nach neuen Zwängen?
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Nach dem Buch ist vor dem Buch.

jack-kerouac-2-540x304Es gibt nichts mehr zu tun. Das Buch ist geschrieben, lektoriert, korrigiert, gesetzt und wird jetzt als Vorabexemplar gedruckt. In zwei Wochen sollte es da sei. In drei Wochen reise ich ab.

Das hat mit der neuen brillianten Idee zu tun, oder eher mit einer alten brillianten Idee. Vor vier oder fünf Jahren begann ich über den klassischen amerikanischen Roadtrip nachzudenken. Thelma and Louise and Jack Kerouac. Easy Rider. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Blue Highways. Etc etc. Der Roadtrip ist ein Mythos. Ein Symbol der Freiheit. Freiheit, nach der ich mich sehnte. Damals. Die Vorstellung, einfach loszufahren, ohne Plan, ohne zu wissen, wo hin und wo durch, reizte mich. Nur, wann? Und wie? Als wir in Amerika lebten, führte ich ein typisches Soccer-Mom-Leben. Der Rhythmus der Schule, der Schulveranstaltungen, Theaterproben, Feiertage und Basketballspiele bestimmten mein Leben. Und es war ein schönes Leben. Es hat mich vor der Korrespondentenfalle bewahrt, dem Leben in einem fremden Land nur zuzuschauen, mit spitzen Finger draufzuzeigen und es aus sicherer Distanz zu analysieren. Ich habe es gelebt. Doch dass ich in acht Jahren so wenig von diesem grossen Land gesehen hatte, wurmte mich.

Das Fenster der Freiheit, dachte ich damals, öffnet sich für eine Frau nicht in der Jugend, nicht zwischen High School und College, zwischen Studium und Beruf. Sondern erst im mittleren Alter, wenn die Kinder “draussen” und die Eltern noch nicht “drinnen” sind. Da liegen ein paar Jahre, in den es nur einen selber geht. Me, me, me!

Und so entstand der Plan, meinen fünfzigsten Geburtstag auf der Strasse zu feiern. Ich würde nach New York fliegen, ein Auto mieten und losfahren. Ganz allein, ohne zu wissen, wo hin und wo durch. Ohne Rücksicht auf andere: Will ich anhalten oder weiterfahren? Rechts ab biegen oder links? Aussteigen, etwas essen, habe ich überhaupt Hunger und meine ich einfach, um 12.30 müsse zu Mittag gegessen werden, weil ich es 25 Jahre lang so gemacht habe? Wusste ich nach 25 Jahren überhaupt noch, wann ich Hunger hatte, wo ich anhalten, abbiegen, aussteigen wollte? Im Alltag konnte ich diese innere Stimme, die mir sagte, was ich wollte, nicht mehr hören. Sie hatte auch keine Funktion, sie hätte diesen Alltag nur gestört. Unterwegs, so stellte ich mir vor, würde meine innere Stimme wieder erwachen, gezwungenermassen. Ich wäre schliesslich ganz auf sie gestellt. Und so wären die grössten Abenteuer, die ich auf dieser Reise erlebte, innerliche. Irgendwann würde ich in San Francisco ankommen, dachte ich, und dort meinen Geburtstag feiern. Schmutzig, müde und frei. Fünfzig.

Brilliante Idee. Das wird ein Buch, sagte der Verleger. Schick uns einen Artikel, die Zeitschrift. Und jetzt ist es so weit. Am 7. Mai fliege ich nach New York. Eine Nacht schlafe ich bei einer Freundin. Am nächsten Morgen werde ich ein Auto mieten. Oder in einen Greyhound-Bus steigen.Sonst weiss ich noch nichts – ausser dass ich die Reise anfang Juni unterbreche und für zwei Auftritte in die Schweiz zurückfliege. Aber das ist nicht das Problem.

Es ist viel schlimmer: mein Motor ist tot. Jedes Mal, wenn ich von dieser Idee erzähle – und es ist die erste, die ich je hatte, die überall auf einstimmige Begeisterung stösst – jedes Mal klingt sie in meinen eigenen Ohren mehr wie ein einstudierter Text. Die Zeit hat mich eingeholt. In den Jahren, die seit diesem allerersten Gedankenfunken vergangen sind, habe ich mich von vielen Zwängen befreit. Ich habe gelernt, auf mich zu hören, ich habe mein Leben so umgekrempelt, so dass ich wieder aufrecht in ihm stehen kann. Die brilliante Idee hat sich bereits verwirllicht – und sich so selber ausgelöscht. Ich brauche diese Reise nicht mehr. Ich kann sie natürlich trotzdem machen. Genau so, wie ich sie mir ausgedacht habe. Ich kann das Buch schreiben, den Artikel verkaufen.

Doch da ist noch etwas anderes. Ich suche heute etwas anderes. Nur was? Und – finde ich es auf der Strasse?

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Das unbestechliche Auge

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Es muss sein. Es muss jetzt sein. Die Druckfahnen werden korrigiert, übers Wochenende, schnell, schnell. Ein Vorabexamplar wird gedruckt, für die Buchhändler und Journalistinnen, die bis im Herbst bestimmt vergessen haben, was sie gelesen haben und warum. Aber egal. Es muss sein, es muss jetzt sein, übers Wochenende. Die Druckfahnen sehen heute nicht mehr aus wie Fahnen. Der Begriff stammt aus einer Zeit, in der der erste Andruck ohne Seitenumbruch gemacht wurde. Heute ist im Gegenteil der Umbruch vorgegeben, der Satzspiegel muss bei den Korrekturen berücksichtigt werden, nicht dass am Ende Hurenkinder geboren werden, Schusterjungen entkommen. Das heisst, die letzte Zeile eines Kapitels steht einsam und allein auf einer neuen Seite, beziehungsweise, die erste Zeile eines Absatzes am Ende einer vollen Seite. Was ein Zwiebelfisch ist, wusste ich nicht, ich musste es nachschlagen: Ein Zeichen aus einer falschen Schriftart. Passiert mir oft mit den Anführungs- und Schlusszeichen, keine Ahnung warum.

Ich nehme mir also die Fahnen vor. Dabei sehe ich gar nichts mehr. Den Wald vor Bäumen nicht. Ich habe jeden Satz so oft gedreht und gewendet, dass ich nicht mehr weiss, ob das, was ich lese wirklich da steht oder in meinem Kopf so abgespeichert ist, wie ich es gerne hätte.

Auftritt Franziska Schwarzenbach. Die Unbestechliche. “Wie nun?”, fragt sie. “Nimmt Suleika ab ihrem zwölften Lebensjahr langsam aber stetig zu, wie auf Seite dreissig steht, oder mit vierzehn rasant, siehe Seite 156? Wieviele Kinder konnte Marie in knapp zwei Jahren gebären? Und wie stellst du dir das vor, dass Erika auf Seite 143 gleich zweimal das Zen-Center betritt? Und ist dieses Zen-Center nun ein leeres Zimmer oder voller schwarzgekleideter Menschen???”

Wie bitte? Ich schaue nach, und tatsächlich:

Mit einer Geste forderte sie Erika auf, ihre Schuhe auszuziehen und in die Reihe zu stellen. Dann führte sie sie durch einen kurzen Flur in ein nahezu leeres Zimmer. In der Mitte des Raums stand ein kleiner Altar. Eine Buddhastatue, ein paar Blumen in einem Wasserglas, eine Kerze. An den Wänden lag eine Reihe rechteckiger schwarzer Kissen. Auf drei oder vier davon saßen Leute. Im Schneidersitz auf einem zweiten, runden Kissen oder aufrecht auf einem Stuhl, der auf dem schwarze Kissen stand. Sie hielten die Hände im Schoß und den Blick gesenkt, alle trugen Schwarz. Erika schaute an sich hinunter, die helle Jeans und das weiße T-Shirt, das sie fast täglich trug, wirkten fehl am Platz. Aufdringlich. Sie streifte ihre Schuhe ab. Ihre Füße waren nackt. Sie schämte sich ihrer aufwendig verzierten Gelnägel. Sie fühlte sich mutlos. Die Sensei legte eine Hand auf ihren Rücken, als hätte sie das gespürt.

«Tu einfach, was die anderen tun», sagte sie. Doch die anderen taten nichts. Erika wartete einen Moment. Nichts geschah. Dann tauchte hinter ihr ein junger Mann auf. Er trug tiefsitzende schwarze Trainingshosen und einen leuchtend blauen Kapuzenpullover. Die Kapuze verbarg sein Gesicht. Erika fürchtete sich vor jungen Männern, die so aussahen. Wie Kriminelle. Obwohl sie wusste, dass Suleikas Mitschüler am Gymnasium, wohlerzogene und behütete Jungen, genau so angezogen waren. Sie presste ihre Tasche an sich. Der junge Mann lächelte ihr zu. Dann schob er seine Kapuze in den Nacken. Erika sah, dass er eine Glatze hatte. Ob das ein Zeichen höherer buddhistischer Weihen war? Einen Moment lang gab sie sich der Vorstellung hin, ihren eigenen Kopf kahl zu scheren, die halblangen blondgefärbten Haare loszuwerden und mit ihnen die Verpflichtung, alle drei Wochen zum Friseur zu gehen. Der junge Mann forderte sie mit einem Nicken auf, ihm zu folgen. Er legte die Handflächen zusammen und verbeugte sich in demselben Moment, in dem er über die Schwelle in den leeren Raum trat. Erika versuchte es ihm nachzumachen, während sie gleichzeitig ihre Tasche an die Brust presste.

Wie oft habe ich diese Szene geschrieben, gelesen, noch einmal geschrieben? Schlimmer, wie oft habe ich diese Szene erlebt? Vorsichtig stelle ich die Abschnitte um, bis der Ablauf wieder stimmt. Gerade noch rechtzeitig schicke ich alles zurück. Heute Morgen früh um sechs betrete ich das Zendo wie am ersten Tag. Ich beobachte alles ganz genau. Diese Abläufe, die mir unterdessen so vertraut sind, dass ich sie automatisch ausführe. Ich erinnere mich, wie fremd mir das war, an diesem ersten Morgen vor drei Jahren. Wie genau ich mir alles anschaute und mir zu merken versuchte. Ich wollte ja keinen Fehler machen, nicht unangenehm auffallen, auch nicht im Sitzen, auch nicht in der Stille. Habe ich nicht diese Erinnerung ganz genau beschrieben?

Offensichtlich nicht. Denn ich trete auch heute morgen nicht zweimal über die Schwelle. Oder jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn.

Und hier noch mein Lieblingszeichen, das “deleatur”: Es möge beseitigt werden. Grossartig, finde ich. Und so notwendig. Nicht nur auf den Fahnen.

Deleatur,_Pfennig

 

Kill your darlings (again!)

602022_579711405372333_159783617_nLetzte Woche wollte jemand meinen Verleger umbringen. Jedenfalls eher den Verleger als eine Romanfigur, konkret den schönen Dr. Mizrahi. Welcher ja überlebt hat. Deshalb heute ein paar Worte zum Lektorat: Es ist so wichtig. Es ist unverzichtbar. Es ist ein Geschenk.

Wenn es gut ist. Wenn nicht… nicht.

Gerade beim ersten Buch scheint die Vorstellung unerträglich. So lange hat man gearbeitet. Alles, was man hat, tränkt diese Seiten, alles, was man ist, liegt in diesen Worten. Jahre eines Lebens. Und jetzt sollen wildfremde Menschen kommen und mit schweren Schuhen durch dieses Feld trampeln, mit grobem Werkzeug umstechen, pflügen, rechen? Über meine Leiche! “Kein Maler würde sich von seinem Galeristen ins Bild pinseln lassen!”

Nein. Aber der Maler hat den unermesslichen Vorteil, dass er sein Werk mit einem Blick erfassen kann. Wenn er nur einen Schritt zurücktritt, oder zwei. Selten hat er ein Jahr oder zwei oder sieben an diesem einen Bild gearbeitet. Er weiss – meist – wo er aufhört, und wo die Leinwand beginnt. Wir hingegen, wir haben uns im Wald verloren. Wir sehen nur noch die einzelnen Stämme, auf Augenhöhe, wir kennen jede Narbe in der Baumrinde, jedes Astloch, wir klammern uns an ihnen fest. Jetzt kann uns nur ein ungerührter Blick helfen, eine unbestechliche Hand, die uns ein bisschen weiter weg führt. So weit, dass wir nicht nur die Bäume über ihre Stämme hinaus bis in die Wipfel sehen können, sondern den ganzen Wald.

Ein Beispiel. Nevada und Dantes erste Verabredung. Das Restaurant ist voll, die Stimmung angespannt, der Abend droht zu entgleisen.

An einem Tisch in der Mitte sassen vier junge Frauen, die sehr laut lachten. Ihre Blicke schossen wie Pfeile durch den Raum, prallten an den Paaren ab, streiften immer wieder Dante. Ein schönes, gutgekleidetes Paar sass schweigend da.  Beide mit einem Handy beschäftigt. Er fotografierte das Essen auf seinem Teller, sie tippte Nachrichten ein. Ihr Lächeln fiel nach unten, auf das Gerät, es erreichte die andere Seite des Tisches nicht.

Das junge Paar am Nebentisch lernte sich erst kennen. Sie umkreisten sich gegenseitig mit vorsichtigen Fragen. „Wo verkehrst du denn sonst so?“ „Isst du Fleisch?“ „Wie sieht für dich ein perfektes Wochenende aus?“

Hinter jeder dieser Fragen verbarg sich eine zweite Frage, eine dritte. „Passt du in mein Leben?“ „Kann ich mich auf dich verlassen?“ „Verdienst du mehr Geld als ich?“ „Meinst du es ernst?“

Der Verleger streicht das junge Paar, den doppelten Dialog. Ich schmuggle sie wieder hinein, denn ich hänge an diesem Abschnitt, ich bilde mir etwas auf ihn ein. Hab ich das nicht messerscharf beobachtet? Vielleicht. Der Verleger erwischt mich dabei und merkt, dass er mir erklären muss, was er meint: “Beim Date im Restaurant habe ich noch mal den Dialog von dem jungen Paar am Nebentisch gestrichen. Es ist total unplausibel, dass Nevada da hinhört, wo sie gerade so mit Dante beschäftigt ist. Die Beobachtung schweifender Blicke ist okay, aber einen Dialog über einen längeren Zeitraum – bin ich dagegen.”

Arrrrggghhhhhhhh!!!!!! Er hat Recht. Gut beobachtet oder nicht gut beobachtet: Es gehört einfach nicht hier her. “Kill your darlings, kill your darlings, even when it breaks your egocentric little scribbler’s heart, kill your darlings…” (Stephen King – Experte im Töten)

Das ist ein gutes Lektorat. Ein schlechtes macht aus meiner zwinglianischen Heimatstadt Zürich eine lutheranische. Von wegen Helvetismus, you know. Und hier zum Weiterlesen noch die Geschichte von Raymond Carver und seinem Lektor: Ohne Kommentar.

 

They shoot horses, don’t they?

600full-they-shoot-horses,-don't-they?-photo Also. Jetzt ist es so weit. Jetzt kann sie kommen, die Erschöpfung hinter der Ziellinie, die Melancholie nach der Geburt, das bodenlose schwarze Loch. Ich habe die letzte Überarbeitung abgegeben. Der Roman ist fertig. Dr. Mizrahi lebt!

Und ich?

Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe? In welcher Welt lebe ich, wenn nicht in der meinen? Und mit wem, wenn nicht meinen Figuren?
Der Schreibprozess durchläuft – wie alles andere auch – verschiedene Phasen. Zuerst ist da nur dieses Kribbeln, eine Ahnung, dass da was kommt. Dann beginnt man zu schreiben, Figuren entstehen, bewegen sich, sprechen: Euphorie! Wie eine Frischverliebte kann man an nichts anderes mehr denken. Am liebsten würde man vierundzwanzig Stunden am Stück schreiben. Dieses nicht Wissen, wo es hinführt, diese Atemlosigkeit – hält nicht an. Irgendwann sieht man einen roten Faden, oder mehrere. Irgendwann kennt man seine Figuren so gut, dass man anfängt, sich über sie zu ärgern. Irgendwann weiss man, was als nächstes kommt. Immer mehr fühlt es sich an wie Arbeit. in dieser Phase passiert es oft, dass ich nachts aufwache, kerzengerade im Bett sitze und plötzlich weiss: Ich schreibe das falsche Buch! Zum Glück hab ich jetzt eine viel bessere Idee! Das ist natürlich nicht so. Diese Versuchung der brillianten Idee ist in Wirklichkeit ein kleiner Scherz des Schreibteufels. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wieviele wunderschöne Geschichten seinetwegen in der Schublade enden. Denn die brilliante Idee ist eine Fatamorgana. gibt man ihr nach, findet man sich ein halbes Jahr später garantiert wieder an der selben Stelle, mitten in der Nacht, hellwach, mit einer neuen brilianten Idee. Doch ich kenne diesen Teufel, ich weiss, wie ich ihm begegne. Ich lege ein neues Dokument an, in dem ich die Idee kurz skizziere, nenne es “Brilliante Idee” und verspreche mir, es zu öffnen, wenn ich mit der Geschichte, die ich jetzt gerade schreibe, fertig bin. Meist wird diese dann auch gleich wieder spannender. Als hätte ich eine wichtige Hürde genommen, ohne sie wirklich zu sehen. Es folgt eine Phase der Zuversicht, eine trügerische Sicherheit. Jetzt weiss ich, was ich tue, ich weiss, wo es hinführt. Diese Sicherheit kracht kurz vor dem Ziel noch einmal ein, doch jetzt ist es zu spät. Die letzten dreissig Seiten schreibe ich wie in Trance. Gerade in dieser letzten, intensivsten Phase drängt die eine Realität die andere immer mehr an den Rand. Dann stolpere ich über die Zielliene, erschöpft, durstig, verwirrt.

Und dann? Und jetzt? Jetzt wäre sie da, diese Normalität, nach der ich mich gerade in der letzten Zeit so gesehnt habe. Die Freiheit, die ich am Horizont aufblitzen sah. Doch was fange ich nun mit ihr an?

Ich öffne das Dokument “Brilliante Idee”: Frau fährt mit Urne auf dem Rücksitz quer durch Amerika.

Naja, denke ich. Die Urne muss ja nicht sein. Aber die Frau…. muss ja keine Romanfigur sein. Diese Frau … könnte ich sein!

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Dr. Mizrahi muss sterben. Muss er?

TG-in-Chicago-Hope-thomas-gibson-10183893-1600-2367Eigentlich wollte ich heute Karins Frage nach der “postnatalen Depression” beantworten. Mit Ja beantworten: Ja, natürlich kenne ich das auch. Dieses Gefühl der Leere, wenn die Figuren sich verabschieden. Diese Verlorenheit beim Auftauchen aus einer anderen Dimension. Man reibt sich die Augen und schaut sich um: Wo bin ich denn hier? Und was soll ich jetzt mit mir anfangen?

Doch ich kam gar nicht dazu. Erstens war ich immer noch krank. Und dann hatte ich einen Stapel von Aufträgen abzuarbeiten. Nur einmal, im Zug, der automatische Griff nach dem Taschencomputer und dann der Gedanke: Du musst ja gar nicht arbeiten. Du bist ja fertig. So sass ich dann und schaute aus dem Fenster und dachte: Man könnte auch lesen. Oder winzig kleine Videos auf dem Handy anschauen. Von Bierflaschen, die ins Meer fallen. Oder einfach nur Zug fahren. Einen Moment blitzte etwas auf. Da, wo der Roman gewesen war, diese andere Dimension, dieses doppelte Leben, war jetzt ein Fenster. Und hinter diesem Fenster zog eine Landschaft vorbei, zu schnell, als dass ich sie erkennen konnte.

Das war auch letzte Woche, beim social media workshop, den ich schon erwähnt habe, ein Thema. Wir lernten sehr viel in sehr kurzer Zeit, die meisten von uns waren von der Fülle der Möglichkeiten überwältigt und auch leicht überfordert. Die grösste Frage, die sich uns stellte war die: Wenn wir die sozialen Medien maximal nutzen, haben wir keine Zeit mehr um zu schreiben. Was vermarkten wir dann, wenn wir keine Bücher mehr schreiben können? Doch die Zeit ist nur ein Faktor. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Buchblogs nach Besprechungen meiner Bücher durchforste, dann weiss ich, dass ich dabei nicht nur die Zeit verlieren würde, die ich zum Schreiben brauche, sondern auch den Mut dafür.

Den Mut auch, so zu entscheiden, wie es die Geschichte verlangt.

Zwei Tage später hatte der Verleger schon alles gelesen und korrigiert. Ich sollte jetzt die Korrekturen noch einmal durchgehen, zwei grössere Streichungen bedenken, hier und da etwas ergänzen. “Schaffst du das bis Montag?”, fragte er. Ich schluckte leer. Bis Montag? “Mal sehen”, sagte ich. Und wusste doch schon, dass ich mich auf diese an sich absurde Deadline stürzen würde. Fenster zu! Wieder eintauchen! Untertauchen! Yippie!

“Ihre Depression verkehrt momentan mit einer Verspätung von vier Tagen. Wir bitten um Ihr Verständnis!”

Ausser meinem Verleger hat bisher nur eine Person das Manuskript gelesen, meine Schriftstellerfreundin K.Pie. Sie reagierte auf eine Nebenfigur so:

in einem kurzen Anfall, der nur durch die Erwähnung der betörenden Schönheit des Dr. Mizrahi ein wenig gedämpft wurde- dachte ich, dass du mich portraitiert hast. Dieser versessene Fanatismus. Dieses: “sie müssen mich nicht mögen, aber”….
Rückzug auf die Sache selbst, Verachtung der kommunikativen lieux communs…..
Alle Emotion, die ihm bestritten wird, legt er in die Rettung von Patienten-
kann ein emotionsloser Mensch so viel Kraft in seine Arbeit stecken?
Ist Obsession keine Emotion? Alles was sie über Asperger sagen, ist falsch.

Mein Verleger hingegen: Wenn man bei dir nicht aufpasst, also wirklich! Holst du dir noch einen Asperger-Arzt. Das ist zu viel, weg mit dem, verboten! Brauchts auch überhaupt nicht.

Und ich? Was tue ich jetzt? Ich weiss es nicht. Der Arzt hat sich tel quel zwischen die Zeilen gedrängt. Ich weiss nicht, ob ihn wieder rauswerfen könnte, selbst wenn ich es wollte. Erklären oder gar begründen kann ich seinen Auftritt nicht, noch weniger sein Asperger Syndrom. Ist einfach so.

Ich überprüfe jeden Einwand, indem ich mich ihm noch einmal Zeile für Zeile nähere. Nur so merke ich, ob diese oder jene Szene, dieser Satz, dieses Wort da hingehört oder nicht. Egal wie ich entscheide, irgendjemandem wird es nicht gefallen. Damit muss ich leben. Und das kann ich nur, wenn ich weiss, dass ich die richtige Entscheidung für die Geschichte getroffen habe. Und das wiederum erkenne ich daran, dass die Geschichte mich in Ruhe lässt. Dass ich keine verschwommenen Bilder mehr sehe, keine Satzfetzen mehr im Kopf hin und her drehe, keine Stimmen mehr höre. Gar nichts mehr höre.

Dafür muss es still sein.

 

La gaa laaa

images-1Letzte Woche war ich zwei Tage in München. Eine dieser Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, als ich noch dachte: Bis dann bin ich ja längst fertig mit dem Roman. Dann hab ich Zeit.
- So war es nicht. In München besuchte ich das Mutterhaus, also den Hanser Verlag, zu dem mein Verlag Nagel & Kimche gehört. Also traf ich auch den Mutterverleger Michael Krüger, der sich nach meinem Manuskript erkundigte. Es sei noch gar nicht fertig, sagte ich nonchalant. Er zuckte zusammen. Ich erschrak. Ich hatte das schon so oft gesagt: “Ich bin noch nicht fertig”, dass die Aussage ihren Schrecken verloren hatte. Schnell versuchte ich, mich herauszureden: Es handle sich keinesfalls um eine Schreibblockade, sagte ich. “Keine Sorge! Wird schon! Etc.!”
Am nächsten Tag besuchte ich einen social media workshop, von dem ich nächste Woche ausführlicher berichten werde. Ich war, im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren, am Vorabend nicht mehr mit ins “Schumann’s” gegangen. Und doch schienen die alle fitter und wacher als ich. Vermutlich waren sie nur jünger. Oder ich wurde krank. Das auch. Aber da sass ich und fragte mich, was eigentlich los sei. Warum ich immer noch nicht fertig war. Mehr als zwei Monate über den Termin hinausgeplempert – das ist mir noch nie passiert. In all den Jahren noch nie. Selbst meine Geburten wurden nach einer Frist von drei Wochen eingeleitet. Das Fieber stieg und die Gewissheit wuchs: Ich konnte nicht loslassen. Das war’s.

Nun muss ich kurz innehalten und erklären, wie sehr ich diesen Begriff hasse: Looooooslassen! Was für ein Konzept! Was für eine billige Entschuldigung, sich um nichts mehr zu kümmern, am wenigsten um andere Menschen. “Ich musste halt loslassen”, das klingt für mich sehr oft wie: “Ich wasch meine Hände in Unschuld. Geht mich nichts an!”  Katchie hat das in ihrem Blog Anfang Januar sehr schön beschrieben.

Man müsste im Gegenteil mehr festhalten, denke ich, die anderen festhalten, stützen, unterstützen und vielleicht dafür sich selbst loslassen, seine Vorstellungen, wie die anderen zu sein hätten.

Aber – im Bezug auf mein Manuskript, auf meine Figuren, musste ich mir genau das sagen: “Du musst jetzt ganz tapfer sein. Du musst jetzt looooooooooooos lassen!”

Denn eigentlich hatte ich die letzte Szene schon vor einer Weile geschrieben. Ich kannte den Schluss. Das Ausfüllen einiger kleinen Lücken auf dem Weg zu diesem Bild mit dem Rollstuhl auf dem Balkon würde nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Wenn ich mich nicht ständig ablenken liesse: Oh, könnte ich nicht Sierra wieder mit dem Neurologen verkuppeln? Oder was, wenn Erika im Yoga auftaucht? Und die Sozialarbeiterin von ihrer Kreuzfahrt zurückkommt? Nevada fliegt doch jetzt bestimmt nach Amerika, um Dante abzuholen. Und so weiter. Ich versuchte, dutzende kleiner Epiloge zu basteln: Drei Wochen später, drei Monate, drei Jahre. Weil ich mich von den Figuren nicht trennen konnte. Dabei war ihre Geschichte erzählt. Zu Ende erzählt.

Und als mir das klar wurde, wusste ich: Bald bin ich fertig. Zwei Tage lag ich mit Fieber flach. Zwei Tage leitete ich, bis unter die Ohren mit Medikamenten vollgestopft, einen Kurs. Und trotzdem war ich nach diesen vier Tagen fertig.

Übrigens, die Beatles hatten Recht. Die words of wisdom lauten nicht let it go, sondern let it be.

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Der zweite Schritt.

JanisJoplinMyspaceWer schon bei mir war, weiss, was jetzt kommt. Der berüchtige zweite Punkt meines legendären Sechs-Punkte-Programms zum Überarbeiten. Oder wie aus einem ersten Entwurf ein zweiter, und dann ein dritter wird. Der dritte erst wird dann einem potentiellen Verleger gezeigt. Wie hier schon ausführlich gebeichet, halte ich mich nicht an mein eigenes Programm. Den ersten, wichtigen Punkt, weglegen, habe ich diesmal ganz übersprungen. Nicht nur lege ich den Text nicht weg, ich schreibe das Ende, während ich den Anfang überarbeite. Das funktioniert erstaunlich gut, vielleicht, weil sich das Ende schon am Horizont abzeichnete, als ich mich auf dieses Experiment einliess. Vielleicht bin ich aus deshalb so langsam diesmal: Weil ich das Ende kommen sehe. Und statt Erleichterung erfüllt mich Melancholie: Wer weiss, wann ich Nevada wieder sehen werde. Manche Figuren verschwinden ja ganz aus meinem Leben, wie undankbare Kinder, treulose Freunde, wie Poppy. Ich meine dich, Poppy!

Den zweiten Punkt aber halte ich ein. Das ist der, bei dem die meisten Kursteilnehmer erst mal blass werden. Die zweite Fassung erstelle ich nämlich von Grund auf neu, Buchstaben für Buchstaben, Wort für Wort. Ich flicke nicht im ersten Dokument herum, sondern drucke dieses aus, lege es auf den Schreibtisch und diktiere mir dann Satz für Satz noch einmal in den Computer. Das klingt hirnrissig und genau das soll es auch sein: Es ist eine von vielen Tricks, um das Hirn zu überlisten. Das Hirn nämlich ist bestechlich und eitel. Es akzeptiert Sätze, die nicht meine sind, so lange sie grammatikalisch richtig, und vor allem, wenn sie noch besonders kunstvoll konstruiert sind. Dass es nicht meine Sätze sind, merkt nur der Mund, der sie dann nicht aussprechen kann. Der über Worte stolpert, die nicht die eigenen sind.

Wiederholungen, Zeitsprünge, Holperrhythmen, Gschtabigkeiten findet die Zunge schneller als das Auge. Sie lässt sich auch nicht täuschen wie das Auge, sie ermüdet nicht, wird höchstens sauer. Auf einem Wort, das nicht passt, kaut der Mund so lange herum, bis er das richtige ausspuckt. Er ist schneller als der Geist, und er hat mehr Spass am Überarbeiten. Das Hirn muss erst einen Riss bekommen, um das Überarbeiten nicht als Verbessern zu empfinden sondern als eine weitere Form des Spiels.

Diese Methode wurde – wie das Glück so oft – aus der Not geboren. Während der Überarbeitung von “Blondinenträume” schenkte ich mir ein Glas Wasser ein. Das Wasser überlief und tropfte in die Tastatur meines Laptops, unter der, wie sich herausstellte, sein Herz verobrgen war. Dieses Herz gab zischend auf. (Interessant in diesem Zusammenhang die Zen-Geschichte, die Kokyo letzten Sonntag im Kurs erzählt hat, von der überlaufenden Teetasse, ich wiederhiole sie hier nicht, ich denke noch darüber nach.) “Hätten Sie Whisky getrunken oder Kaffee”, sagte der Techniker damals. “Dann hätten wir vielleicht noch was retten können. Aber Wasser…” So wird man bestraft, wenn man vernünftig ist. Damals, es war in den frühen Neunziger Jahren, gab es irgendwo in Zürich eine Werbeagentur, die einen Scanner besass, ein beinahe raumfüllendes Monster, das ich, nach dem alle gegangen waren, mit meinen Manuskriptseiten füttern durfte. Leider spuckte es nur chinesische Schriftzeichen aus. Also blieb mir gar nichts anderes übrig, als mir den Text Wort für Wort, Satz für Satuz, Seite für Seite neu zu diktieren. Nein, ich hatte keine Sicherheitskopie – zum Glück! Die Technik hätte mir einen wichtigen Schritt abgenommen – das kann nicht ihre Aufgabe sein.

Während ich da sass und meine Sätze kaute, merkte ich zum ersten Mal, wie sich die Sprache beinahe ohne mein Zutun, ohne bewusste Anstrengung veränderte auf dem Weg von meinem Mund zu meinen Händen und in die Tastatur. Sie fügte sich ganz von alleine in den Rhythmus, der der ihre war. Wie eine Frau, die ihr Haar ausschüttelt, bis es richtig sitzt. Ohne in den Spiegel zu schauen.

Was für ein Glück. So seine Tage zu verbringen!